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Geschichte


Der gute Japaner von Wushantou

Es ist wohl so ähnlich wie „Das Wunder von Bern“ à la Taiwan: „Kano“ startet kommende Woche in den Kinos, ein historisches Baseball-Epos. Es spielt in den dreißiger Jahren, als Taiwan japanische Kolonie war, und erzählt die Geschichte eines erfolgreichen Underdog-Teams.

Im Trailer zum Film erscheint (ab 1:33) eine interessante historische Figur: Yoichi Hatta, ein japanischer Ingenieur, der in Taiwan Spuren hinterlassen hat und noch heute verehrt wird.

Um über ihn zu schreiben, muss ich ein bisschen weiter ausholen. (mehr …)


Zähne ziehen im Auftrag des Herrn

Die meisten westlichen Ausländer in Taiwan kommen und gehen. Neulich aber stand ich hier am Grab eines Mannes, der vor fast 150 Jahren nach Taiwan kam und wirklich Spuren hinterlassen hat.

George Mackay war 27, als er sich von Kanada auf den Weg in den Fernen Osten machte. Der presbyterianische Pastor ging in Taiwans Norden, als erster christlicher Missionar überhaupt.

Taiwan Mackay Grab

Taiwan, der Wilde Osten

Im Jahr 1872 war Taiwan so etwas wie der „Wilde Osten“ des chinesischen Kaiserreichs: Ein rauer, malariaverseuchter Außenposten, wo (mehr …)


Warum Taiwan keine „abtrünnige Provinz“ ist

Auf der deutschen Huffington Post habe ich mir heute den Frust von der Seele geschrieben – den Frust über die deutsche Taiwan-Politik. Da gilt nämlich viel zu oft: Taiwaner müssen draußen bleiben.

Wenn Sie über die Huffington Post den Weg hierher gefunden haben: Herzlich wilkommen! Sehen Sie sich ganz in Ruhe um. Falls Sie mit Taiwan noch nicht vertraut sind, könnte mein kurzer Abriss zur Geschichte Taiwans bzw. der Republik China interessant sein.

Soldaten der Republik China in Taipeh

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um hier einige Begriffe aufzulisten, die in deutschen Medien häufig in Verbindung mit Taiwan gebraucht werden – leider. Aus dem einen oder anderen Grund sollte man sie lieber auf den Phrasen-Müllhaufen verbannen.

Taiwan-Phrase #1: „Abtrünnige Provinz“

Warum nicht?

Die Volksrepublik China betrachtet Taiwan nicht als „abtrünnige Provinz“ oder „renegade province“. Auch, wenn die Medien immer wieder auf diese griffige Floskel zurückgreifen: Mir konnte noch niemand eine Quelle zeigen, in der die chinesische Seite sie verwendet. Sie muss also als Medien-Erfindung gelten.

Was dann?

China nennt Taiwan gern einen „unabtrennbaren Bestandteil des chinesischen Territoriums“.

Taiwan-Phrase #2: „Abgespalten“

Warum nicht?

Taiwans hat sich nach dem Ende des Chinesischen Bürgerkriegs 1949 nicht „abgespalten“. Die unterlegene Regierung der 1911/12 gegründeten Republik China zog sich mit den Resten der Armee und dem gesamten Staatsapparat nach Taiwan zurück. In der Folge beschränkte ihr Herrschaftsgebiet sich auf Taiwan und einige Inselgruppen.

Was dann?

Wahrscheinlich wäre es korrekter, zu sagen: Die Volksrepublik China hat sich von der Republik China abgespalten.

Taiwan-Phrase #3: „Staatsgründer Chiang Kai-shek“

Warum nicht?

Chiang Kai-shek hat keinen Staat gegründet. Nicht die Republik China, denn die bestand schon lange, bevor er sich nach Taiwan zurückzog. Und ganz bestimmt keinen Staat „Taiwan“. Den gibt es offiziell sowieso nicht.

Taiwan-Phrase #4: „Wiedervereinigung“

Warum nicht?

Was sich wiedervereinigt, muss ja schon mal vereinigt gewesen sein. Taiwan ist aber nie von der Volksrepublik kontrolliert worden. Und eine „Wiedervereinigung“ von Volksrepublik und Republik China würde bestimmt nicht auf Augenhöhe stattfinden. Peking würde die Bezeichnung „Republik China“ weder anerkennen noch die Bezeichnung der Volksrepublik ändern.

Was dann?

„Vereinigung“ oder „Anschluss“.

Taiwan-Phrase #5: „Das andere China“

Warum nicht?

„Anderes China“, „freies China“, „kleines China“… bequeme Medienfloskeln, die vermeintlich Vieles in Kürze auf den Punkt bringen, tatsächlich aber die komplexe Realität verkleistern. Zwar besteht auf Taiwan offiziell noch die „Republik China“, aber die Menschen hier sind sich selbst überhaupt nicht einig, was das denn nun bedeutet. Manche lehnen die Bezeichnung rundweg ab, andere bezeichnen sich als Taiwaner und als Chinesen. Nur eine Minderheit sieht in Taiwan nach wie vor nicht mehr als einen kleinen Bestandteil der (eigentlich) großen Republik China.

Was dann?

„Das demokratische Land“, „Die Inseldemokratie“, „Taiwan“

Also, wenn Sie mal wieder einen Medienbericht über Taiwan lesen: Achten Sie darauf, wie viele Floskeln Sie entdecken können.

(Nachtrag: Ja, wer fleißig Google anschmeißt, findet vielleicht auch in meinen eigenen Berichten solche Negativbeispiele. In mindestens einem Fall hat die Redaktion es mir nachträglich reingeschrieben. Die anderen habe ich verdrängt. Man lernt im Lauf der Zeit ja auch dazu.)


Schwarzweiß-Dokumente aus einer vergangenen Zeit

„Zeitkapsel“ ist die interessanteste Taiwan-Ausstellung, die ich bislang in Deutschland sehen konnte. Noch bis zum 3. November sind in Hamburg Fotos aus dem ländlichen Taiwan der fünfziger Jahre zu sehen. Ein echter Pflichttermin!

Taiwan in den Fünfzigern, das muss tatsächlich eine andere Welt gewesen sein. Die Industrialisierung hatte noch nicht begonnen, es lebten nur 9 statt heute 23 Millionen Menschen auf der Insel, und die Landwirtschaft war der bestimmende Wirtschaftsfaktor.

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Lesetipp: Warum Taiwans Landwirtschaft heute Probleme hat

In diesem Taiwan war der Fotograf Yang Chi-hsin im offiziellen Auftrag unterwegs. Er dokumentierte mit seiner Kamera das ganz normale Leben.

Seine besten Fotos hatte er vor seinem Tod 2005 noch selbst ausgewählt und der Ausstellung den Namen „Zeitkapsel“ (時代膠囊) gegeben.

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Diese Fotos sind nun bis zum 3. November 2013 in der Handelskammer Hamburg zu sehen. Adolphsplatz 1, direkt hinter dem Rathaus.

Öffnungszeiten: Mo-Do 9-17 Uhr, Fr 9-16 Uhr

Der Eintritt ist frei.

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Bauern auf dem Feld, Fischer auf See, Märkte, Tempel, Straßenszenen: Es sind unspektakuläre Alltagsszenen, die Yang Chi-hsin festgehalten hat. Aber seine Bilder verleihen dem Normalen eine besondere Würde.

1999 schrieb er:

Wenn ich mit meiner Kamera unterwegs war, hatte ich zu keinem Zeitpunkt auch nur die geringsten Schwierigkeiten, ein Thema oder ein Motiv für ein Foto zu finden. Ich fand, was ich mir wünschte. Anders als in der heutigen Zeit war der Wind damals mildund sanft, bildeten Licht und Schatten sanftere Kontraste, schritt alles in einem gemächlichen Tempo voran, die Zeit selbst schien dahin zu kriechen, die Menschen lachten aus innerer Seelenruhe heraus.

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Im Rahmenprogramm der Ausstellung stellt die Hamburger Filmemacherin Monika Treut zwei ihrer Taiwan-Dokumentarfilme vor:

  • 16. Oktober, 19 Uhr: Den Tigerfrauen wachsen Flügel
  • 30. Oktober, 19 Uhr: Das Rohe und das Gekochte

Lesetipp: Warum Monika Treut Taiwan-Filme dreht

Außerdem gibt es Führungen durch die Ausstellung am 2.11. um 14 und 16 Uhr sowie am 3.11. um 15 und 17 Uhr.

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Alleine die Räumlichkeiten der Hamburger Handelskammer sind einen Besuch wert.

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Viel Spaß, und lassen Sie sich diese Ausstellung nicht entgehen!

Ein überzähliges Exemplar des Ausstellungskataloges habe ich mit nach Taipeh gebracht. Das Buch hat 100 Seiten mit den Fotos und einem Essay des Fotografen Yang Chi-hsin. Falls jemand in Taiwan es für 1000 NT$ gern möchte, bitte ich um kurze Nachricht.


Leben und sterben in Taiwan

Auf einem verwunschenen Friedhof in Tamsui (Danshui) haben etwa 80 westliche Ausländer ihre letzte Ruhestätte gefunden. Auch Deutsche liegen hier begraben. Die Geschichten dieser Menschen würde ich gern erfahren.

Es ist ein Ort, wie es ihn auf Taiwan wohl kein zweites Mal gibt. Ein Stück Europa, das hier irgendwie deplatziert ist und gerade deshalb zum Nachdenken anregt.

Die meisten Gräber sind mindestens 50 Jahre als. Einige sind sogar älter als 120 Jahre. Ich bin mir sicher: Hinter jedem Namen auf diesen Grabsteinen steckt eine Geschichte, die es wert wäre, erzählt zu werden.

Wieso sind diese Menschen nach Taiwan gekommen, was haben sie hier erlebt, und wie ging ihr Leben hier zuende? War es Ihr Wunsch, auf Taiwan beerdigt zu werden? Erinnert sich noch jemand an sie?

Zumindest über die Deutschen, die hier bestattet sind, würde ich gern ein bisschen mehr erfahren. Ich liste deswegen unten zunächst alle deutschen Gräber auf, die ich an diesem Nachmittag entdeckt habe.

Vielleicht fällt ja jemandem ein, wie man mehr herausfinden könnte?

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Ein Friedhof für Ausländer in Taiwan

Der Ausländer-Friedhof wurde Ende des 19. Jahrhunderts angelegt. Damals war Tamsui einer der Häfen, die China nach der Niederlage im ersten Opiumkrieg für den Westen öffnen musste. Es kamen Missionare, Händler und offizielle Gesandte. In den Hügeln über Tamsui, wo es kühl war und sie den Hafen übersehen konnten, bauten sie ihre Residenzen im Kolonialstil.

Der Friedhof liegt recht versteckt in der Ecke eines Schul-Campus. Die Tamkang High School (淡江高中) mit ihren historischen Ziegelbauten und einem berühmten achteckigen Turm ist selbst schon einen Ausflug wert. Die Gründung der Schule geht (wie so einiges in Nordtaiwan) zurück auf den kanadischen Missionar George Mackay, der 1872 nach Taiwan kam.

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Wie kommt man dort hin? Am einfachsten geht es von der MRT-Station Tamsui immer am Wasser entlang bis zum berühmten Fort San Domingo (紅毛城). Dort rechts den Hügel hinauf zur Aletheia University (ebenfalls von Mackay gegründet) und der Zhenli St. (真理街).

Es ist wohl eine gute Idee, am Wochenende zu kommen. So stört man den Schulbetrieb nicht zu und kann überall ungestört umherschlendern. Irgendwo hatte ich gelesen, man müsse sich beim Pförtner eintragen, aber ich konnte einfach durchs Tor auf dem Campus spazieren.

Der Friedhof befindet sich vom Tor aus ganz hinten rechts. Zunächst erreicht man den Familienfriedhof der Mackays. Der eigentliche Ausländerfriedhof liegt, abgetrennt durch eine niedrige Mauer, direkt dahinter.

Dies sind die deutschen Gräber von Tamsui, beginnend mit dem ältesten:

Johann Korsholm (1854 – 1888)

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Dieser Seemann, ertrunken mit 34, war streng genommen wohl ein Däne. Als er 10 Jahre alt war, wurde seine Heimatstadt Flensburg preußisch.

Sacred to the Memory of Johann Korsholm
Mate of the S.S. „Wai Ting“
Born at Flensburg 8th September 1954
Drowned at Tamsui Bar 15th October 1888
This stone is erected by the captain and officers of the steamer „Fee Cheu“

 

Leutnant Max E. Hecht (1853 – 1892)

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War er der erste deutsche Ingenieur, den es nach Taiwan verschlagen hat? Max Hecht kam um das Jahr 1885 im Auftrag der kaiserlichen chinesischen Regierung nach Taiwan. Beim Bau des Fort Huwei (Hobe), nicht weit von seinem Grab gelegen, beaufsichtigte er die Installation der Geschütze und bildete die Besatzung aus.

Mit 39 Jahren starb Leutnant Hecht 1892. Das Fort Huwei war nie in Gefechte verwickelt und kann, gut erhalten, noch heute besichtigt werden.

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In Memoriam Lieut. Max E. Hecht
Who died in Tamshui on the 19th August, 1892, in his 39th Year.
Ruhe seiner Asche.

 

Interessant: Unmittelbar vor dieser Grabstelle steht ein weiterer Grabstein mit Hechts Namen. Die chinesische Inschrift besagt, dass Chinas Regierung Hecht einen Orden verliehen hatte.

Warum es zwei Gräber gibt, ist mir ein Rätsel. Hoffen wir, dass es kein besonders schlimmer Unfall war, der sein Leben beendete.

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Rosa Kocher (1894 – 1955)

Hans Wallmüller (1886 – 1956)

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Ein Zeitsprung ins 20. Jahrhundert. Viele christliche Missionare kamen nach 1949 gemeinsam mit der nationalchinesischen Regierung nach Taiwan, als ihre Arbeit in China unmöglich wurde.

Rosa Kocher und Hans Wallmüller waren offenbar zwei von ihnen.

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Gott ist Liebe

Rosa Kocher
Missionarin
7.7.1894 – 12.11.1955

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Gott ist gerecht
Sein ganzes Leben war Mühe & Arbeit

Hier ruht in Gott unser herzliebster Onkel
Dr. Hans Wallmueller
geb. 21. März 1886 in München
gestb. 3. Juni 1956 in Taiwan

 

Walter Günther (1901 – 1956)

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Walter Günther heiratete offenbar eine Einheimische. Das war damals bestimmt weniger üblich als heute. Ob sie eine Chinesin war, und beide gingen später gemeinsam mit ihren Kindern nach Taiwan? Oder haben sie sich erst nach 1949 in Taiwan kennen gelernt, und er hat sie im fortgeschrittenen Alter geheiratet?

Walter Günther
Feb 1. 1901 – Dec 11. 1956
Survived by
Wife Augusta Chao
Son Bernhard Karl
Son Herbert Chao

 

Erich Jacob (1910 – 1962)

Henrietta A. Tielemann (1897 – 1962)

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Diese beiden Missionare gehörten wohl zur gleichen Glaubensgemeinschaft. Sie starben auch im selben Jahr.

R.I.P.
In Memory of Erich Jacob
Born Germany 1910
Died Taipei 1962
A Friend to China

 

In Loving Memory of
Dear Co-Worker Henrietta A. Tieleman
Sept. 9. 1897 – Feb. 27. 1962
Until the Resurrection
She Gave her Life for China

 

Auch wenn die Menschen, die hier liegen, in Taiwan vielleicht keine Familie mehr haben, sind sie nicht ganz vergessen. Die Canadian Chamber of Commerce kümmert sich um den Ausländer-Friedhof. Jedes Jahr am Tomb Sweeping Day kann man sich einer Gruppe anschließen, die den Friedhof säubert und die Gräber pflegt. Das finde ich gut. Mehr Informationen, auch zur Geschichte des Friedhofs, hier.


Japaner: Kolonialherren, Rivalen, Vorbilder?

Taiwan und Japan – das ist eine ganz besondere Beziehung. Für die einen ist Japan wirtschaftlich und kulturell ein  Vorbild, und außerdem Taiwans wichtigster Verbündeter in der Region. Für manche in Taiwan aber ist die ehemalige Kolonialmacht eine Art Erbfeind. Aktuell sorgt der Streit um die Diaoyutai/Senkaku-Inseln für Schlagzeilen.

Hello Kitty-Plakat in Taiwan

Gut, wenn Hello Kitty persönlich für Hygiene sorgt.

Japanische Popkultur

Hello Kitty ist allgegenwärtig. Das niedliche Cartoon-Kätzchen ohne Mund schmückt in Taiwan seit Jahrzehnten alle nur denkbaren Dinge – von Spielzeug und Süßigkeiten über Handtaschen für erwachsene Frauen bis zum Passagierflugzeug auf der Strecke Taipeh-Tokio. Hello Kitty ist aus Japan gekommen – wie so vieles.

Modetrends, Manga, Musik und Popkultur – für hiesige Teenager ist Nippon ein ebenso wichtiger Trendsetter wie die USA. Die Älteren lernen fleißig Japanisch – wichtigste Fremdsprache nach Englisch – und hoffen auf gute Geschäfte. Auch wenn Japans Wirtschaft seit 20 Jahren nicht mehr so rund läuft wie früher, bleibt das Land ein riesiger, weit entwickelter Markt, an dem viele Arbeitsplätze hängen.

1895-1945: Taiwan als japanische Kolonie

Ganz alte Taiwaner sprechen sogar besser Japanisch als Mandarin-Chinesisch, denn in ihrer Kindheit war Taiwan japanische Kolonie. Von 1895 bis 1945 wehte über Formosa die Flagge mit dem roten Sonnenkreis. Chinas Kaiserreich hatte nach einem verlorenen Krieg, der ganz woanders stattfand, die Insel abgetreten. Die Taiwaner selbst erfuhren erst mit Verspätung von ihrem Schicksal und waren alles andere als begeistert.

Lesen Sie auch meine Zusammenfassung der Geschichte Taiwans.

In den ersten Jahrzehnten der Kolonialherrschaft schlugen Japans Truppen viele Aufstände von chinesischen Taiwanern und Ureinwohnern blutig nieder. Irgendwann hatten sich die meisten dann mit ihren neuen Herren arrangiert.

Japan wollte die Insel zur Musterkolonie machen und erschuf eine Infrastruktur, die in Asien ihresgleichen suchte. Während China im Chaos versank, bekam Taiwan Eisenbahnen, Fabriken, moderne Krankenhäuser und ein erstklassiges Bildungssystem. Der Präsidentenpalast wurde als Sitz des japanischen Gouverneurs erbaut. Mit rotem Backstein, Säulen und Portalen erinnern mich Regierungsgebäude und Bahnhöfe dieser Epoche an Bauten aus dem deutschen Kaiserreich.

Presidential Palace Taipei

Der Präsidentenpalast in Taipeh war einst Sitz des japanischen Gouverneurs.

Taiwans klügste Köpfe kehrten voll fortschrittlicher Ideen vom Studium in Japan zurück, doch als das Bürgertum gerade ein bisschen mehr Selbstbestimmung durchgesetzt hatte, brach der zweite Weltkrieg aus. Viele Taiwaner mussten in Japans Armee kämpfen, ihre Heimat war Ziel von amerikanischen Luftangriffen.

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In Kriegsgefangenenlagern schufteten alliierte Soldaten als Zwangsarbeiter in Minen. Es dauerte lange, bis dort Gedenkstätten errichtet wurden.

Auch die „Comfort Women“, also Frauen, die von Japans Militär zur Prostitution gezwungen worden, bleiben ein heikles Thema. Auch Taiwanerinnen waren betroffen, und eine offizielle Entschuldigung Japans gab es noch nicht.

Taiwan (ROC) und Japan nach 1945

Japan verlor seine Kolonien 1945, und Taiwan fiel der Regierung der Republik China in den Schoß. Vom Regen in die Traufe, denn die neue Verwaltung plünderte die Fabriken, füllte sich die Taschen und massakrierte Taiwans Eliten – aber das ist eine andere Geschichte, die unter der Bezeichnung 228-Massaker bekannt ist.

Während Japaner in China oder Korea wegen ihrer früheren Gräueltaten oft schief angeguckt werden, fühlen sie sich in Taiwan im Großen und Ganzen willkommen. Mit 1,3 Millionen Touristen jährlich stellen sie die größte Gruppe nach den Chinesen. Dabei sind sie beliebter weil sie mehr Geld ausgeben, dezenter auftreten – und weil ihr Land Taiwan nicht bedroht.

Japan und die Republik China haben seit 1972 keine diplomatischen Beziehungen mehr. Trotzdem gilt Japan traditionell neben den USA als wichtigster strategischer Verbündeter Taiwans. Tokio hat großes Interesse daran, dass die Schifffahrtswege nach Japan nicht von China kontrolliert werden. Manche Experten spekulieren sogar, Japan wäre neben den USA das einzige Land, das Taiwan im schlimmsten aller Fälle möglicherweise auch militärisch zur Hilfe kommen würde.

Streit um Inseln im Ostchinesischen Meer

Seit einigen Monaten allerdings werden die Beziehungen zwischen Taipei und Tokio überschattet vom Konflikt um die Diaoyutai/Senkaku-Inseln. Ebenso wie die Volksrepublik erheben beide Seiten Anspruch auf diese Inselgruppe, die ungefähr auf halbem Weg zwischen Taiwan und Okinawa liegt.

Bisheriger Höhepunkt der Unstimmigkeiten war ein Wasserwerfer-Scharmützel zwischen japanischen Schiffen und einer Fischkutter-Flotte aus Taiwan, die von der Küstenwache begleitet wurde.

In Taiwan gibt es mehrere Gruppen von Diaoyutai-Aktivisten, die Japan gegenüber sehr kritisch eigestellt sind und sich eine härtere Gangart wünschen. Ich habe einen Ihrer Wortführer befragt, der sich sogar eine engere Kooperation mit Peking vorstellen kann, um Japan in die Schranken zu weisen.

Das Interview zum Nachlesen.

Ob die Inseln demnächst wieder in mediale Vergessenheit geraten? Es wird spannend sein, zu beobachten, wie sich die Beziehungen zwischen Taiwan und Japan weiter entwickeln.


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