Chinesisch


Es gibt drei Arten von Nicht-Chinesisch-Muttersprachlern:

Die einen, für die chinesische Schriftzeichen ein zwar dekoratives, aber undurchschaubares Buch mit sieben Siegeln sind, so wie vielleicht auch die arabische, thailändische oder koreanische Schrift (nur etwas bekannter, dank Hongkong-Filmen). Sie nehmen zur Kenntnis, dass es sie gibt, und lassen es damit bewenden. Das ist die größte Gruppe.

Dann eine kleine Gruppe von Ausländern, die es wagen, diese Sprache und damit auch die Schriftzeichen zu erlernen. Die wundern sich immer wieder, wenn mit einer neuen Lektion im Lehrbuch wieder ein Dutzend neue Zeichen auf sie niederprasselt, die binnen weniger Tage memoriert sein wollen. So viele Eselsbrücken kann man sich gar nicht ausdenken, wie da gefragt sind. Und dann stellt man fest, dass man trotzdem keinen Zeitungsartikel lesen kann, vielleicht gerade mal den Sinn der Überschrift erfassen. (Ja, da spreche ich aus eigener Erfahrung.)

Und schließlich gibt es einige Menschen, die zwar keine Ahnung von chinesischen Schriftzeichen haben, sich aber trotzdem gerne damit schmücken – vermutlich gerade, weil sie so fremd und exotisch erscheinen. Und das kann tierisch in die Hose gehen.

Schauen wir uns doch mal dieses Bild an. Eine Messe oder ein Autohaus irgendwo in Deutschland. Und weil deutsche Autos an sich so langweilig sind, kann man sie prima mit solchen Aufklebern verschönern:

Schriftzeichen Aufkleber

Wieso sich jemand „Geburt“ oder „Böse“ auf die Karre kleben will, oder seinen Ferrari in „fa-la-li“ umbenennen, das lassen wir hier mal dahingestellt sein. Wer aber drei Euro und mehr für Aufkleber hinlegt, die in der Herstellung vermutlich ein paar Cent gekostet haben, der sollte zumindest korrekte Ware erwarten können. Ist aber nicht so: (mehr …)


Immer wieder klatschen heftige Regengüsse ans Fenster, der Wind heult, im Fernsehen laufen Sturmwarnungen rauf und runter, und kein Mensch ist auf der Straße: Taiwan bereitet sich auf den Taifun Sinlaku vor. Der kommt von Osten auf die Insel zu und soll morgen (Sonntag) die Nordküste streifen.

Die Geschäfte sind geschlossen, Züge fahren nicht, Flüge fallen aus. Das nennen die Taiwaner „typhoon vacation“. Dumm nur, dass gerade Wochenende ist, so haben die meisten Menschen nichts davon.

Co-Bloggerin Susi hat sich heute sogar mal vor die Tür getraut.

Unten rechts steht: 沒事不要外出。méi shì bú yào wài chū. „Wenn Sie keinen guten Grund haben, gehen Sie nicht nach draußen!“ Hurrah, ich kann Chinesisch lesen!   🙂

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Das chinesische Wort für „Taifun“ ist übrigens 颱風 – also tái fēng. Das Wort „Taifun“ stammt offenbar sowohl aus dem Griechischen als auch aus dem Chinesischen – Zufälle gibt’s!

Und ganz am Rande: 風 – also fēng – heißt „Wind“ und ist das selbe Wort wie in „Feng Shui“. Das wiederum bedeutet „Wind und Wasser“ und wird eigentlich ungefähr so ausgesprochen: fong schüey. Die „eingedeutschte“ Aussprache sorgt hier für Unverständnis und/oder Erheiterung.


Kurz vor meiner Abreise aus Taiwan wurde ich noch interviewt – von drei Deutsch-Studenten der Soochow-Universität. Die hatte ich zuvor schon einmal besucht, um mir eine Unterrichtsstunde anzusehen. Christin, Kai sowie Josef (nicht im Bild) arbeiten für das Campus-Radio, wo es neben Beiträgen aus der Reihe „Spaß an Deutsch“ (z.B. Begriffe zu den Themen Musik und Film) auch die Rubrik „Teehaus-Talks“ gibt. Dort könnt Ihr Euch das ganze Gespräch anhören. Es dauert allerdings ein wenig länger, wir sind halt ins Plaudern gekommen…

Die drei sprechen, wie auch viele ihrer Kommilitonen, hervorragendes Deutsch. Respekt! Das hat mir wieder mal deutlich gemacht, wie sehr ich in Sachen Chinesisch noch am Anfang stehe.

Es geht im Gespräch zunächst um mein Stipendium, meine Arbeit als Journalist, später auch um meine Eindrücke von Taiwan, dieses Blog, die Kenntnisse der Deutschen über Taiwan u.v.m. Ich hoffe, dass es für die Hörer an der Uni auch wirklich von Interesse war. Mir hat es jedenfalls Spaß gemacht, und es war schön, die drei kennen zu lernen. Kai möchte eventuell demnächst in Deutschland Film- oder Theaterregie studieren. Drücken wir ihr die Daumen!


Über die faszinierende Welt der chinesischen Schriftzeichen und die Frage, warum die Chinesen nicht schon längst aufs ABC umgestiegen sind, habe ich hier mal was geschrieben.

Schön, dass ich mit meinen Überlegungen offenbar nicht so falsch lag. Heute stellt Spiegel Online sich nämlich die gleiche Frage: Warum schreiben Chinesen mit Zeichen? Und erklärt bei der Gelegenheit auch gleich, was es mit dem elektrischen Gehirn, der elektrischen Sprache und der Hand-Maschine auf sich hat. Über die Unterschiede zwischen Lang- und Kurzzeichen findet sich dort allerdings leider nichts.

Noch mehr zum Thema Schriftzeichen steht in diesem Blog übrigens hier und hier. Und dieses Flash-Video kann ich jedem nur noch einmal nachdrücklich ans Herz legen!


Dieser Eintrag wird ein bisschen länger! Notizen aus dem Alltag – einige Dinge, die in Taiwan halt so sind, nur anders als in Deutschland:

  • Es gibt viele Menschen, also sind auch die Bürgersteige ziemlich voll. Nun ist es nicht so, dass ständig gedrängelt wird. Im Gegenteil, die Taiwaner sind aus unserer Sicht eher gemächlich unterwegs und manchmal wandelnde Hindernisse. Denn wenn man es eilig hat, muss man sie im Slalom überholen – niemand geht einen Schritt zur Seite, um Platz zu machen, wenn sich jemand von hinten nähert. Diese Ausweichbewegung ist im taiwanischen Bewegungs-Katalog nicht vorgesehen
  • Fußgänger haben keine Priorität. Manchmal gibt es gar keine Bürgersteige, oft sind sie sehr eng. Wenn man eine längere Strecke läuft, muss man sich also oft um parkende Autos oder Scooter herumschlängeln
  • Jeder Verkehrsteilnehmer ist sich selbst der Nächste. Autofahrer erwarten beim Rechtsabbiegen, dass Fußgänger sie durchlassen, selbst wenn deren Ampel gerade grün ist
  • Fahrradfahrer sind Exoten oder Überzeugungstäter. Es gibt kaum Radwege, also ist das Fahren gefährlich. Außerdem ist die Luftverschmutzung nicht schön. Weil sich wegen der steigenden Spritpreise nun aber doch mehr Leute aufs Rad setzen, will die Regierung mehr Radwege anlegen. Noch aber sind solche Bilder die absolute Ausnahme – ein zweistöckiger Fahrradständer vor dem Campus der National Taiwan University:
  • In Taiwan fährt man Scooter. Es gibt angeblich etwa als doppelt so viele Motorroller wie Autos. Alle halten sich an die Helmpflicht, aber das ist auch schon so ziemlich die einzige Verkehrsregel, auf deren Einhaltung die Polizei achtet. Beim Abbiegen/Einordnen/Spurwechsel sind die Taiwaner sehr kreativ.
  • Es gibt so viele Roller, dass die Fahrer oft keinen Parkplatz mehr finden.
  • Gelegentlich spaziert man an Werkstätten vorbei, die sich auf Scooter spezialisiert haben. Die belegen dann einen Laden im Erdgeschoss eines Hauses, direkt zwischen Restaurants und kleinen Geschäften. Die Vorderfront ist offen, Reifen und Werkzeuge stapeln sich, es sieht aus wie eine kleine Kfz-Bastler-Werkstatt in Deutschland.
  • Es gibt in Taipei nur vergleichsweise wenig Parks. Und viele davon wurden erst in den vergangenen Jahren angelegt, meist entlang von Flussufern. Entsprechend baumlos sehen sie dann oft aus.
  • Trotzdem strömen an Wochenenden Eltern mit ihren kleinen Kindern in die Parks. Und überhaupt überall hin, wo es schön und/oder was los ist. Den Kleinen soll es gut gehen.
  • Es gibt auf den Straßen kaum Papierkörbe. Wer seinen Müll loswerden will, muss ihn oft ziemlich weit schleppen – z.B. zur nächsten U-Bahn-Station, da gibt es dann sogar Mülltrennung. Ich vermute, so soll verhindert werden, dass jedermann seinen Hausmüll in öffentlichen Papierkörben entsorgt.
  • Es gibt für den Hausmüll keine Tonnen wie bei uns, die dann abgeholt werden. Stattdessen macht die Müllabfuhr jeden Abend ihre Runde, und die Menschen warten an bestimmten Haltestellen mit ihren Tüten auf den Müllwagen. Damit sie ihn nicht verpassen, trötet er über Lautsprecher eine Erkennungs-Melodie (z.B. „Für Elise“). Warum ist das so? Ich empfehle diese Radiobeiträge „Taiwan für Anfänger“. Da wird dieses und noch einige andere Phänomene sehr liebevoll erklärt.
  • In den Müll gehört auch benutztes Toilettenpapier. Angeblich sind die Abflussrohre in Taiwan so eng, dass sie durch Klopapier verstopft werden könnten (mir unverständlich, weil vernünftiges Klopapier wasserlöslich ist). In öffentlichen Toiletten und auch in vielen Hotels stehen also luftdicht schließende Mülleimer bereit, und auf Schildern wird man gebeten, sie zur Entsorgung zu benutzen.
  • Es gibt westliche Toiletten zum Draufsetzen und solche zum Hinhocken. Wer unbedingt sitzen will, muss manchmal das Rollstuhlfahrer-Klo suchen…
  • Die besten und saubersten öffentlich Toiletten sind in den U-Bahn-Stationen. Manchmal werden sie sogar liebevoll geschmückt:
  • In den U-Bahnen sind die automatischen Ansagen viersprachig: Mandarin, Taiwanesisch, Hakka und Englisch.
  • Taiwanesisch und Hakka werden (wie auch Kantonesisch) oft als chinesische „Dialekte“ bezeichnet, unterscheiden sich von Mandarin aber etwa so wie Holländisch oder Schwedisch vom Deutschen.
  • Alle Kinofilme und Fernsehsendungen und DVDs haben chinesische Untertitel. Und zwar auch, wenn sie sowieso in Chinesisch sind. Das hat den Vorteil, dass auch Menschen, die kein Mandarin, aber z.B. Kantonesisch sprechen, alles verstehen. Bzw. jeder, wenn es laut ist oder die Sprecher zu sehr nuscheln.
  • Die Haltestellen-Displays in den Bussen sind manchmal auch Englisch, manchmal nicht.
  • In welcher Richtung ein Bus unterwegs ist, ist oft unklar. Vorne stehen zwar die beiden Endhaltestellen dran, aber die Reihenfolge wechselt nicht, wenn der Bus die Richtung ändert.
  • In Bussen zahlt man manchmal beim Ein- und manchmal beim Aussteigen. Entweder achtet man auf ein Zeichen über dem Fahrer (上車 – Einsteigen, 下車 – Aussteigen), oder man orientiert sich an den anderen Fahrgästen. Auf längeren Strecken wechselt das Zeichen, so dass man beim Ein- und beim Aussteigen zahlen muss.
  • Es gibt in der Stadt keine Fahrpläne mit festen Abfahrtszeiten. Die Busse kommen, oder sie kommen etwas später. Manchmal fahren sogar zwei Busse der selben Linie unmittelbar hintereinander her.
  • Die meisten Busfahrer in Taipei können oder wollen nicht vernünftig fahren und bremsen gerne so abrupt wie möglich.
  • Das Zahlen in U-Bahnen, Bussen und der Maokong-Seilbahn funtioniert ganz wunderbar und schnell mit einer aufladbaren „Easycard“, die nur im Vorbeigehen über das Lesegerät gehalten wird.
  • Easycards kann man im 7/11 kaufen, ebenso wie so ziemlich alles andere, das man je brauchen könnte.
  • Es gibt außer 7/11 noch drei andere Convenience-Store-Ketten. Gemeinsam sind sie an jeder Straßenecke ungefähr zweimal vertreten.
  • In jedem dieser Läden gibt es: Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, DVDs, Getränke (Wasser, Milch, Tees, Cola, Säfte, Mischgetränke, Bier…), Regenschirme, Regenmäntel, Zigaretten, Drogerieartikel, Schreibwaren, Spielzeug, Chips, Kekse, Brötchen, Joghurt, Instant-Nudelsuppen und viel, viel mehr. Mehr als in jedem deutschen Tankstellen-Shop. Und heiße Snacks: Würstchen, die stundenlang auf einem automatischen Grill rotieren. Tee-Eier, die warmgehalten werden. Und undefinierbare Happen am Holzspieß. Schmeckt alles nicht schlecht, wenn man Hunger hat.
  • Im 7/11 kann man auch Fotokopien machen, Faxe senden, Pakete abholen und Rechnungen bezahlen. Und Geld abheben, denn in jedem Laden steht ein Geldautomat.
  • Geldautomaten finden sich sowieso an allen möglichen unerwarteten Orten. Zum Beispiel im Obergeschoss eines McDonald’s, mitten zwischen den Tischen. Abheben mit deutschen Kreditkarten ist kein Problem.
  • Es gibt nur wenig Supermärkte. Carrefour hat ein paar Riesen-Märkte, es gibt einige japanische Ketten, aber ansonsten sind sie dünn gesät. Ihre Einkäufe erledigen die Menschen offenbar lieber in kleinen Läden oder direkt auf dem Markt.
  • Oder sie gehen zum Essen gleich in ein Restaurant. Es gibt tausende, überall. In vielen Straßen hat jedes zweite Haus ein Restaurant im Erdgeschoss.
  • In vielen der einfachen Restaurants spielt die Optik keine große Rolle. Die Möbel sind abgenutzt, Boden und Wände seit 1975 nicht renoviert, Neon-Röhren hängen von der Decke, überall stehen aufgerissene Kartons herum. Aber manchmal gibt es in den schäbigsten Restaurants das leckerste Essen.
  • Nur wenige Restaurants oder Straßenküchen haben eine englische Übersetzung ihrer Speisekarte. Ich bin der festen Überzeugung, dass sie damit auf eine Menge Geld verzichten, denn die meisten Ausländer sind bei ihnen chancenlos.
  • Man bestellt meist nicht direkt bei der Kellnerin, sondern kreuzt auf einem Bestell-Zettel, auf dem die komplette Speisekarte noch mal abgedruckt ist, seine Wünsche an.
  • Die Restaurants in der Fressmeile von Einkaufszentren, Bahnhöfen usw. stellen ihre Gerichte oft als Modell zur Ansicht in eine Vitrine. Modell heißt: Sieht aus wie das echte Essen, ist aber wohl ein Plastikmodell und hält garantiert ewig. Scheint so, dass es Firmen gibt, die für Restaurants maßgeschneiderte Essens-Modelle anfertigen. Oder ist es gar echtes Essen, versiegelt unter einer Art Kunstharzschicht?
  • Einmal saß ich in einem Restaurant, eine taiwanische Familie am Tisch gegenüber. Ich versuche den Zettel zu entziffern. Sie beobachten mich, die Mutter fragt: „Why don’t you eat at McDonald’s?“
  • Ich war in fast vier Monaten nur ein einziges Mal bei McDonald’s. Weil ich den Reis-Burger ausprobieren wollte, statt eines Brötchens hat der zusammengepappten Reis. Er schmeckt nicht.
  • Zum Essen bestellt man in Taiwan normalerweise kein Getränk. Entweder gibt es gratis Tee oder eine klare Suppe, oder man trinkt nichts. Kein Wunder, dass so viele Ausländer ständig mit Wasserflasche unterwegs sind.
  • In den meisten Restaurants gibt es Einweg-Stäbchen aus Holz. Die stecken in dünnen Plastikhüllen. Weil so viele verbraucht werden und die Klimaanlagen sie so leicht durch die Gegend pusten, gibt es oft spezielle Einwegstäbchen-Plastikhüllen-Halter.
  • Man hat erkannt, dass Einweg-Holzstäbchen ökologischer Unfug sind. Es gibt auch erste Schritte, den Verbrauch zu verringern.
  • Zum Würzen nach Wunsch stehen in fast jedem Restaurant Flaschen und Schüsseln mit Sojasauce, Öl, Essig und scharfer roter Höllenpaste. Viele Taiwaner essen gerne schärfer, als es gesund sein kann.
  • An Garküchen und Straßen-Ständen warten Taiwaner nicht darauf, dass der Verkäufer sie anschaut oder gar nach ihrem Wunsch fragt. Sie rufen ihre Bestellung einfach unaufgefordert heraus. Wer sich nicht daran hält, kann manchmal lange warten.
  • Es gibt so gut wie keine Straßencafés. Taiwaner sitzen nicht gerne draußen, wo es heiß ist und die Luft schlecht. Außerdem gibt es kaum Fußgängerzonen und überall zu viel Verkehr. Damit fehlt den Städten ein gutes Stück dessen, was Europäer als Lebensqualität ansehen. Lobenswerte Ausnahme ist der Platz hinter dem Roten Theater (einem alten japanischen Kolonialbau) am Beginn der Einkaufszone Ximending. Da gibt es keine Autos, aber nette Restaurants und Cafés.
  • Alle Wohnungen haben Klimaanlage, aber nirgendwo gibt es eine Heizung. Damit bleibt den Taiwanern zumindest das Problem der steigenden Erdgas- und Heizölpreise erspart, Strom schlägt dafür um so mehr zu Buche. Im tiefsten Winter kann es in Taipeh schon mal 12 Grad haben, dann frieren alle.
  • Das Wetter ist extrem wechselhaft. Jedenfalls im Mai und Juni. Vormittags strahlender Sonnenschein, Punkt 12 Uhr mittags sturzbachartige Regengüsse bis in die Nacht. Oder gleich tagelang Regen. Oder Sonne. Beste Reisemonate sind angeblich Oktober und November.

Spätestens seit meinem ersten Besuch im Deutschen Kulturzentrum in Taipeh wollte ich wissen: Wie funktioniert das, wenn Taiwaner Deutsch lernen?

Vielleicht kennt Ihr das Gefühl: Immer, wenn ich ein bisschen über die Feinheiten des Deutschen nachdenke, bin ich heilfroh, dass ich meine Muttersprache sozusagen instinktiv beherrsche und keine Dativ-Genitiv-männlich-weiblich-Tabellen samt Ausnahmeregeln auswendig lernen muss. Deutsch ist bestimmt nicht die einfachste Sprache für Ausländer. (Chinesisch auch nicht, aber das ist diesmal ausnahmsweise nicht das Thema.)

Über das Kulturzentrum habe ich Heinz Lohmann kennen gelernt, der seit 25 Jahren in Taiwan lebt und hier Deutsch unterrichtet. Er hat mich zunächst mal in seinen Fortgeschrittenen-Kurs am Kulturzentrum eingeladen, wo ich etwas über Medien in Deutschland erzählen durfte.

Die Studenten in diesem Kurs lernen zum Teil schon seit über zehn Jahren Deutsch und sind ziemlich fit. Weil die meisten von ihnen arbeiten, findet der Kurs am Samstag statt. Da sitzt die Rechtsanwältin neben der Computerexpertin, die Staatsanwältin neben der Englischlehrerin.

Da das Thema im Lehrbuch gerade „Medien“ ist, konnte ich über öffentlich-rechtliches Fernsehen erzählen, über die Unterschiede von ARD, ZDF und dritten Programmen, deutsche Tageszeitungen, die Arbeit in einer Nachrichten-Redaktion und auch darüber, warum Themen aus Taiwan in deutschen Medien, vor allem im Fernsehen, so selten eine Rolle spielen.

Ziemlich komplexe Themen also, aber die Studenten mussten nur ganz selten nach der Bedeutung eines Wortes fragen, haben viele Fragen gestellt und auch von der Situation in Taiwan erzählt. Die Privatsphäre von Politikern wird hier z.B. offenbar so gut wie gar nicht respektiert, beim kleinsten Anlass wird auch ihre Familie von Kamerateams verfolgt. Bei den privaten Nachrichtensendern ersetzt Skandalisierung oft die Politikberichterstattung.

Ein paar Tage später hat Heinz Lohmann mich dann an seine Hochschule eingeladen, die Soochow-Universität. Dort gibt es eine Deutsch-Abteilung, in der er als Dozent arbeitet.

Ich habe einen Kurs mit Studenten besucht, die seit drei Jahren Deutsch lernen. Sie sind alle Anfang 20. Einige von ihnen waren gerade für ein Jahr an der Uni Münster, da gibt es ein Austauschprogramm.

Auch diese Studenten beherrschen die deutsche Sprache richtig gut, Aussprache und auch Grammatik. Sehr beeindruckend. Da es ein Konversations-Kurs war, haben sie sich vor allem miteinander unterhalten und gegenseitig befragt (mich auch), und zwar zum Thema „Sport“: Treibst Du regelmäßig Sport? Warum ist Sport gesund? Kann Sport auch gefährlich sein? Warum betreiben manche Leute Extremsportarten? Außerdem habe ich festgestellt, dass sie dank ihres Lehrbuchs z.B. mehr über die Biografie von Reinhold Messner wissen als ich.

Unterm Strich habe ich zwar nicht wirklich mitbekommen, wie Ausländer die deutsche Sprache mit all ihren Feinheiten lernen. Aber dass es funktionieren kann, und sogar ziemlich gut, weiß ich jetzt.


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