Mitte der 1930er Jahre erreichte die deutsch-chinesische Zusammenarbeit einen Höhepunkt. Was brachte Nationalsozialisten und Nationalchinesen zusammen? Wieso diente Chiang Kai-sheks Adoptivsohn in der Wehrmacht? Und wieso änderte der Krieg die Lage?

Deutsch-Chinesische Kooperation. Aus dem Archiv des Verteidigungsministeriums der Republik China. Hochgeladen bei Wikipedia von Shizhao.

Taiwan spielt in diesem Kontext zunächst keine Rolle, denn damals war es japanische Kolonie. Trotzdem ist es eine wichtige Zeit, denn es geht um die Vorgeschichte von Chiang Kai-sheks Regierung, die sich 1949 nach Taiwan zurückzog. Wie der „Generalissimo“ selbst verbrachten viele Schlüsselfiguren dieser Ereignisse den Rest ihres Lebens auf Taiwan und bekleideten hier noch wichtige Ämter.

Bei diesem Text stütze ich mich auf folgende Quellen:

Bis 1933

Bereits in den 1920er Jahren holte die nationalchinesische Regierung deutsche Militärberater ins Land. Eine wichtige Rolle spielte dabei Chu Chia-hua (朱家驊, 1893-1963), der zwischen 1914 und 1924 in Deutschland gelebt und 1922 in Berlin als Geologe promoviert hatte. Er wurde im Apparat der Kuomintang (KMT) zur ersten und lange einzigen Führungsfigur mit Deutschland-Erfahrung.

(Im Lauf der Jahre hatte Chu verschiedene Ministerämter inne, war 1940-1957 Präsident der Academia Sinica und 1949-1950 Vizepremierminister.)

Chu Chia-hua

Ende 1927 lud Chu im Auftrag von Chiang Kai-shek den deutschen Oberst Max Bauer, der am Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik beteiligt gewesen war, nach China ein. Bauer gründete dort das Korps der deutschen Militärberatung. Er starb 1929 in Shanghai an den Pocken.

Dennoch hat Bauers kurze Zeit in China den Grundstein für die spätere chinesisch-deutsche Kooperation gelegt, da er der Kuomintang-Regierung zur Modernisierung von Industrie und Militär geraten hat. Er sprach sich für eine Verkleinerung der chinesischen Armee aus, um eine zwar kleine, aber umso besser ausgebildete Truppe zu formen. Auch unterstützte er die Öffnung des chinesischen Marktes, um die deutsche Produktion und den deutschen Export voranzutreiben.

Wikipedia-Eintrag „Chinesisch-Deutsche Kooperation“

Auf Bauer folgten Oberst Kriebel, General Wetzell, Generaloberst Hans von Seeckt (in den 1920ern Chef der Heeresleitung der Reichswehr) und zuletzt (1934-1938) General Alexander von Falkenhausen. Ihre Betreuung war Aufgabe von Chu Chia-hua.

Deutsche Militärberater in China

Chu hatte außerdem einen Deutsch-Österreichisch-Schweizer Klub (DÖS-Klub) gegründet, als Vereinigung für Chinesen, die in einem dieser Länder studiert hatten. Bis 1933 hatte er genug Geld eingesammelt, um in Nanjing ein Klubhaus zu bauen, das mit seinem Restaurant zu einer der besten Stätten für gesellschaftliche Anlässe in der damaligen chinesischen Hauptstadt wurde.

1933 gründete Chu den Chinesisch-Deutschen Kulturverband und wurde dessen erster Präsident.

DÖS-Klub 1927

Einige Gründe für Deutschlands steigende Bedeutung seit der zweiten Hälfte der 1920er Jahre:

Zunächst hatte Deutschland, nach dem Verlust sämtlicher Kolonien durch den Ersten Weltkrieg, keinerlei imperialistische Interessen mehr in China. Dort waren die fremdenfeindlichen Proteste von 1925 bis 1926 hauptsächlich gegen Großbritannien gerichtet. Zusätzlich hatte Deutschland, anders als die Sowjetunion, die bei der Reorganisation der Kuomintang-Partei und der Öffnung dieser für Kommunisten half, keine politischen Interessen in China, die zur Konfrontation mit der Zentralregierung hätten führen können. Weiterhin sah Chiang Kai-shek die deutsche Geschichte als nachahmenswert an, vor allem in der Hinsicht, dass die Vereinigung des Deutschen Reiches nach Chiangs Ansicht lehrreich für die Einigung Chinas sein könnte. Folglich wurde Deutschland als Hauptkraft für Chinas internationale Entwicklung angesehen.

Wikipedia-Eintrag „Chinesisch-Deutsche Kooperation“

Mitte der 1930er Jahre

Die Jahre vor dem Kriegsausbruch waren der Höhepunkt der deutsch-nationalchinesischen Beziehungen. Nicht nur war die Republik China „beim Aufbau moderner Streitkräfte außerordentlich stark von der Unterstützung durch Deutschland abhängig“, wie Chen schreibt. Deutschland, seit 1933 Nazideutschland, war auch ein wichtiger Handelspartner:

  • Seit 1936 importierte China mehr aus Deutschland als aus Großbritannien.
  • Im deutschen Außenhandel stand China nach den USA und Japan auf Platz drei.
  • China war zwischen 1935 und 1937 der größte Importeur von deutschen Rüstungsgütern.
  • China war Deutschlands wichigster Lieferant von Wolfram, das man für panzerbrechende Geschosse benötigte.

1936 wurde neben dem DÖS-Klubhaus in Nanjing auf Betreiben von Chu Chia-hua noch ein neues Gebäude für den Chinesisch-Deutschen Kulturverband gebaut.

Auf diese Zeit, in der KMT und Nazis Verbündete waren, spielt die taiwanische Band Chthonic in dem (blutigen und sicherlich kontroversen) Musikvideo zum Song „Supreme Pain for the Tyrant“ an:

Hintergründe zur Schauplatz-Wahl Shanghai der 1930er Jahre gibt es im Behind the scenes-Video.

Chiang Wei-kuo in der Wehrmacht

1936 oder 1937 (widersprüchliche Angaben) schickte Chiang Kai-shek seinen Adoptivsohn Chiang Wei-kuo ( 蔣緯國, 1916-1997, auch: Chiang Wego) zum Studium an die Militärakademie München. Nach seinem Abschluss wurde Chiang zum Gebirgsjäger ausgebildet. Beim Anschluss Österreichs 1938 kommandierte er einen deutschen Panzer.

1939 sollte Chiang am deutschen Angriff auf Polen teilnehmen, doch kurz zuvor erhielt er die Anweisung, an eine Militärakademie in den USA zu gehen. Aufgrund seiner Erfahrungen hielt er dort vor Panzertruppen Vorträge über deutsche Militärtaktik.

(Nach dem Krieg war Chiang Wei-kuo in Taiwan General der ROC-Streitkräfte und Generalsekretär des Nationalen Sicherheitsrates. Er war außerdem von 1963 bis 1986 Präsident des 1933 von Chu Chia-hua gegründeten Chinesisch-Deutschen Kultur- und Wirtschaftsverbandes, der noch heute besteht.)

Nach Kriegsbeginn

Als in Europa der Zweite Weltkrieg ausbrauch, waren die Beziehungen zwischen Nazideutschland und der Republik China schon belastet. 1937 war Japan, das bereits seit Jahren die Mandschurei besetzt hielt, in China eingefallen. Während der Schlacht um Shanghai führte der deutsche Militärberater Falkenhausen noch Truppen in den Kampf gegen die Japaner. Doch Deutschland entschied sich letztendlich fürs Bündnis mit Japan. Falkenhausen musste China 1938 verlassen.

Ich ließ zurückmelden, daß ich erst mit dem Marschall darüber verhandeln müsse. (…) Als Antwort erhielt ich durch die Botschaft ein Telegramm von Ribbentrop, das mich mit Ausbürgerung, Beschlagnahme meines Vermögens und Einsperrung meiner Geschwister bedrohte, wenn ich nicht sofort abreise. Da erkannte der Marschall, obwohl er Wert darauf legte, wenigstens mich dazubehalten – und ich war entschlossen, die chinesische Staatsbürgerschaft anzunehmen und zu bleiben – in großmütiger Weise an, daß ich es nicht auf mich nehmen könnte, meine Geschwister ins Unglück zu stürzen. Er stimmte unserer Abreise zu. Bei einem Abschiedsessen, das der Marschall uns gab, führte ich in einer Dankesansprache aus, ich sei überzeugt, daß am Ende dieses Kampfes der Sieg Chinas über Japan stehen würde. Naturgemäß brachten die Zeitungen diese meine Voraussage, die meiner innersten Überzeugung entsprach. Hatte ich doch in der jahrelangen Zusammenarbeit mit den Chinesen erlebt, welch ungeheuere, innere Wandlung in der Masse des chinesischen Volkes vor sich gegangen war, besonders auch im jüngeren Offizierskorps, Beamtentum und bei den Studenten!

Alexander von Falkenhausen, Was ich dachte und was ich tat, in: Die Zeit, 27.4.1950

Im selben Jahr erkannte Berlin das japanische Marionettensystem in der Mandschurei (Mandschuko) diplomatisch an.

Auf Drängen Japans erkannte Deutschland im Juli 1941 auch das chinesische Gegen-Regime in Nanjing an, das von Chiang Kai-sheks altem Widersacher Wang Jing-wei geführt wurde. Die nationalchinesische Regierung hatte diesen Schritt vergeblich zu verhindern gesucht. Als Folge brach die KMT-Regierung, die sich inzwischen nach Chongqing zurückgezogen hatte die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich ab.

Jetzt lesen: Taiwan und die USA im Zweiten Weltkrieg

Ab Mitte 1941 lieferten die USA Waffen an China. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 erklärte die Regierung in Chongqing dem Deutschen Reich den Krieg. Damit endeten über zehn Jahre militärischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Chiang Kai-shek wurde zum Alliierten Roosevelts und Churchills.

Es gab allerdings keine direkten Interessenkonflikte oder Kampfhandlungen zwischen chinesischen und deutschen Truppen. Deutsche Staatsangehörige konnten sich im von der KMT kontrollierten Gebiet frei bewegen.

Das Verhältnis brach nicht ab

Der Chinesisch-Deutsche Kulturverband unterstützte in dieser Zeit deutsche Berater und Privatpersonen, die dem Befehl, China zu verlassen, nicht gefolgt waren. Mit Geld, das ursprünglich angeblich aus Chiang Kai-sheks Privatschatulle kam, wurden auch deutsche Hochschulprofessoren und verwitwete deutsche Frauen unterstützt, deren chinesische Ehemänner ums Leben gekommen waren.

Buch Chinas Erneuerung
„Chinas Erneuerung: Der Raum als Waffe“ (1940)

Ein Bericht des deutschen Außenministeriums stellte fest, die militärische Führung in Chongqing lege weiterhin eine deutschlandfreundliche Haltung an den Tag. Er empfahl verstärkte Propaganda, um die KMT-Regierung dem alliierten Lager zu entfremden.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 benutzte Deutschland die nationalchinesische Regierung als Dialogkanal mit den Briten und Amerikanern. Zwischen 1943 und 1944 führten Chongqing und Tokio auch über den deutschen Nachrichtendienst Geheimgespräche über eine Beilegung des chinesisch-japanischen Krieges.

Zusammenfassend hatte die chinesisch-deutsche Kooperation, obwohl sie nur von kurzer Dauer war (…), einige nachhaltige Effekte auf Chinas Modernisierung. (…) Viele Regierungsangehörige und Offiziere der Republik China auf Taiwan wurden in Deutschland als Forschungspersonal oder Offiziere ausgebildet (…). Ein Teil der schnellen Industrialisierung Taiwans nach dem Krieg kann auf die Pläne und Ziele des Drei-Jahres-Planes von 1936 zurückgeführt werden.

Wikipedia-Eintrag „Chinesisch-Deutsche Kooperation“

Wie entwickelten sich die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Republik China auf Taiwan nach Kriegsende? Fortsetzung folgt.


Keine Kommentare zu “ Die Kuomintang und die Nazis ”

Kommentar abgeben