Fulong kann mehr als nur Strand und Meer

Der deutsche Fahrrad-Reiseführer, den ich hier neulich vorstellte, hat mich neugierig gemacht. So einfach ist es also, von Taipeh aus eine kleine Radtour an der Pazifikküste zu machen? Das musste ich ausprobieren. Hier nun, mit vielen Fotos, der Erfahrungsbericht.

Einer der großen Vorteile, in Taipeh zu leben: Die Möglichkeiten für tolle Tagesausflüge sind fast endlos. Direkt vor der Haustür finden sich Strände und Berge, felsige Küsten und verlassene Bergarbeiterdörfer. Meine wertvollsten Inspirationsgeber sind seit Jahren die beiden „Taipei Escapes“-Bücher von Richard Saunders.

Aber auch das neu erschienene deutsche Radtourenbuch „Taipeh und Umgebung“ hat sich gelohnt: Es machte mich auf den per Rad befahrbaren ehemaligen Eisenbahntunnel aufmerksam, der von Fulong direkt an den Pazifik führt.

Cover Radtourenbuch Taipei und Umgebung

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Fahrt nach Fulong

Fulong ist ein Badeort an Taiwans Nordostküste, bekannt für seinen 3 Kilometer langen Strand und eine jährliche Sandskulpturen-Schau. Jeder Regionalzug, der von Taipeh zur Ostküste fährt, hält hier. Die Fahrt dauert ca. 90 Minuten und kostet 66 NT$, also weniger als zwei Euro.

Direkt am Bahnhof machen sich ein halbes Dutzend Fahrrad-Verleiher Konkurrenz. Standardmodelle kosten 100 NT$ für den ganzen Tag, etwas größere und flottere Ausführungen gibt es für 200 NT$.

Vom Bahnhofsvorplatz gleich rechts die Straße runter, durch grüne Felder, und nach ein paar Minuten hatte ich den Vorplatz zum Tunnel erreicht.

Der „Old Caoling Tunnel“ wurde in den 1920er Jahren unter den Japanern gebaut, um die Ostküste ans Eisenbahnnetz anzuschließen. Weil er nur einspurig befahrbar war, baute man in den 1980ern einen neuen, größeren Tunnel gleich nebenan. Der alte wurde 2008 als Touristen-Radweg wieder freigegeben. Gute Idee!

Genauere Infos (auf Englisch) und viele hübsche Bilder finden sich im Synapticism-Blog. Und hier noch eine offizielle Tourismus-Website.

Heute ist der alte Caoling-Tunnel ein so beliebtes Ausflugsziel, dass er an Wochenenden sogar für Fußgänger gesperrt ist – so viele Radfahrer zwängen sich dann hindurch! Zum Glück konnte ich mir alles unter der Woche ansehen.

Der Tunnel ist mit mehr als zwei Kilometern fast fünf Mal so lang wie der Alte Elbtunnel in Hamburg (als Nordlicht muss ich einfach diesen Vergleich ziehen), und ein gutes Stück schmaler.

Schön kühl war es im Tunnel. Als ich am anderen Ende wieder das Tageslicht erreichte, erwartete mich gleich ein prima Blick auf den Pazifik, mit der Schildkröten-Insel (einem aktiven Vulkan) am Horizont. Da muss ich auch irgendwann mal hin.

Gleich nebenan die Einfahrt zum neuen Eisenbahntunnel. Also auch ein guter Platz für Trainspotter.

Der Blick die Küste runter Richtung Süden ist von dieser Stelle besonders schön, das Foto schmückt oben den Auftakt dieses Artikels. In der Ferne sah ich bis zu den steilen Klippen von Su’ao, wo die Straße besonders spektakulär am Abgrund entlang führt. Auf meiner weiteren Fahrt lag dieser Abschnitt dann nicht mehr im Blickfeld.

Die meisten Fahrradfahrer drehen offenbar um, sobald sie diese Seite des Tunnels erreicht haben, und treten den Rückweg nach Fulong an. Ich wollte aber noch weiter und folgte der guten Ausschilderung (das gilt für die gesamte hier beschriebene Strecke – man kann sich nicht verfahren) zum Küsten-Radweg.

Ab auf den Küsten-Radweg

Hier sieht man, auf der Karte unten in der Mitte, noch einmal den Routenverlauf.

Radtourenführer Taipeh

Entlang der Küste fallen die markanten Gesteinsformationen ins Auge, die angeblich auch „Waschbrett des Teufels“ genannt werden.

Es ist an mehreren Stellen möglich, von der Küstenstraße bzw. dem Radweg hinabzuklettern und sich über die rutschigen Felsen an den Ozean vorzuwagen. Einige Angler machen es vor.

Mit einigen Zwischenstopps näherte ich mich Kap Santiago, dem östlichsten Punkt Taiwans.

Der hübsche Leuchtturm dort steht auf einem Hügel neben der Straße, und ich hatte keine Lust, meine Fahrt an dieser Stelle zu unterbrechen und mich den Hang hinauf zu quälen. Mit Auto oder Scooter lohnt sich ein Abstecher aber sicherlich.

Am östlichsten Punkt selbst fand ich kein herausragendes Fotomotiv, also nehmen wir die Reise gut eine halbe Stunde später wieder auf, im Küstenörtchen Maoao.

Hier steht die recht fotogene Hülle eines alten Steingebäudes. Direkt daneben ist man dabei, eine historische Sanheyuan-Anlage (ein dreiflügeliges Wohnhaus) zu renovieren und zu einem Cafe umzubauen. Mit direktem Blick aufs Meer uns am Radweg gelegen wird es hier sicher nett.

Dies ist der Blick von dem Eingang der örtlichen Grundschule Richtung Meer.

Einige Zeit später erreichte ich dann wieder Fulong. Ohne Zwischenstopps könnte man die knapp 20 Kilometer lange Strecke vom Tunnel an der Küste entlang und zurück in den Ort sicher in 90 Minuten zurücklegen. Aber da würde man viele schöne Eindrücke verpassen.

Am Strand von Fulong

Am östlichen Rand von Fulong steht ein auffälliger großer Tempel. Direkt davor beginnt der Sandstrand. An diesem Ende war er zumindest an diesem Tag kaum besucht. Einige Surfer waren im Wasser, eine einsame Sonnenbadende am Strand.

Ich folgte dem Rat meines Buches, durchquerte den Ort und fand am anderen Ende den Beginn des Yanliao-Radwegs. Ich musste eine Strecke entlang der Hauptstraße fahren, vorbei am großen Campingplatz, dann ging es plötzlich rechts ab in die Vegetation.

Nach einer Weile erreichte ich eine große Hängebrücke über den Shuangxi-Fluss. Mit gefiel diese Aussicht Richtung Westen: Wasser und Strand, viel Grün, Berge und der bereits erwähnte Tempel mit dem leuchtend orangefarbenen Dach – fast wie ganz Taiwan auf einen Blick.

Auf dem Shuangxi-Fluss gibt es übrigens auch geführte Kajak-Touren.

Richtung Yanliao

Der Weg führte nun eine ganze Strecke durch einen wunderbar ablegenen und ruhigen Dünen-Wald. Kein Mensch in Sicht, kaum ein Auto zu hören.

Plötzlich schlängelte sich sogar eine Schlange quer vor mit über den Radweg! Die erste Schlange, die ich in Taiwan überhaupt je in freier Wildbahn gesehen habe. Und viel zu schnell für ein Foto.

Am Ende dieser schönen Strecke erreichte ich wieder den Strand, der sich ohne Unterbrechung bis hierhin durchzieht.

Dieser Küstenabschnitt ist als Freizeitgelände angelegt und eingezäunt, aber als ich kam, waren die Kassenhäuschen verrammelt, und ich konnte einfach durchgehen.

Taiwans unfertiges Atomkraftwerk

Vom Strand hier hatte ich einen guten Blick auf eine ganz besondere Attraktion: Das nicht fertig gestellte Kerkraftwerk Lungmen (oder Longmen). Eigentlich Taiwans viertes Atomkraftwerk. Die Bauarbeiten begannen 1999 und sollten nur einige Jahre dauern. Doch es kam anders. Nach viel Hin und Her, Baustopps und Wiederaufnahmen, und schließlich der Katastrophe von Fukushima verhängte die KMT-Regierung 2014 erneut einen Baustopp und mottete die Anlage ein.

Longmen Atomkraftwerk

Da Taiwan sich der Energiewende unter dem Motto „Nuclear-Free Homeland“ ab 2025 verschrieben hat, ist es sehr fraglich, ob diese Meiler je in Betrieb genommen werden, oder ob das AKW Lungmen als Milliardengrab endet.

Vielleicht kann Taiwan sich Inspiration in Österreich holen: Auch das Kernkraftwerk Zwentendorf ging nie ans Netz, nachdem es durch eine Volksabstimmung gestoppt wurde. Die Nachnutzung dort liest sich ganz interessant.

Ende der Tour

Ich machte mich jedenfalls auf den Rückweg nach Fulong und brachte mein Rad seinem Besitzer zurück. Ungefähr von 11 bis 16 Uhr war ich unterwegs gewesen.

Am Bahnhof machten sich noch immer große Gruppen von Radlern bereit, um in Richtung Tunnel aufzubrechen.

Ein schöner Tag, viele Eindrücke und viel frische Luft. Kann ich nur empfehlen!


Ein Kommentar zu “ Meine Radtour durch einen Tunnel zum Pazifik ”

  1. Detlef sagt:

    Tolle Beschreibung und Fotos!

    Eigentlich meiden wir ja solche Touristenhighlights wie der „Teufel das Weihwasser“ aber als bekennende Bahntrassenradwegfans stand vor zwei Jahren der Weg durch den Tunnel auch auf unserer To-do-Liste.

    Es hat schon etwas, im Radlerpulk durch den Tunnel zu fahren.

    Auch kulinarisch hatte die Tour etwas zu bieten. Unmittelbar am Bahnhof, noch vor den Ständen mit den Leihrädern, wurden die in diversen Reisebeschreibungen hoch gelobten und in der Tat leckeren Fulonger Lunchboxes verkauft.

    Uns ist auch das Besucherzentrum Fulong mit den Schnitzerein und Skulpturen aus angeschwemmtem Treibholz in guter Erinnerung und dessen großzügige blitzsaubere Toilette fand ebenfalls Beachtung.

    Die Bahnfahrt zurück nach Taipei gestaltete sich dann dank Konversationsversuchen von Kids einer Schulklasse recht kurzweilig: „Schnick Schnack Schnuck“ funktioniert auch hier, aber bei den Fingerzeichen für Zahlen gibt es erhebliche Unterschiede…

    Viele Grüße nach Taiwan

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