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Eine sinnvolle Aufgabe

Herr Chang war Ende 50, als seine Frau Krebs bekam. Er hörte mit der Arbeit als Verputzer auf und kümmerte sich um sie, vier Jahre lang bis zu ihrem Tod. Danach saß er alleine zu Hause, die Kinder wohnen woanders, und hatte keine Aufgabe mehr. Also suchte er sich eine – oder vielleicht fand sie ihn auch.

ARD Team Dreh in Taiwan

Bei einem Ausflug mit den Kindern wurde er auf einer von Taiwans engen Straßen Zeuge eines (mehr …)


Du sollst Vater und Mutter ehren

Auch als Erwachsene richten viele Taiwaner ihr Leben noch nach den Wünschen und Ansprüchen der Eltern aus. Wie kommt das?

Senioren in Taiwan

Als ich von Deutschland nach Taiwan zog, habe ich das selbst entschieden. Wäre ich ein Taiwaner gewesen, der den umgekehrten Weg gehen will, hätte ich vielleicht zunächst auch mit über 30 das Einverständnis meiner Eltern einholen müssen.

In Taiwan ist es nämlich noch immer normal, dass Eltern auch nach der Volljährigkeit über das Leben ihrer Kinder mit entscheiden – und dass Kinder sich nach ihren Eltern zu richten haben. (mehr …)


Ein bisschen Freude im Alter

Mit einer ganz einfachen Idee macht dieser Mann die Welt für andere Menschen in Taipeh ein bisschen heller. Tag für Tag.

Rollstuhl Kindergarten Taiwan

Immer mehr alte Menschen leben allein. Ihre Pflegekräfte können sich nur um das Nötigste kümmern. Gleichförmig und einsam vergeht die Zeit.

Eine deprimierende Zustandsbeschreibung, die stark nach Deutschland klingt. Doch Taiwans Gesellschaft steht vor den gleichen Problemen. (mehr …)


Wer sich für Taiwan interessiert und dafür, wie es in deutschen Medien wegkommt, sollte in den nächsten Tagen ganz schnell zum nächsten Kiosk spurten und sich ein Exemplar des Eltern-Fachblattes Nido sichern.

In der noch aktuellen Ausgabe steht nämlich ein schöner, großer Bericht über Taiwans Frauen und die Frage, warum sie so wenig Kinder bekommen. Und es gibt ihn nicht online.

Nido Artikel Taiwan

„Tiger ohne Mamas“ heißt der Artikel, und geht der Frage nach, warum ausgerechnet Taiwan eine noch niedrigere Geburtenrate als Deutschland hat. (Der Zuwachs im „Jahr des Drachen“ 2012 war vermutlich nur ein astrologisch begründeter Ausreißer.)

Die Autorin Yang Xifan, die sonst für Stern & Co. aus China berichtet, war aus Shanghai angereist. Zu einer der Protagonistinnen hatte ich ihr im Vorfeld den Kontakt vermitteln können.

Über das Thema hatte ich hier im Blog auch schon mehrfach berichtet:

Lesetipp I: Sag mir, wo die Kinder sind (Geburtenmangel in Taiwan)

Lesetipp II: Die Taiwaner sterben aus

Was halten Sie von den Argumenten im Artikel?


Zwei Dokumentarfilme aus Taiwan, die Mut machen: „Go Grandriders“ und „Young at Heart“

Alt, aber oho. Zwei Dokumentarfilme erzählen davon, wie Senioren in Taiwan ihr Leben aufregend machen, statt zu Hause zu sitzen.

Go Grandriders 不老騎士

Go Grandriders

Sie sind keine lässigen Easy Rider, und sie haben auch keine Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt: 13 Tage brauchten die 16 Männer und eine Frau, um auf ihren Motorrollern Taiwan zu umrunden. Andere schaffen das in kürzerer Zeit per Fahrrad. Die Teilnehmer an dieser Tour aber haben öfter mal Pause gemacht, denn sie waren im Schnitt 81 Jahre alt.

Vor einiger Zeit lief in Taiwans Kinos der Dokumentarfilm „Go Grandriders“. Es ist eine Geschichte von Menschen, die sich nicht abschreiben lassen wollen. Sie wagen sie ein Abenteuer, um sich selbst und anderen zu beweisen: Wer alt ist, muss noch lange nicht den ganzen Tag zuhause sitzen.

(Trailer. Und eine längere Version.)

Einige von ihnen müssen sich zunächst gegen den Widerstand ihrer Familie durchsetzen, andere stoßen im Lauf der Fahrt an ihre gesundheitlichen Grenzen. Gemeinsam erreichen sie etwas, auf das sie stolz sein können. Und Spaß haben sie außerdem. Wer sieht, wie die ollen Taiwaner sich gegenseitig aufziehen, verliert den Glauben an das Klischee von den humorlosen Asiaten ganz schnell.

Die Idee für die Fahrt entstand bei der Hondao-Stiftung, deren Ziel es ist, alte Menschen vor die Tür zu bringen und für gemeinsame Ziele zu begeistern. Von der Gründung einer Baseball-Seniorenmannschaft bis zur Aufführung eines Theaterstücks reichen die Projekte. Die meisten Taiwaner dagegen werden im Alter zu Hause gepflegt, und wenn die von der Familie angeheuerte südostasiatische Pflegerin sie mal in den Park begleitet, ist das schon der Höhepunkt des Tages.

Aktuell sind zehn Prozent der Taiwaner älter als 65. Im Jahr 2060 werden es 40 Prozent sein, schätzt die Regierung. Überlegungen, wie man sich darauf vorbereiten soll, gibt es viele. „Es reicht aber nicht, einfach nur Geld in die Altenpflege zu stecken“, sagte die Geschäftsführerin der Hondao-Stiftung in einem Interview. „Die gesellschaftliche Erwartung, dass sie zu Hause bleiben, lässt alte Menschen ihr Selbstvertrauen verlieren und führt nur zu noch mehr Problemen.“

Tipp: Mein Eintrag über Taiwans alternde Gesellschaft

Aktionen wie die Insel-Rundfahrt sind aufwändig. Die Teilnehmer wurden ärztlich betreut und konnten jederzeit vom Motorroller in den Begleit-Bus umsteigen, wenn Kopf oder Körper eine Pause brauchten. Fast alle haben aber durchgehalten. Abends machte die Gruppe Station in Pflegeheimen. Es sind mit die bewegendsten Szenen des Films, wenn sie dort von ihrer Taiwan-Rundfahrt erzählen und die Bewohner mit ihrer Begeisterung anstecken. So erfüllen sie sich einen Traum und sind zugleich Botschafter für andere.

Eine Gruppe Motorradfahrer aus den USA ließ sich von der Geschichte inspirieren, für eine gemeinsame Tour nach Taiwan zu kommen.

Young at Heart: Grandma Cheerleaders 青春啦啦隊

Young at Heart: Grandma Cheerleaders

Dass es auch ohne Motorroller geht, zeigte kürzlich ein anderer Dokumentarfilm aus Taiwan namens „Young at Heart: Grandma Cheerleaders“.

(Trailer. Und eine andere Version, ohne englische Untertitel.)

Er erzählt davon, wie eine Seniorengruppe sich monatelang auf ihren großen Auftritt vorbereitet: Als Pompon-schwingende Cheerleader bei den World Games in Kaohsiung 2009. Den begeisterten Jubel der Zuschauer am Ende haben sie sich verdient.

Beide Filme blenden Krankheit und körperlichen Verfall nicht aus. Im Gegenteil. Gerade das macht sie so anrührend.

Young at Heart: Grandma Cheerleaders

In Taiwan sind beide Filme auf DVD erhältlich. Ich würde mir wünschen, dass sie auch in Deutschland zu sehen sind.


Senioren in Taiwan

Weniger Kinder, mehr Alte – nicht nur in Deutschland zerbrechen die Regierenden sich den Kopf darüber, wie das Zusammenleben in Zukunft funktionieren soll.

Taiwans Herausforderungen klingen verblüffend bekannt: Die Geburtenrate in Taiwan ist eine der niedrigsten der Welt. Dazu eine steigende Lebenserwartung (etwa 80 Jahre), das ergibt eine rapide alternde Gesellschaft. Mehr als zehn Prozent der Taiwaner haben den 65. Geburtstag schon hinter sich.

Taiwan elderly women in park

Aktiv im Alter

Um mir ein eigenes Bild zu machen, muss ich nur die Straße vor meiner Haustür überqueren. Der kleine Park hinter der Polizeiwache ist ein beliebter Treffpunkt für Senioren, die keine Lust haben, den Tag in einer engen, neonbeleuchteten Wohnung zu verbringen. Auf dem Sockel der Chiang Kai-Shek-Statue sitzen sieben oder acht Frauen, tauschen Neuigkeiten aus und haben alles im Blick – auch die Männer mit den Gehstöcken, die an einem Holztisch unter den Bäumen gegenüber stundenlang ins Brettspiel vertieft sind.

Taiwan elderly, senior citizens

Stehe ich besonders früh auf, sehe ich Seniorengruppen bei der Frühgymnastik oder einzelne hochkonzentriert beim Schattenboxen. In vielen Parks stehen spezielle Fitnessgeräte für Ältere, damit die Gelenke nicht einrosten. Viele Taiwaner sind im Rentenalter (das hier meist um die 60 beginnt) erstaunlich fit und überholen mich mühelos auf den steilen Bergwanderwegen.

Taiwan elderly person, wheelchair, caretaker

Nichts geht ohne Pflegekräfte

Genauso oft sehe ich aber pflegebedürftige Greise im Rollstuhl. Der wird normalerweise von einer jungen Frau mit südostasiatischen Gesichtszügen geschoben. Altenpflegerinnen kommen hier nicht aus Polen, sondern von den Philippinen, aus Vietnam oder Indonesien – aus Taiwans Sicht Billiglohnländer. Etwa 200.000 junge Frauen leben in Privathaushalten und versorgen alte Menschen, deren Kinder arbeiten – meist rund um die Uhr, denn Mindestlohn und Urlaubsregelungen gelten für sie nicht. Es sind harte Bedingungen, und leider hört man immer wieder von Pflegerinnen, die in den Familien wie Arbeitssklaven ausgebeutet werden.

Lesen Sie meinen englischen Beitrag über Gastarbeiter in Taiwan und ihre schwierige Situation.

Häusliche Pflege ist der Normalfall. Nur etwa zwei Prozent der Senioren in Taiwan leben in Heimen. (Interessante Infos: Experts call for better scheme for senior citizens’ care) Seine Eltern ein Leben lang zu ehren, ist eine eherne Grundregel in chinesisch geprägten Gesellschaften. Die Pflicht zum Gehorsam endet für Kinder nicht, wenn sie erwachsen werden.

Viele Paare leben ganz selbstverständlich mit den Eltern des Mannes in einer Wohnung (verheiratete Frauen zählen traditionell zur Familie des Ehemanns). Noch viel stärker als in Deutschland gilt die Vermutung: Wer seine Eltern im Alter nicht daheim versorgt, ist undankbar und egoistisch.

Taiwan senior citizens, couple

Ob das System noch lange funktioniert? Vor einigen Jahren erst hat Taiwan eine allgemeine Rentenversicherung eingeführt. Sechs Prozent vom Lohn zahlen Arbeitgeber nun aufs persönliche Alterskonto. Über eine Pflegeversicherung wird genauso diskutiert wie über flächendeckende Tagesbetreuung. Nur Altenheimbetreiber, die mit Senioren viel Geld verdienen, gibt es wohl noch nicht.

Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.