Immer wieder überraschen mich in Taiwan Parallelen zu Deutschland: Auch hier könnte der Präsident bald seinen Job los sein. Allerdings auf natürlichem Weg, denn am 14. Januar wird gewählt. Taiwan ist erst seit den neunziger Jahren eine wirkliche Demokratie, und es ist erst die fünfte freie Präsidentenwahl. Klar, dass so ein Ereignis für die Menschen eine noch größere Bedeutung hat als etwa in Deutschland.
Amtsinhaber: Ma Ying-jeou (l.), Chinesische Nationalistische Partei (Kuomintang, KMT)
Für mich ist es besonders interessant, denn als ich vor vier Jahren das erste Mal nach Taiwan kam, herrschte auch gerade Wahlkampf. (Hier mein Bericht vom Wahltag 2008.) Damals war das Ergebnis aber schon Wochen vor der Wahl abzusehen, diesmal wird es spannend. Nach vier Jahren sind viele Wähler enttäuscht. Die Wirtschaft läuft nicht recht, die Gehälter von Normalverdienern stagnieren, und die Preise für Eigentumswohnungen sind in teils unermessliche Höhen gestiegen. Die Regierung konnte viele Wahlversprechen nicht einhalten.
Und dann ist da noch die Sache mit China. Eigentlich ist die Volksrepublik mit ihrem Machtanspruch ja die größte Bedrohung für Taiwan. Trotzdem hat die aktuelle Regierung ganz auf Schönwetter-Diplomatie gesetzt, eine Reihe Wirtschaftsvereinbarungen unterschrieben und Taiwan für chinesische Investoren, Touristen und Studenten geöffnet. Peking hat das Säbelrasseln sein lassen, weil Taiwan sich ganz von allein in seinen Orbit bewegte. Chinas Position aber hat sich keinen Millimeter verändert. Noch immer behaupten die Parteikader in Peking steif und fest ihre Ansprüche auf Taiwan, noch immer rüsten sie weiter auf für den Fall, dass sie eines Tages die Insel militärisch blockieren oder gar angreifen wollen.
Im Moment ist diese Gefahr nicht akut, aber vielen Taiwanern ist der Schmusekurs mit der Volksrepublik nicht geheuer. Sie wollen mehr Distanz zu China, jedenfalls so lang es eine Diktatur ist. Taiwan möglichst bald offiziell für unabhängig erklären wollen die meisten aber auch nicht – das würde China einen Vorwand liefern, aggressiv zu werden. Am besten soll also alles erst mal so bleiben, wie es ist. Welcher Seite Taiwans gemäßigte Wechselwähler am ehesten zutrauen, den „Status Quo“ zu erhalten, könnte die Wahl entscheiden.
Sind Taiwaner eigentlich Chinesen? Eine schwierige Frage, auf die es viele Antworten gibt. Über 90 Prozent der Menschen stammen von Familien ab, die vom Festland übergesiedelt sind, meist zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert. Taiwans Gesellschaft und Kultur sind chinesisch geprägt, unterscheiden sich aber teils deutlich von der heutigen Volksrepublik. Die einen ziehen Parallelen zum geteilten Deutschland oder Korea und meinen, dass beide Seiten eigentlich zusammengehören. Die anderen denken eher an so etwas wie Deutschland und Österreich: Zwei Länder, die eine Sprache und streckenweise auch Geschichte teilen, die sich aber unterschiedlich entwickelt haben und nun getrennte Wege gehen.
Ein Land, viele Meinungen.
Wie auch immer die Mehrheit der Taiwaner sich entscheidet – der Rest der Welt sollte es akzeptieren. Wichtig ist vor allem, dass die Wahlen fair ablaufen. Stimmenkauf und parteiische Beamte sind in Taiwan traditionell ein Problem, auch wenn die Situation sich gebessert hat und für Stimmenkauf harte Strafen verhängt werden. Außerdem geraten Taiwans Wahlkämpfe oft zu Schlammschlachten, in denen beide Seiten sich vorwerfen, korrupt zu sein und das Recht zu beugen. Sachthemen treten da in den Hintergrund. Aber im Großen und Ganzen funktioniert das System. Ich bin froh, in dieser Demokratie zu leben, und ich hoffe sehr, dass China eines Tages den Weg Taiwans einschlägt – und nicht umgekehrt.
In den Kommentaren bitte ich um Zurückhaltung! Einseitige Lobhudelei oder Gemeckere über eine Partei oder ihre Kandidaten veröffentliche ich hier nicht. Blogger-Kollege Ludigel schreibt auch über die Wahl und fordert ausdrücklich dazu auf, sich bei ihm zu streiten, also bitte hier entlang.
The Taipei Dome (大巨蛋, “big giant egg”), located next to Songshan Culture Park, is one of those “development” projects that currently abound in Taipei. A 40.000-seat-indoor baseball stadium right across from Sun Yat Sen Memorial Hall, a shopping mall, hotels and office buildings. Business as usual. Big corporations pour lots of concrete and make a lot of money. Citizens and tourists go shopping.
So what is the problem with it?
The problem, as many people see it, is that by greenlighting the construction of the Taipei Dome, the Taipei City government has thrown away the chance to establish something the city and its people really need – namely, a second inner-city forest park.
That is why there is a protest movement. Recently a few hundred people held a protest march from Taipei City Hall to the headquarters of the developer, Farglory Group, and on the the site where the concrete has already started pouring. (newspaper report)
I admire all these citizen groups in Taiwan hitting the streets to protest for their cause. They are too late this time, I am afraid. Big business has succeeded again in establishing facts (chopping down trees, bringing in the big machines, digging holes) before public pressure could make politicians change their minds.
Citizens protesting against the loss of urban green spaces, 30 Oct 2011.
What a great park this could have been. No one would deny that is was a stroke of genius to establish Daan Forest Park, a few kilometers away to the south-west, at the site of a former military village. But it is just one site. Another forest park, not quite as big, directly across from Sun Yat Sen Memorial Hall would really have breathed life into this part of the city. There are not a lot of green spaces left in the East District along Zhongxiao East Rd.
But there used to be this magnificent spot that is the former Songshan Tobacco Factory. After closing down (apparently in 1998), its grounds had been neglected for years. Trees could grow, wildlife could spread. This is how it looked like (source):
Before: The area in 2006.
But around 2005/2006, the Taipei City Government signed a contract to turn the area over to Farglory and have them build the “Taipei Arena” there. As a BOT (build-operate-transfer) project, Farglory would operate the project for 50 years (sacking in all the profits) and then return the area (including a by then probably derelict building) to the city.
Enviromentalists and people from the area (there is a primary school next door) protested and sued. But before all rulings were final, or the project had passed all enviromental impact assessments, the City Government already started removing trees. (weiterlesen …)
Auf der Facebook-Seite von Taiwans Präsidentschaftskandidatin Tsai Ing-wen (DPP) kann man in hunderten Kommentaren gerade einen Eindruck davon bekommen, was ihre Unterstützer über Deutschland denken. Modern, fortschrittlich und sogar freundlich – so äußern sich die meisten über das ferne Land, das Tsai von Montag bis Mittwoch dieser Woche besucht hat. Inzwischen ist sie nach London weitergereist.
Offiziell diente die Berlinvisite vor allem dazu, mehr über Deutschlands Energie- und Atompolitik zu erfahren. Tsai peilt für den Fall ihrer Wahl den Atomausstieg Taiwans bis zum Jahr 2025 an. Es ist eines der wenigen Themen, in denen sie sich bereits klar festgelegt hat. Da aber nur wenige Taiwaner sich vorstellen können, dass erneuerbare Energien die Lücke schließen können, kommt Merkels Entscheidung, Deutschlands Atomausstieg nun doch nicht zu blockieren, Tsai für den Wahlkampf gerade recht. Ihr Tenor in Interviews: „Wenn eine große Industrienation wie Deutschland das kann, dann wir auch!“
Natürlich geht es auch darum, Zweifel an der Präsidenten-Tauglichkeit auszuräumen und Bilder nach Taiwan zu liefern, in denen Tsai sich als weltgewandte Repräsentantin Taiwans inszeniert, die sich auf Augenhöhe mit europäischen Politikern trifft. Reichstagsgebäude und der Berliner Hauptbahnhof sind nicht nur grüne Aushängebauten, sie geben auch prima Fotokulissen ab, und Tsai hat ganz offenbar einen begabten Fotografen im Team. Mehr als hundert Bilder stehen in fleißig kommentierten Fotogalerien auf Tsais Facebook-Seite. Der Kontakt zu jungen Wählern ist zentral für ihre Kampagne.
Immer, wenn einer der Ihren wichtigen Ausländern die Hand schütteln kann, geht den leidgeprüften Taiwanern das Herz auf – so sehr sind sie daran gewohnt, auf internationalem Parkett ignoriert oder nicht für voll genommen zu werden. (weiterlesen …)
Germans attend conference on transitional justice in Taiwan
Has Taiwan come to terms with its period of martial law and “White Terror”, or are there still open wounds to be healed? Can Germany’s experience in dealing with its own past provide any help?
This seems to be one of the few areas where experiences related to German division actually can be meaningfully compared to Taiwan’s situation.
Jörn Mothes was in Taipei one year ago and brought a piece of the Berlin Wall with him then. I filmed this German TV report about that event:
Hubertus Knabe is director of the East German Secret Police (Stasi) prison/museum Hohenschönhausen in Berlin. Writing on Taipei’s Jingmei Prison Memorial, I recommended Hohenschönhausen as a model for making students learn about their country’s history.
The conference program (click to enlarge):
On 14.11.2010 a symposium regarding different topics about how to deal with an authoritarian past and related issues will take place in Taipei.
Chinese title: 「見證與反思—台德人權博物館實踐經驗交流論壇」
There are four German guests to attend, among them are two former state commissioner for Stasi-files, Joern Mothes and Edda Ahrberg and the quite renowned director of the Museum (Stasi-prison) Hohenschoenhausen, Dr. Hubertus Knabe.
The symposium comes with German and Chinese translation.
Date and Place: 14.11.2010, 09.30 to 17:30h, Conference Room of the Institute of Social Science at the NTU, Xuzhou Rd. No. 21 (registration: 29393091#67575)