Leben in Taiwan

Der Rasen im Vorgarten wie mit der Nagelschere gestutzt, die Fassade frisch geweißelt, Spitzengardinen hinter kristallklaren Fensterscheiben: Deutsche Standards für „schöner Wohnen“ darf man nicht auf das Leben in Taiwan übertragen.

Das hat nichts mit dem Klischee vom „schmutzigen Asien“ zu tun. In Taipeh etwa finden sich keine wilden Müllkippen, und Mitarbeiter der Stadtreinigung fegen in mühsamer Handarbeit jede Kippe vom Bürgersteig. Dennoch lässt das Äußere der meisten Gebäude den Neuankömmling aus Deutschland zunächst einmal schwer schlucken.

Taiwan Buildings outside

Der äußere Eindruck zählt nicht

Das typische Wohnhaus in Taiwans Städten wurde zwischen 1970 und 1990 als Beton-Plattenbau errichtet und hat vier oder fünf Stockwerke sowie auf dem Flachdach einen irgendwann illegal errichteten, Wellblech-bedeckten Aufbau. Die Außenwände sind aus rohem Beton, der sich im Lauf der Zeit schmuddelig-dunkelgrau gefärbt hat, oder mit Kacheln gefliest. Die sind zwar theoretisch abwaschbar, haben nach Jahrzehnten in Mofa-Abgasen und feuchtem Klima aber jeden Glanz verloren.

Selbst, wenn an der Fassade keine Neonschilder mit chinesischen Schriftzeichen auf einen Laden im Erdgeschoss hinweisen, ziehen sich lose verlegte Stromkabel kreuz und quer von einem Stockwerk zum anderen. Außen angebrachte Klimaanlagen sind für die Ästhetik ungefähr so verheerend wie Satellitenschüsseln an deutschen Mietshäusern.

Sonnenlicht unerwünscht?

Ein Kapitel für sich sind die Fenster. Wo Deutsche sich über jeden Sonnenstrahl freuen, haben Taiwans Architekten offenbar einen Extrakurs in „Sonne draußen halten“ belegt. Hier sind Fenster meist klein, zurückgesetzt oder überdacht, mit undurchsichtigem Glas versehen oder nachträglich verklebt.

Die kleinen Balkone dienen nicht zum Sitzen, sondern zum Wäschetrocknen und Lagern von allen möglichen Haushaltsgegenständen. Und als Krönung schrauben Taiwaner gern vor jedes Fenster einen Metallkäfig. Angeblich als Schutz vor Einbrechern, aber wie die in den vierten oder achten Stock klettern sollen, konnte mir noch niemand erklären.

Taiwan building tiles

In der Wohnung: Schuhe ausziehen

Wie so oft außerhalb Deutschlands, sagt das Äußere eines Hauses aber nichts aus über das Reinlichkeitsempfinden seiner Bewohner. Wer eine taiwanische Wohnung betritt, zieht noch auf der Schwelle die Straßenschuhe aus und schlüpft in bereitstehende Plastikschlappen.

Der erste Schritt führt direkt ins Wohnzimmer, denn Flure sind unbekannt. Mit Neonlampen möglichst hell ausgeleuchtet (weil ja keine Sonne hereinscheint), fällt der Blick entweder auf den Hausaltar für die Ahnen mit Räucherstäbchen und kleinen Götterstatuen oder auf einen riesigen Flachbildfernseher aus heimischer Produktion – je nachdem, wie traditionell es in dem Haushalt zugeht.

Teppichböden sind nahezu unbekannt. Der Fußboden ist meist durchgehend gefliest, was im feucht-heißen Klima eine gute Idee ist. So stehen auch im Wohnzimmer keine Polstermöbel, sondern Sessel und Sofas aus blankem, dunkel lackierten Holz.

In die Küche gehört in Taiwan auf jeden Fall ein Gasherd, denn schnelles Anbraten im Wok ist eine der wichtigsten Zubereitungsarten. Die Gasflasche steht in dem Gitterkäfig vorm Küchenfenster und wird innerhalb von Minuten ersetzt, wenn der Vorrat zur Neige geht. Backöfen gibt es kaum, und wer erzählt, dass er daheim Kuchen oder sogar Brot selbst backt, sichert sich den Respekt der Taiwaner.

Wer sich ins Bad zurückzieht, stellt fest: Badewannen, Duschbecken oder –vorhänge sind genauso selten. Man setzt lieber regelmäßig das halbe Bad unter Wasser. Übrigens duschen Taiwaner grundsätzlich Abends und wundern sich sehr, dass wir in Deutschland zu Bett gehen, ohne zuvor den Straßenschmutz des Tages abzuspülen.