Rettet die sanften Riesen

Als Taiwan noch ein Agrarland war, gab es kaum Traktoren. Die besten Freunde der Landwirte fraßen Gras und zogen mit stoischer Ruhe über die Reisfelder: Wasserbüffel. Heute sind sie fast verschwunden, doch einige Taiwaner wollen diese Kultur am Leben erhalten. Wir haben einen TV-Beitrag über sie gedreht.

Wasserbüffel Reisfeld Taiwan

In der gleißenden Sonne von Yunlin County steht Herr Hsieh am Rand seines Reisfelds und betrachtet den 800 Kilo schweren Wasserbüffel, der im wadentiefen Wasser seine Kreise zieht. „Fast wie früher“, sagt der 68 Jahre alte Landwirt, der hier im Süden Taiwans aufgewachsen ist.

Wasserbüffel waren auf dem Land ein allgegenwärtiger Anblick. Sie erledigten die schwere Feldarbeit, bevor die Bauern Maschinen hatten.

Bauern Landwirte Taiwan

„In den fünfziger und sechziger Jahren waren sie noch überall“, erinnert sich Hsieh. Zehntausende Tiere müssen es gewesen sein. Dann wurden sie immer weniger, ersetzt und verdrängt. Heute sollen vielleicht noch 50 der sanften Riesen in Taiwan auf dem Feld im Einsatz sein.

Tuo-Tuo, der heute hier schuftet, ist einer von ihnen. Eigentlich sollte er schon zum Abdecker. Doch er hatte Glück und lebt nun im Stall von Kao I-hsin (高一鑫), ein Dorf weiter.

Vom Aussterben bedroht

Bedächtig stapft Kao hinter Tuo-Tuo her, immer hin und zurück durch Wasser und Schlamm. Mit erst 34 Jahren ist er sehr jung für einen Landwirt in Taiwan. Eigentlich droht das ganze Gewerbe auszusterben. Alternde Bauern, winzige Flächen – dieses Feld von Herrn Hsieh hat gerade mal einen fünftel Hektar – und der Preisdruck haben dafür gesorgt.

Doch Kao hängte seinen alten Job an den Nagel, ließ sich umschulen und entdeckte dabei sein Herz für die Wasserbüffel. Zwei Tieren hat er nun auf seinem gemieteten Hof untergebracht, in einem alten Ziegelbau.

Bauernhaus Farm Taiwan

Mit ihnen bewirtschaftet er einige gepachtete Flächen selbst und verdingt sich bei anderen Landwirten aus der Gegend wie Herrn Hsieh.

Hinter sich zieht Tuo-Tuo heute keinen Pflug, sondern einen Balken, um die schlammige Erde wieder flach zu ziehen. „So zieht das Wasser gleichmäßiger in den Boden ein“, erklärt Hsieh.

Gut für die Bio-Qualität

Warum heuert er Kao und seinen Ochsen an, statt die Arbeit per Maschine erledigen zu lassen? „Ein Wasserbüffel verdichtet den Untergrund nicht so sehr.“ Hsieh setzt auf Bio-Anbau. Diese 2000 qm bringen ihm zweimal im Jahr eine Ernte von je 1400 kg Reis.

Wasserbüffel galten als Partner der Bauern, nicht als Werkzeuge. Und so essen Kao, und Hsieh auch heute noch aus Überzeugung kein Rindfleisch. Nach zwei Stunden ist die Arbeit hier erledigt. Kao lässt Tuo-Tuo auf die Ladefläche seines Lieferwagens klettern, der unter dem massiven Tier kräftig in die Knie geht. Er fährt ihn nach Hause, spritzt ihn mit einem Schlauch ab und schneidet ihm neben der Auffahrt einen Arm voll frisches Gras. „Die Tiere haben Charakter“, sagt er und streichelt den Büffel so wie andere ihren Hund oder vielleicht ein Pferd.

Unser Beitrag fürs deutsche Fernsehen

Kao und einige andere Taiwaner wollen die Wasserbüffel-Kultur vor dem Aussterben bewahren. Ich hatte dem Team des ARD-Studios Tokio dabei geholfen, einen Beitrag über sie zu drehen.

–> Hier ist das Video <–

Dort sehen Sie außerdem, wie wir Kao zu einem Tempel begleiten, der speziell Wasserbüffeln gewidmet ist. Wie bei Tempeln in Taiwan üblich, sollte man zum Gebet Opfergaben mitbringen, die bei dem sprituellen Gegenüber gut ankommen. Das tat er dann auch.

Urlaub mit Wasserbüffeln

In einer lieblichen Ecke von Hsinchu County treffen wir auch Lee Chun-hsin (李春信). Der Künstler ist Wasserbüffel-Retter geworden. Er betreibt die „Wasserbüffel-Schule“ mit dem Ziel, das Wissen um die Tiere weiterzugeben. Bei ihm hatte Landwirt Kao den Umgang mit den Tieren erlernt, durch ihn konnte er Spenden sammeln, um Tuo-Tuo vor dem Abdecker zu retten.

Die Rinder haben einen luftigen Unterstand auf Kaos kleinem Hof. Zwei Mädchen, zehn oder elf Jahre, wuseln herum. Sie schneiden den Tieren frische Blätter, füttern und streicheln sie, und nach einiger Überwindung misten sie auch den Stall aus.

Wasserbüffel Fluss Taiwan

Die beiden kommen aus Taichung und Taipeh, kannten sich vorher nicht, und verbringen hier gerade eine Woche „Ferien auf dem Bauernhof“ – ohne Eltern oder Handy, aber mit riesigen Gefährten und einem naturbelassenen Bach gleich um die Ecke.

Dorthin führt Lee mit den Mädchen einen Wasserbüffel, den es sofort Richtung Wasser zieht. Aufhalten ist unmöglich, sich in den Weg zu stellen nicht ratsam. Mit sichtlicher Wonne steigt das Tier bei knallender Hitze in das klare Wasser.

Und was machen Kinder mit so einem Spielkameraden? Zum Beispiel auf seinem Rücken durch den Fluss reiten.

Wasserbüffel Fluss Taiwan

Im Obergeschoss seines halb im Rohbau belassenen Hauses hat Lee sein Wohnzimmer/Atelier. An der Wand hängen Kunstwerke, die er mit Hilfe seiner Tiere geschaffen hat: Hufspuren auf Papier, Hufspuren in getrocknetem Schlamm. Auch die Spuren, die ein Büffeln bei der Arbeit über das nasse Reisfeld zieht, inspirieren ihn zu Bildern.

Nachdem ich ein paar Drehtage mit Kao und Lee verbracht habe, kann ich ihre Faszination nachvollziehen. Es wäre schade, wenn irgendwann niemand mehr weiß wie ist, wenn diese prächtigen, friedlichen Tiere über Taiwans Reisfelder stapfen.


2 Kommentare zu “ Eine Drehreise fast wie eine Zeitreise: Wasserbüffel in Aktion ”

  1. Daniel sagt:

    Danke für den schönen Artikel!
    Weißt Du, ob man die Büffelschule auch als Tourist für einen Tagesausflug besuchen kann? Aus dem ganzen Chinesischen bin ich leider trotz Übersetzer nicht sehr schlau geworden. Ich bin demnächst wieder mal in Hsinchu und da wär es toll, mir das alles mal selbst anzusehen.

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