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Ein bisschen Freude im Alter

Mit einer ganz einfachen Idee macht dieser Mann die Welt für andere Menschen in Taipeh ein bisschen heller. Tag für Tag.

Rollstuhl Kindergarten Taiwan

Immer mehr alte Menschen leben allein. Ihre Pflegekräfte können sich nur um das Nötigste kümmern. Gleichförmig und einsam vergeht die Zeit.

Eine deprimierende Zustandsbeschreibung, die stark nach Deutschland klingt. Doch Taiwans Gesellschaft steht vor den gleichen Problemen. (mehr …)


Wer sich für Taiwan interessiert und dafür, wie es in deutschen Medien wegkommt, sollte in den nächsten Tagen ganz schnell zum nächsten Kiosk spurten und sich ein Exemplar des Eltern-Fachblattes Nido sichern.

In der noch aktuellen Ausgabe steht nämlich ein schöner, großer Bericht über Taiwans Frauen und die Frage, warum sie so wenig Kinder bekommen. Und es gibt ihn nicht online.

Nido Artikel Taiwan

„Tiger ohne Mamas“ heißt der Artikel, und geht der Frage nach, warum ausgerechnet Taiwan eine noch niedrigere Geburtenrate als Deutschland hat. (Der Zuwachs im „Jahr des Drachen“ 2012 war vermutlich nur ein astrologisch begründeter Ausreißer.)

Die Autorin Yang Xifan, die sonst für Stern & Co. aus China berichtet, war aus Shanghai angereist. Zu einer der Protagonistinnen hatte ich ihr im Vorfeld den Kontakt vermitteln können.

Über das Thema hatte ich hier im Blog auch schon mehrfach berichtet:

Lesetipp I: Sag mir, wo die Kinder sind (Geburtenmangel in Taiwan)

Lesetipp II: Die Taiwaner sterben aus

Was halten Sie von den Argumenten im Artikel?


Zwei Dokumentarfilme aus Taiwan, die Mut machen: „Go Grandriders“ und „Young at Heart“

Alt, aber oho. Zwei Dokumentarfilme erzählen davon, wie Senioren in Taiwan ihr Leben aufregend machen, statt zu Hause zu sitzen.

Go Grandriders 不老騎士

Go Grandriders

Sie sind keine lässigen Easy Rider, und sie haben auch keine Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt: 13 Tage brauchten die 16 Männer und eine Frau, um auf ihren Motorrollern Taiwan zu umrunden. Andere schaffen das in kürzerer Zeit per Fahrrad. Die Teilnehmer an dieser Tour aber haben öfter mal Pause gemacht, denn sie waren im Schnitt 81 Jahre alt.

Vor einiger Zeit lief in Taiwans Kinos der Dokumentarfilm „Go Grandriders“. Es ist eine Geschichte von Menschen, die sich nicht abschreiben lassen wollen. Sie wagen sie ein Abenteuer, um sich selbst und anderen zu beweisen: Wer alt ist, muss noch lange nicht den ganzen Tag zuhause sitzen.

(Trailer. Und eine längere Version.)

Einige von ihnen müssen sich zunächst gegen den Widerstand ihrer Familie durchsetzen, andere stoßen im Lauf der Fahrt an ihre gesundheitlichen Grenzen. Gemeinsam erreichen sie etwas, auf das sie stolz sein können. Und Spaß haben sie außerdem. Wer sieht, wie die ollen Taiwaner sich gegenseitig aufziehen, verliert den Glauben an das Klischee von den humorlosen Asiaten ganz schnell.

Die Idee für die Fahrt entstand bei der Hondao-Stiftung, deren Ziel es ist, alte Menschen vor die Tür zu bringen und für gemeinsame Ziele zu begeistern. Von der Gründung einer Baseball-Seniorenmannschaft bis zur Aufführung eines Theaterstücks reichen die Projekte. Die meisten Taiwaner dagegen werden im Alter zu Hause gepflegt, und wenn die von der Familie angeheuerte südostasiatische Pflegerin sie mal in den Park begleitet, ist das schon der Höhepunkt des Tages.

Aktuell sind zehn Prozent der Taiwaner älter als 65. Im Jahr 2060 werden es 40 Prozent sein, schätzt die Regierung. Überlegungen, wie man sich darauf vorbereiten soll, gibt es viele. „Es reicht aber nicht, einfach nur Geld in die Altenpflege zu stecken“, sagte die Geschäftsführerin der Hondao-Stiftung in einem Interview. „Die gesellschaftliche Erwartung, dass sie zu Hause bleiben, lässt alte Menschen ihr Selbstvertrauen verlieren und führt nur zu noch mehr Problemen.“

Tipp: Mein Eintrag über Taiwans alternde Gesellschaft

Aktionen wie die Insel-Rundfahrt sind aufwändig. Die Teilnehmer wurden ärztlich betreut und konnten jederzeit vom Motorroller in den Begleit-Bus umsteigen, wenn Kopf oder Körper eine Pause brauchten. Fast alle haben aber durchgehalten. Abends machte die Gruppe Station in Pflegeheimen. Es sind mit die bewegendsten Szenen des Films, wenn sie dort von ihrer Taiwan-Rundfahrt erzählen und die Bewohner mit ihrer Begeisterung anstecken. So erfüllen sie sich einen Traum und sind zugleich Botschafter für andere.

Eine Gruppe Motorradfahrer aus den USA ließ sich von der Geschichte inspirieren, für eine gemeinsame Tour nach Taiwan zu kommen.

Young at Heart: Grandma Cheerleaders 青春啦啦隊

Young at Heart: Grandma Cheerleaders

Dass es auch ohne Motorroller geht, zeigte kürzlich ein anderer Dokumentarfilm aus Taiwan namens „Young at Heart: Grandma Cheerleaders“.

(Trailer. Und eine andere Version, ohne englische Untertitel.)

Er erzählt davon, wie eine Seniorengruppe sich monatelang auf ihren großen Auftritt vorbereitet: Als Pompon-schwingende Cheerleader bei den World Games in Kaohsiung 2009. Den begeisterten Jubel der Zuschauer am Ende haben sie sich verdient.

Beide Filme blenden Krankheit und körperlichen Verfall nicht aus. Im Gegenteil. Gerade das macht sie so anrührend.

Young at Heart: Grandma Cheerleaders

In Taiwan sind beide Filme auf DVD erhältlich. Ich würde mir wünschen, dass sie auch in Deutschland zu sehen sind.


Senioren in Taiwan

Weniger Kinder, mehr Alte – nicht nur in Deutschland zerbrechen die Regierenden sich den Kopf darüber, wie das Zusammenleben in Zukunft funktionieren soll.

Taiwans Herausforderungen klingen verblüffend bekannt: Die Geburtenrate in Taiwan ist eine der niedrigsten der Welt. Dazu eine steigende Lebenserwartung (etwa 80 Jahre), das ergibt eine rapide alternde Gesellschaft. Mehr als zehn Prozent der Taiwaner haben den 65. Geburtstag schon hinter sich.

Taiwan elderly women in park

Aktiv im Alter

Um mir ein eigenes Bild zu machen, muss ich nur die Straße vor meiner Haustür überqueren. Der kleine Park hinter der Polizeiwache ist ein beliebter Treffpunkt für Senioren, die keine Lust haben, den Tag in einer engen, neonbeleuchteten Wohnung zu verbringen. Auf dem Sockel der Chiang Kai-Shek-Statue sitzen sieben oder acht Frauen, tauschen Neuigkeiten aus und haben alles im Blick – auch die Männer mit den Gehstöcken, die an einem Holztisch unter den Bäumen gegenüber stundenlang ins Brettspiel vertieft sind.

Taiwan elderly, senior citizens

Stehe ich besonders früh auf, sehe ich Seniorengruppen bei der Frühgymnastik oder einzelne hochkonzentriert beim Schattenboxen. In vielen Parks stehen spezielle Fitnessgeräte für Ältere, damit die Gelenke nicht einrosten. Viele Taiwaner sind im Rentenalter (das hier meist um die 60 beginnt) erstaunlich fit und überholen mich mühelos auf den steilen Bergwanderwegen.

Taiwan elderly person, wheelchair, caretaker

Nichts geht ohne Pflegekräfte

Genauso oft sehe ich aber pflegebedürftige Greise im Rollstuhl. Der wird normalerweise von einer jungen Frau mit südostasiatischen Gesichtszügen geschoben. Altenpflegerinnen kommen hier nicht aus Polen, sondern von den Philippinen, aus Vietnam oder Indonesien – aus Taiwans Sicht Billiglohnländer. Etwa 200.000 junge Frauen leben in Privathaushalten und versorgen alte Menschen, deren Kinder arbeiten – meist rund um die Uhr, denn Mindestlohn und Urlaubsregelungen gelten für sie nicht. Es sind harte Bedingungen, und leider hört man immer wieder von Pflegerinnen, die in den Familien wie Arbeitssklaven ausgebeutet werden.

Lesen Sie meinen englischen Beitrag über Gastarbeiter in Taiwan und ihre schwierige Situation.

Häusliche Pflege ist der Normalfall. Nur etwa zwei Prozent der Senioren in Taiwan leben in Heimen. (Interessante Infos: Experts call for better scheme for senior citizens’ care) Seine Eltern ein Leben lang zu ehren, ist eine eherne Grundregel in chinesisch geprägten Gesellschaften. Die Pflicht zum Gehorsam endet für Kinder nicht, wenn sie erwachsen werden.

Viele Paare leben ganz selbstverständlich mit den Eltern des Mannes in einer Wohnung (verheiratete Frauen zählen traditionell zur Familie des Ehemanns). Noch viel stärker als in Deutschland gilt die Vermutung: Wer seine Eltern im Alter nicht daheim versorgt, ist undankbar und egoistisch.

Taiwan senior citizens, couple

Ob das System noch lange funktioniert? Vor einigen Jahren erst hat Taiwan eine allgemeine Rentenversicherung eingeführt. Sechs Prozent vom Lohn zahlen Arbeitgeber nun aufs persönliche Alterskonto. Über eine Pflegeversicherung wird genauso diskutiert wie über flächendeckende Tagesbetreuung. Nur Altenheimbetreiber, die mit Senioren viel Geld verdienen, gibt es wohl noch nicht.

Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.


Reisfelder und Teeplantagen, Mangos und Papayas: Landwirtschaft hat in Taiwan ein anderes Gesicht als in Deutschland. Vor 40 oder 50 Jahren war sie das Rückgrat von Taiwans Wirtschaft. Inzwischen trägt sie nicht mal mehr zwei Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Preise verfallen, Einkommen schmelzen, Felder liegen brach, und immer weniger junge Leute wollen in die Fußstapfen ihrer Eltern treten.

Auf dem Land in Taiwan sieht es fast genau so zersiedelt aus wie rund um die großen Städte. Betonpisten und Stromtrassen ziehen sich durch die Landschaft, überall verstreut stehen Wohnhäuser und Lagerhallen, und winzige Felder bedecken die Landschaft wie ein Flickenteppich. Einen unverbauten Blick in die Natur kann ich hier lange suchen. Es gibt auch keine Kühe auf der Weide, wie daheim in Niedersachsen. Rinder verbrauchen zu viel Platz, Taiwaner trinken wenig Milch, und Rindfleisch stand traditionell nicht auf dem Speiseplan – Ochsen galten den Bauern einst als Freunde und Helfer, nicht als Fleischlieferanten.

Wichtigste Produkte neben Reis sind Gemüse und Obst. Mehr als 100 Sorten Gemüse gedeihen hier, von Kohl und Bambus über Blattgemüse und Pilze bis zu Sojabohnen. Früchte, deren Geschmack in jedem deutschen Supermarkt für Aufsehen sorgen würden, gibt es im Überfluss: Ananas, Litschis, Drachen- und Sternfrüchte, dickhäutige Pomelos und saftige Wachsäpfel. Es macht Spaß, hier über den Markt zu schlendern. Aber es macht immer weniger Menschen Spaß, dafür tagtäglich zu schuften.

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Die meisten Landwirte in Taiwan sind eigentlich schon im Rentenalter und bewirtschaften Felder, die im Schnitt gerade mal einen Hektar groß sind. Traktoren sind quasi unbekannt. Die winzigen Parzellen sind auch eine Folge der Landreform, mit der die Regierung Chiang Kai-sheks in den fünfziger Jahren Großgrundbesitzer zwang, Land an ihre Pächter abzutreten. Damals war das ein Segen für viele kleine Bauern, aber heute reichen die Einnahmen kaum noch zum Leben. Bei zwei guten Ernten pro Jahr bringt ein Hektar einem Reisbauern im besten Fall halb so viel ein, wie eine Sekretärin in der gleichen Zeit verdient. Vernichtet ein Taifun die Ernte, bleiben nur ein paar hundert Euro aus dem Notfalltopf der Regierung. Als Rente erhält jeder Bauer über 65 monatlich ein Almosen von knapp 150 Euro.

Seit Taiwan vor zehn Jahren der Welthandelsorganisation beitrat und Zollschranken abbauen musste, sind die Preise weiter unter Druck geraten. Ein Kilo Reis bringt den Bauern gerade mal 50 Cent ein. Auch gewöhnen die Taiwaner sich an internationale Küche und essen weniger Reis: Im Schnitt weniger als 50 Kilo pro Jahr. Japaner bringen es auf fast 60 Kilo. Etwa 6000 Hektar Reisfelder liegen brach. Oft fällt der Regierung nichts Besseres ein, als immer neue Industriegebiete auszuweisen.

Bauernverbände und Behörden bemühen sich, Nachwuchs in modernen Methoden auszubilden, Felder zusammenzulegen und neue Einnahmequellen zu erschließen. Einige spezialisieren sich auf Bio-Anbau, verkaufen ihre Produkte selbst auf Bauernmärkten und umgehen die Zwischenhändler. Andere setzen auf Agrar-Tourismus und vermieten Zimmer an gestresste Großstädter. Die Probleme sind erkannt, aber noch lange nicht gelöst.

Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.


Grundschulen auf dem Land, die bedroht sind, weil nicht mehr genügend Kinder geboren werden – das gibt es nicht nur in Deutschland. Auch in Taiwan bereitet eine niedrige Geburtenrate Regierung und Experten Kopfzerbrechen. In einigen Gebirgsdörfern haben die Grundschulen seit Jahren weniger als 15 Schüler. Es soll schon vorgekommen sein, dass nur ein einziges Kind neu eingeschult wurde. Die durchschnittliche Klassengröße ist in den letzten Jahren von 35 auf 25 zurückgegangen. Eine Grundschule in der Hauptstadt Taipeh, die 1966 mit 11.000 Schülern die größte der Welt war, hat nun nicht mal mehr 800.

Während die Regierung in China den Menschen per Ein-Kind-Politik das Kinderkriegen verbietet, scheinen die Taiwaner freiwillig in den Zeugungsstreit getreten zu sein. Bis weit in die Achtziger Jahre war es völlig normal, dass eine Familie drei oder vier Kinder hatte. Während Taiwan sein Wirtschaftswunder erlebte, stieg so die Bevölkerung von 8 Millionen nach dem Krieg auf über 20 Millionen. Diese Zeiten sind vorbei. Heute bringt in Taiwan jede Frau im Lauf ihres Lebens weniger als 1,2 Kinder zur Welt – selbst in Deutschland liegt der Wert noch bei 1,4 (Rangliste).

Wenn ich mir die U-Bahnen, Kaufhäuser und Straßen in Taipeh ansehe, ist es schwer zu glauben, dass es hier in Zukunft mal weniger überfüllt zugehen soll. Weniger Kinder, steigende Lebenserwartung, mehr alte Menschen – der sogenannte „demographische Wandel“ bringt Taiwan die gleichen Probleme wie anderen entwickelten Ländern. Ein Zehntel der Bevölkerung ist schon älter als 65, und der Anteil wächst rasant. Noch werden die meisten alten Menschen zu Hause betreut, oft mit Hilfe von Billiglohn-Pflegerinnen. Die kommen hier statt aus Polen von den Philippinen oder aus Indonesien. Damit die Pflege auch in Zukunft funktioniert, muss die Regierung genauso wie beim Renten- und Krankenversicherungssystem die Weichen für die Zukunft stellen. Meist wird aber eher halbherzig am bestehenden System herumgedoktert – ganz wie in Deutschland.

Ein wichtiger Grund für den Geburtenrückgang: Taiwans Frauen sind immer besser ausgebildet, smart und ehrgeizig und haben wenig Lust, ihre beruflichen Perspektiven aufzugeben – für Kinder oder Männer. Mit 30 ist nur jede dritte Frau verheiratet. Viele Männer haben noch nicht umgedacht und hängen dem traditionellen Rollenverständnis an, was sie nicht gerade zu attraktiven Heiratskandidaten macht. Und wenn sich mal ein Paar traut, erscheint ihnen die wirtschaftliche Lage oft zu unsicher, die Kosten zu hoch, und die Entscheidung fürs Kinderkriegen wird immer weiter herausgezögert.

Ein monatliches Kindergeld nach deutschem Vorbild, wie es hier ab und zu diskutiert wird, würde vermutlich ebenso wenig helfen wie die Geburtenprämien von 400 Euro, die einige Lokalregierungen auszahlen. Wie in Deutschland dürfte die Lösung heißen: Mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Also etwa kostenlose Kinderbetreuung und Arbeitgeber, die nicht mit Jobverlust drohen, wenn eine Mitarbeiterin mal Elternpause macht. Ansonsten muss eines Tages vielleicht der Kindergarten schließen, auf dessen Hof ich von meinem Fenster aus der nächsten Taiwan-Generation beim Spielen zusehen kann. Und das wäre schade.

Dieser Text war ursprünglich eine Folge meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.