Kotau vor China in Sachen Taiwan: Wie begründet Lufthansa das?

China will Taiwan auf allen möglichen Wegen das Wasser abgraben. Dazu gehört es, Taiwan in den Augen der Weltöffentlichkeit möglichst klein zu halten. Auch die Lufthansa gab klein bei. Warum genau? Die Antwort finde ich beschämend.

Lufthansa Website Taiwan China

Von Diplomaten habe ich erfahren, dass ihre chinesischen Kollegen sich im heimischen Ministerium wohl „Brownie-Points“ verdienen, wenn sie Taiwan erfolgreich schikanieren. Die Masche, internationale Konzerne und sogar Behörden wegen ihrer Online-Aktivitäten unter Druck zu setzen, ist dabei offenbar besonders erfolgversprechend.

Taiwaner sind seit Jahren an solche Schikanen gewöhnt. Manchmal gelingt es ihnen, eine Umbenennung in „Taiwan, China“ oder „Taiwan, Provinz Chinas“ wieder rückgängig zu machen. Meist aber nicht.

Seit Januar häufen sich nun die Fälle:

  • Die Website des Marriott-Hotelkonzerns wurde abgeschaltet
  • Australiens Airline Qantas (hat sich offenbar damit beholfen, Verweise auf „Land“ zu entfernen, statt Taiwans Bezeichnung zu ändern)
  • Dreierpack: Delta Airlines, Klamottenkette Zara und ein Hersteller von medizinischen Geräten
  • Schwedens Steuerbehörde
  • Guter deutschsprachiger Bericht in der NZZ.
  • Ganz aktuell, nicht zum ersten Mal: British Airways
  • …und eben auch Lufthansa.

Lufthansa schreibt nun „Taiwan, China“

Im Januar sah die Lufthansa-Website noch so aus:

Lufthansa Website Taiwan vorher

Ende Februar wurde ich darauf aufmerksam gemacht, auch Lufthansa habe nun den Kotau vollzogen. Mein erster Tweet dazu stieß auf großes Interesse und wurde mehr als 30-mal geteilt (für meine Verhältnisse ist das sensationell):

Die Reaktionen anderer Nutzer – keineswegs nur von Taiwanern – waren einhellig.

Auch andere Medien wie Taiwan Sentinel griffen das auf.

Kurzer Exkurs: Wenn ein Unternehmen sich schon entscheidet, dem Druck nachzugeben und seine Geschäfte in China nicht zu gefährden – gibt es dann keine Mittelwege? Beispielsweise Listen mit „Ziele“ oder „Länder und Regionen“ statt mit „Länder“ zu überschreiben? Auch nicht optimal, aber weniger ärgerlich. Kompromisse, was ihren Status angeht, sind Taiwaner ja notgedrungen gewöhnt.

Meine Anfrage bei Lufthansa

Ich entschied mich, direkt bei Lufthansa nachzufragen, was es mit dieser Änderung auf sich hatte.

Folgende Anfrage schickte ich dem Unternehmenssprecher:

Sicher ist Ihnen bewusst, dass die Entscheidung der Lufthansa, statt „Taiwan“ auf allen Websites nun „Taiwan, China“ anzugeben, hier für einiges Aufsehen gesorgt hat.

In diesem Zusammenhang habe ich einige Fragen und bitte um Antwort:

  1. Ist es zutreffend, dass die Lufthansa mit der Umstellung auf eine Vorgabe der Civil Aviation Administration of China (CAAC) reagiert hat? Falls nicht, was war der Grund?
  2. Was ist die rechtliche Grundlage für die Bezeichnung „Taiwan, China“, wie die Lufthansa sie nun verwendet? Woraus ergibt sie sich?
  3. Ist es für die Lufthansa relevant, dass Taiwan in der offiziellen Staats- und Gebietssystematik des Auswärtigen Amts nur als „Taiwan“ gelistet wird und auch einen anderen Gebietsschlüssel hat als die Volksrepublik China?

Die Antwort So etwas ähnliches wie eine Antwort erhielt ich aus Singapur, von der „Head of Coporate Communications Asia-Pacific“:

Guten Tag Herr Bardenhagen

Mein Kollege (…) hat mir Ihre Anfrage weitergeleitet.

Gerne sende ich Ihnen nachfolgendes Wording. Da in der APAC Region verwendet, ist es in Englisch.

As a company operating globally, Lufthansa considers general laws, regulations, local customs and practices in markets we serve when designing online interfaces to customers. This includes taking customs of the international clientele into consideration. In view of this, Lufthansa has decided to use the applied terms.

Das war alles. Eine typische Weasel-Antwort also, wie Unternehmen sie meiner Erfahrung nach immer gern benutzen, wenn sie sich zu Sachverhalten äußern müssen, zu denen sie eigentlich nichts sagen wollen.

Aber gerade die Tatsache, dass Lufthansa sich so offensichtlich vor einer konkreten Antwort drückt, ist doch sehr vielsagend.

Ich finde das jedenfalls ziemlich peinlich, und – da Lufthansa im Ausland, auch in Taiwan, trotz Privatisierung oft noch immer Aushängeschild Deutschlands gesehen wird – auch beschämend.

Protest, Boykott, oder was?

Jeder kann sich nun selbst überlegen, wie er darauf reagiert.

Verärgerte Taiwanerinnen haben eine Protestbrief-Aktion gestartet, mit einer Formulierungs-Vorlage, die ich ganz gelungen finde.

Auch diese Gruppe erhielt eine Antwort, die sie nicht zufrieden stellte.

Ich für meinen Teil werde Lufthansa nun nicht unbedingt boykottieren – das schränkt die Möglichkeit von Reisen innerhalb Europas doch zu sehr ein. Und sie ist mit diesem Verhalten ja keine unrühmliche Ausnahme, sie liefert das selbe traurige Schauspiel wie zahlreiche andere Unternehmen.

Aber ich werde für Langstreckenflüge von Asien nach Deutschland sicher auch nicht mehr gezielt ihre Website aufsuchen.


11 Kommentare zu “ Ich habe die Lufthansa gefragt, warum sie nun „Taiwan, China“ schreibt ”

  1. Jerome Huang sagt:

    da steht auch CKS Airport… wenn man den Flughafen waehlt.

  2. Klaus M sagt:

    Warum nennt sich Taiwan dann selbst Republik China (zB auf den Reisepässen)?

    • Das ist eine ganz andere Baustelle.

      Niemand, nicht die betroffenen Unternehmen und schon gar nicht Peking, schiebt als Begründung für diese Umbenennungen vor, dass Taiwans Staatsname ja „Republik China“ lautet.

      Die Regierung in Taipeh selbst protestiert, weil völlig klar ist, dass so eine Zuordnung zu „China“ in den Augen von 99,999999999% der Menschheit = Volksrepublik ist.

  3. Jörg Dölfer sagt:

    Traurig und Rückgratlos sicher. Ein Offenbarungseid die Antwort: wenn, wie von LH versprochen, lokale Gewohnheiten eine Rolle spielen dann möchte ich den Taiwaner sehen, der diese Praxis ebenso benennt. Leider muss ich morgen früh in Ermangelung von Alternativen innerdeutsch wieder LH nehmen, auf den Weg nach Taiwan oder China war und ist das für mich keine Option. Immerhin gehen deutsche Behörden in diesem Punkt korrekt vor (sie stehen ja auch nicht wie die LH unter Druck): für den Aufenthalt stitel, bei der Heirat und jetzt bei der Einbürgerung heisst ist in den Dokumenten beim Herkunftsland Taiwan (manchmal mit dem korrekten Zusatz Republik Of China)

  4. Hans Meixner sagt:

    Das Problem ist ja eigentlich, dass alle Länder, welche eine Botschaft in China unterhalten, gegenüber China zugestimmt haben, dass Taiwan ein Provinz China ist und China die Alleinvertretung hat. Die offizielle Bezeichnung Taiwans ist ja auch Republic of China: ROC und nicht Taiwan. Aber der schnöde Mammon verlangt, dass man nach der Pfeife Chinas „tanzt“, da macht LH keine Ausnahme. Man kann nur Hoffen, dass sich das Problem Taiwan mit der Zeit von selbst löst. (Zugunsten Taiwan)

  5. Hans Meixner sagt:

    Soweit ich informiert bin, mussten alle Länder , welche eine Botschaft in China eröffneten, anerkennen, das China das Alleinvertretungsrecht für China hat und Taiwan ein Teil Chinas ist. Die USA mussten daher die Botschaft in Taiwan, wie auch alle anderen Länder, schließen, bzw. umbenennen wie z.B. bei den USA in:“Representative Office of United States in Taipei“.
    Es existiert formal kein offizielle Anerkennung Taiwans durch die USA. Hier ein anderes Statement aus den USA:
    „Trump hatte sich im Wahlkampf mehrmals kritisch über China geäußert und damit die Regierung in Peking provoziert. Auch ließ der Milliardär offen, ob die USA Taiwan unter seiner Regentschaft weiterhin als Teil Chinas anerkennen würden.“
    Momentan ist der (offizielle) Status in den USA so, dass Taiwan als Teil Chinas von den USA anerkannt wird.

  6. Hans Meixner sagt:

    Warum haben dann die USA die Botschaft in Taiwan geschlossen? Zumindest erkennt die USA Taiwan nicht als souveränen Staat an. Versteh mich nicht falsch, ich hoffe und wünsche, dass Taiwan eines Tages (wieder) ein von der UNO anerkannter, souveräner Staat wird. Das Interesse der USA an Taiwan ist hauptsächlich strategischer und wirtschaftlicher Natur. Gerade wirtschaftlich mit den immensen Waffenlieferungen seitens den USA ist Taiwan „sehr willkommen“. Das Getöse momentan aus den USA kann auch nach hinten losgehen: sollte China dadurch so agieren wie Russland mit der Krim, wird kein Land der Welt militärisch dagegen vorgehen. Da sind halt die wirtschaftlichen (und finanziellen!) Interessen mit China vorrangig. Die „Parade“ der chinesischen Marine in den Letzten Tagen sprach schon Bände.

    • justrecently sagt:

      Hallo Herr Meixner,

      dass ein Staat diplomatische Beziehungen mit dem einen Staat unterhält und jenem Staat zuliebe keine bzw. nur inoffizielle diplomatische Beziehungen mit einem dritten Staat unterhält, sagt allenfalls bedingt etwas darüber aus, ob jener dritte Staat für souverän gehalten wird oder nicht.

      Entscheidend sind die tatsächlichen Souveränitätsverhältnisse, und denen zufolge übt die Republik China alle souveränen Rechte über Taiwan und die dazugehörigen Inseln und inselähnlichen Gebilde (z. B. mindestens einer im südchinesischen Meer) aus.

      Taiwan bzw. die Republik China ist also faktisch souverän. Das lässt sich aus politischen Motiven zwar ignorieren oder bestreiten, begründet sich aber mit der tatsächlichen staatlichen Herrschaft der Republik über Taiwan und umzu.

      Hingegen konnte die Republik China auf die äußere (und innere) Mongolei sowie auf Festlandchina wohl „Anspruch erheben“ (was sie meines Wissens seit den 1990er Jahren nicht mehr tut) – aber ein Anspruch ist keine tatsächliche Herrschaft.

      Umgekehrt gilt das auch für China: es übt keine Herrschaft über Taiwan aus.

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