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Reisfelder und Teeplantagen, Mangos und Papayas: Landwirtschaft hat in Taiwan ein anderes Gesicht als in Deutschland. Vor 40 oder 50 Jahren war sie das Rückgrat von Taiwans Wirtschaft. Inzwischen trägt sie nicht mal mehr zwei Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Preise verfallen, Einkommen schmelzen, Felder liegen brach, und immer weniger junge Leute wollen in die Fußstapfen ihrer Eltern treten.

Auf dem Land in Taiwan sieht es fast genau so zersiedelt aus wie rund um die großen Städte. Betonpisten und Stromtrassen ziehen sich durch die Landschaft, überall verstreut stehen Wohnhäuser und Lagerhallen, und winzige Felder bedecken die Landschaft wie ein Flickenteppich. Einen unverbauten Blick in die Natur kann ich hier lange suchen. Es gibt auch keine Kühe auf der Weide, wie daheim in Niedersachsen. Rinder verbrauchen zu viel Platz, Taiwaner trinken wenig Milch, und Rindfleisch stand traditionell nicht auf dem Speiseplan – Ochsen galten den Bauern einst als Freunde und Helfer, nicht als Fleischlieferanten.

Wichtigste Produkte neben Reis sind Gemüse und Obst. Mehr als 100 Sorten Gemüse gedeihen hier, von Kohl und Bambus über Blattgemüse und Pilze bis zu Sojabohnen. Früchte, deren Geschmack in jedem deutschen Supermarkt für Aufsehen sorgen würden, gibt es im Überfluss: Ananas, Litschis, Drachen- und Sternfrüchte, dickhäutige Pomelos und saftige Wachsäpfel. Es macht Spaß, hier über den Markt zu schlendern. Aber es macht immer weniger Menschen Spaß, dafür tagtäglich zu schuften.

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Die meisten Landwirte in Taiwan sind eigentlich schon im Rentenalter und bewirtschaften Felder, die im Schnitt gerade mal einen Hektar groß sind. Traktoren sind quasi unbekannt. Die winzigen Parzellen sind auch eine Folge der Landreform, mit der die Regierung Chiang Kai-sheks in den fünfziger Jahren Großgrundbesitzer zwang, Land an ihre Pächter abzutreten. Damals war das ein Segen für viele kleine Bauern, aber heute reichen die Einnahmen kaum noch zum Leben. Bei zwei guten Ernten pro Jahr bringt ein Hektar einem Reisbauern im besten Fall halb so viel ein, wie eine Sekretärin in der gleichen Zeit verdient. Vernichtet ein Taifun die Ernte, bleiben nur ein paar hundert Euro aus dem Notfalltopf der Regierung. Als Rente erhält jeder Bauer über 65 monatlich ein Almosen von knapp 150 Euro.

Seit Taiwan vor zehn Jahren der Welthandelsorganisation beitrat und Zollschranken abbauen musste, sind die Preise weiter unter Druck geraten. Ein Kilo Reis bringt den Bauern gerade mal 50 Cent ein. Auch gewöhnen die Taiwaner sich an internationale Küche und essen weniger Reis: Im Schnitt weniger als 50 Kilo pro Jahr. Japaner bringen es auf fast 60 Kilo. Etwa 6000 Hektar Reisfelder liegen brach. Oft fällt der Regierung nichts Besseres ein, als immer neue Industriegebiete auszuweisen.

Bauernverbände und Behörden bemühen sich, Nachwuchs in modernen Methoden auszubilden, Felder zusammenzulegen und neue Einnahmequellen zu erschließen. Einige spezialisieren sich auf Bio-Anbau, verkaufen ihre Produkte selbst auf Bauernmärkten und umgehen die Zwischenhändler. Andere setzen auf Agrar-Tourismus und vermieten Zimmer an gestresste Großstädter. Die Probleme sind erkannt, aber noch lange nicht gelöst.

Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.


Grundschulen auf dem Land, die bedroht sind, weil nicht mehr genügend Kinder geboren werden – das gibt es nicht nur in Deutschland. Auch in Taiwan bereitet eine niedrige Geburtenrate Regierung und Experten Kopfzerbrechen. In einigen Gebirgsdörfern haben die Grundschulen seit Jahren weniger als 15 Schüler. Es soll schon vorgekommen sein, dass nur ein einziges Kind neu eingeschult wurde. Die durchschnittliche Klassengröße ist in den letzten Jahren von 35 auf 25 zurückgegangen. Eine Grundschule in der Hauptstadt Taipeh, die 1966 mit 11.000 Schülern die größte der Welt war, hat nun nicht mal mehr 800.

Während die Regierung in China den Menschen per Ein-Kind-Politik das Kinderkriegen verbietet, scheinen die Taiwaner freiwillig in den Zeugungsstreit getreten zu sein. Bis weit in die Achtziger Jahre war es völlig normal, dass eine Familie drei oder vier Kinder hatte. Während Taiwan sein Wirtschaftswunder erlebte, stieg so die Bevölkerung von 8 Millionen nach dem Krieg auf über 20 Millionen. Diese Zeiten sind vorbei. Heute bringt in Taiwan jede Frau im Lauf ihres Lebens weniger als 1,2 Kinder zur Welt – selbst in Deutschland liegt der Wert noch bei 1,4 (Rangliste).

Wenn ich mir die U-Bahnen, Kaufhäuser und Straßen in Taipeh ansehe, ist es schwer zu glauben, dass es hier in Zukunft mal weniger überfüllt zugehen soll. Weniger Kinder, steigende Lebenserwartung, mehr alte Menschen – der sogenannte „demographische Wandel“ bringt Taiwan die gleichen Probleme wie anderen entwickelten Ländern. Ein Zehntel der Bevölkerung ist schon älter als 65, und der Anteil wächst rasant. Noch werden die meisten alten Menschen zu Hause betreut, oft mit Hilfe von Billiglohn-Pflegerinnen. Die kommen hier statt aus Polen von den Philippinen oder aus Indonesien. Damit die Pflege auch in Zukunft funktioniert, muss die Regierung genauso wie beim Renten- und Krankenversicherungssystem die Weichen für die Zukunft stellen. Meist wird aber eher halbherzig am bestehenden System herumgedoktert – ganz wie in Deutschland.

Ein wichtiger Grund für den Geburtenrückgang: Taiwans Frauen sind immer besser ausgebildet, smart und ehrgeizig und haben wenig Lust, ihre beruflichen Perspektiven aufzugeben – für Kinder oder Männer. Mit 30 ist nur jede dritte Frau verheiratet. Viele Männer haben noch nicht umgedacht und hängen dem traditionellen Rollenverständnis an, was sie nicht gerade zu attraktiven Heiratskandidaten macht. Und wenn sich mal ein Paar traut, erscheint ihnen die wirtschaftliche Lage oft zu unsicher, die Kosten zu hoch, und die Entscheidung fürs Kinderkriegen wird immer weiter herausgezögert.

Ein monatliches Kindergeld nach deutschem Vorbild, wie es hier ab und zu diskutiert wird, würde vermutlich ebenso wenig helfen wie die Geburtenprämien von 400 Euro, die einige Lokalregierungen auszahlen. Wie in Deutschland dürfte die Lösung heißen: Mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Also etwa kostenlose Kinderbetreuung und Arbeitgeber, die nicht mit Jobverlust drohen, wenn eine Mitarbeiterin mal Elternpause macht. Ansonsten muss eines Tages vielleicht der Kindergarten schließen, auf dessen Hof ich von meinem Fenster aus der nächsten Taiwan-Generation beim Spielen zusehen kann. Und das wäre schade.

Dieser Text war ursprünglich eine Folge meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.





Die Taiwaner sterben aus

Es mag seltsam klingen aus dem Land mit der zweithöchsten Bevölkerungsdichte aller Flächenstaaten weltweit (nur übertroffen von Bangladesch), ist aber so: Taiwan entvölkert sich. Und zwar noch schneller als Deutschland, denn die Insulaner sind (neben Notebooks und Stinke-Tofu) auf noch einem Gebiet Weltspitze: Taiwan hat laut einer neuen Statistik die niedrigste Geburtenrate der Welt.

Jede Frau bringt hier im Schnitt gerade noch ein Kind zur Welt. 1951 waren es noch sieben. Sogar China (wo es ja eigentlich eine Ein-Kind-Politik gibt) liegt bei 1,6. Das Time Magazine hat sich jetzt diesem Thema gewidmet. Einige Schlüsselpassagen aus dem lesenswerten Artikel:

Taiwan’s Health Minister (…) warned that if the island continues on this track, the population would experience a future labor shortage and that the next generation of children would have significant difficulty covering the health costs of their aging parents. That intense financial pressure, he said, could raise the future suicide rate. The Education Minister (…) predicted that one-third of Taiwan’s colleges will close in just 12 years if the trend continues.

In a society where the cost of living is high, the notion that kids are an unwelcome burden — taboo in many cultures — has become an accepted idea. (…) Students interviewed 100 residents of Taiwan between the ages of 20 and 40 about their family plans. One-third didn’t plan to have any children for fear of losing two precious things: money and freedom.

Only a third of Taiwan’s women are married by age 30, in contrast to 20 years ago, when the average age for marriage for women was 26. Many more men have also been marrying women from other Asian countries like China and Vietnam (…) Today, 1 in 8 babies in Taiwan is born to a non-Taiwanese mother.

Auch die Taipei Times hat sich des Themas angenommen:

„Young people don’t come out of school with the idea that they want to raise a family (…) There’s a reaction among young women, who see how many children their mothers had, and watched them spend all that time looking after household matters, and that’s not necessarily what they want to do.”

Weakening family ties consolidate this mindset, as young people migrate from the countryside into the cities, away from the watchful eyes of their parents and grandparents. This relieves them from pressure put on them by the older generation to produce children, and many instead opt for a materially comfortable single existence.

The dearth of births will eventually mean there are not enough people in the labor force to support a growing number of elderly. Current forecasts are that in 2051, more than one in three Taiwanese will be 65 years or older, up from one in 10 now.

Die Gründe für diese Entwicklung sind m.E. vergleichbar mit Deutschland: Eine Gesellschaft im Übergang zum postindustriellen Zeitalter. Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung und den eigenen Arbeitsplatz. Eine von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht. Unerschwingliche Immobilien (zumindet in Taipeh). Frauen, die immer besser ausgebildet sind, aus ihren Fähigkeiten etwas machen wollen und keine Lust haben, sich an einen eher traditionell eingestellten Mann zu binden.

Die Regierung erwägt nun u.a., eine Art Kindergeld nach deutschem Vorbild einzuführen. Dabei dürfte klar sein, dass sich junge Menschen nicht mit ein paar Euro (oder Taiwan-Dollar) mehr im Monat dazu bewegen lassen, ihren Lebensentwurf zu überdenken.

Nachtrag: Despite incentives, nation’s birth rate continues to drop