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Mitte der 1930er Jahre erreichte die deutsch-chinesische Zusammenarbeit einen Höhepunkt. Was brachte Nationalsozialisten und Nationalchinesen zusammen? Wieso diente Chiang Kai-sheks Adoptivsohn in der Wehrmacht? Und wieso änderte der Krieg die Lage?

Deutsch-Chinesische Kooperation. Aus dem Archiv des Verteidigungsministeriums der Republik China. Hochgeladen bei Wikipedia von Shizhao.

Taiwan spielt in diesem Kontext zunächst keine Rolle, denn damals war es japanische Kolonie. Trotzdem ist es eine wichtige Zeit, denn es geht um die Vorgeschichte von Chiang Kai-sheks Regierung, die sich 1949 nach Taiwan zurückzog. Wie der „Generalissimo“ selbst verbrachten viele Schlüsselfiguren dieser Ereignisse den Rest ihres Lebens auf Taiwan und bekleideten hier noch wichtige Ämter.

Bei diesem Text stütze ich mich auf folgende Quellen:

Bis 1933

Bereits in den 1920er Jahren holte die nationalchinesische Regierung deutsche Militärberater ins Land. Eine wichtige Rolle spielte dabei Chu Chia-hua (朱家驊, 1893-1963), der zwischen 1914 und 1924 in Deutschland gelebt und 1922 in Berlin als Geologe promoviert hatte. Er wurde im Apparat der Kuomintang (KMT) zur ersten und lange einzigen Führungsfigur mit Deutschland-Erfahrung.

(Im Lauf der Jahre hatte Chu verschiedene Ministerämter inne, war 1940-1957 Präsident der Academia Sinica und 1949-1950 Vizepremierminister.)

Chu Chia-hua

Ende 1927 lud Chu im Auftrag von Chiang Kai-shek den deutschen Oberst Max Bauer, der am Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik beteiligt gewesen war, nach China ein. Bauer gründete dort das Korps der deutschen Militärberatung. Er starb 1929 in Shanghai an den Pocken.

Dennoch hat Bauers kurze Zeit in China den Grundstein für die spätere chinesisch-deutsche Kooperation gelegt, da er der Kuomintang-Regierung zur Modernisierung von Industrie und Militär geraten hat. Er sprach sich für eine Verkleinerung der chinesischen Armee aus, um eine zwar kleine, aber umso besser ausgebildete Truppe zu formen. Auch unterstützte er die Öffnung des chinesischen Marktes, um die deutsche Produktion und den deutschen Export voranzutreiben.

Wikipedia-Eintrag „Chinesisch-Deutsche Kooperation“

Auf Bauer folgten Oberst Kriebel, General Wetzell, Generaloberst Hans von Seeckt (in den 1920ern Chef der Heeresleitung der Reichswehr) und zuletzt (1934-1938) General Alexander von Falkenhausen. Ihre Betreuung war Aufgabe von Chu Chia-hua.

Deutsche Militärberater in China

Chu hatte außerdem einen Deutsch-Österreichisch-Schweizer Klub (DÖS-Klub) gegründet, als Vereinigung für Chinesen, die in einem dieser Länder studiert hatten. Bis 1933 hatte er genug Geld eingesammelt, um in Nanjing ein Klubhaus zu bauen, das mit seinem Restaurant zu einer der besten Stätten für gesellschaftliche Anlässe in der damaligen chinesischen Hauptstadt wurde.

1933 gründete Chu den Chinesisch-Deutschen Kulturverband und wurde dessen erster Präsident.

DÖS-Klub 1927

Einige Gründe für Deutschlands steigende Bedeutung seit der zweiten Hälfte der 1920er Jahre:

Zunächst hatte Deutschland, nach dem Verlust sämtlicher Kolonien durch den Ersten Weltkrieg, keinerlei imperialistische Interessen mehr in China. Dort waren die fremdenfeindlichen Proteste von 1925 bis 1926 hauptsächlich gegen Großbritannien gerichtet. Zusätzlich hatte Deutschland, anders als die Sowjetunion, die bei der Reorganisation der Kuomintang-Partei und der Öffnung dieser für Kommunisten half, keine politischen Interessen in China, die zur Konfrontation mit der Zentralregierung hätten führen können. Weiterhin sah Chiang Kai-shek die deutsche Geschichte als nachahmenswert an, vor allem in der Hinsicht, dass die Vereinigung des Deutschen Reiches nach Chiangs Ansicht lehrreich für die Einigung Chinas sein könnte. Folglich wurde Deutschland als Hauptkraft für Chinas internationale Entwicklung angesehen.

Wikipedia-Eintrag „Chinesisch-Deutsche Kooperation“

Mitte der 1930er Jahre

Die Jahre vor dem Kriegsausbruch waren der Höhepunkt der deutsch-nationalchinesischen Beziehungen. Nicht nur war die Republik China „beim Aufbau moderner Streitkräfte außerordentlich stark von der Unterstützung durch Deutschland abhängig“, wie Chen schreibt. Deutschland, seit 1933 Nazideutschland, war auch ein wichtiger Handelspartner:

  • Seit 1936 importierte China mehr aus Deutschland als aus Großbritannien.
  • Im deutschen Außenhandel stand China nach den USA und Japan auf Platz drei.
  • China war zwischen 1935 und 1937 der größte Importeur von deutschen Rüstungsgütern.
  • China war Deutschlands wichigster Lieferant von Wolfram, das man für panzerbrechende Geschosse benötigte.

1936 wurde neben dem DÖS-Klubhaus in Nanjing auf Betreiben von Chu Chia-hua noch ein neues Gebäude für den Chinesisch-Deutschen Kulturverband gebaut.

Auf diese Zeit, in der KMT und Nazis Verbündete waren, spielt die taiwanische Band Chthonic in dem (blutigen und sicherlich kontroversen) Musikvideo zum Song „Supreme Pain for the Tyrant“ an:

Hintergründe zur Schauplatz-Wahl Shanghai der 1930er Jahre gibt es im Behind the scenes-Video.

Chiang Wei-kuo in der Wehrmacht

1936 oder 1937 (widersprüchliche Angaben) schickte Chiang Kai-shek seinen Adoptivsohn Chiang Wei-kuo ( 蔣緯國, 1916-1997, auch: Chiang Wego) zum Studium an die Militärakademie München. Nach seinem Abschluss wurde Chiang zum Gebirgsjäger ausgebildet. Beim Anschluss Österreichs 1938 kommandierte er einen deutschen Panzer.

1939 sollte Chiang am deutschen Angriff auf Polen teilnehmen, doch kurz zuvor erhielt er die Anweisung, an eine Militärakademie in den USA zu gehen. Aufgrund seiner Erfahrungen hielt er dort vor Panzertruppen Vorträge über deutsche Militärtaktik.

(Nach dem Krieg war Chiang Wei-kuo in Taiwan General der ROC-Streitkräfte und Generalsekretär des Nationalen Sicherheitsrates. Er war außerdem von 1963 bis 1986 Präsident des 1933 von Chu Chia-hua gegründeten Chinesisch-Deutschen Kultur- und Wirtschaftsverbandes, der noch heute besteht.)

Nach Kriegsbeginn

Als in Europa der Zweite Weltkrieg ausbrauch, waren die Beziehungen zwischen Nazideutschland und der Republik China schon belastet. 1937 war Japan, das bereits seit Jahren die Mandschurei besetzt hielt, in China eingefallen. Während der Schlacht um Shanghai führte der deutsche Militärberater Falkenhausen noch Truppen in den Kampf gegen die Japaner. Doch Deutschland entschied sich letztendlich fürs Bündnis mit Japan. Falkenhausen musste China 1938 verlassen.

Ich ließ zurückmelden, daß ich erst mit dem Marschall darüber verhandeln müsse. (…) Als Antwort erhielt ich durch die Botschaft ein Telegramm von Ribbentrop, das mich mit Ausbürgerung, Beschlagnahme meines Vermögens und Einsperrung meiner Geschwister bedrohte, wenn ich nicht sofort abreise. Da erkannte der Marschall, obwohl er Wert darauf legte, wenigstens mich dazubehalten – und ich war entschlossen, die chinesische Staatsbürgerschaft anzunehmen und zu bleiben – in großmütiger Weise an, daß ich es nicht auf mich nehmen könnte, meine Geschwister ins Unglück zu stürzen. Er stimmte unserer Abreise zu. Bei einem Abschiedsessen, das der Marschall uns gab, führte ich in einer Dankesansprache aus, ich sei überzeugt, daß am Ende dieses Kampfes der Sieg Chinas über Japan stehen würde. Naturgemäß brachten die Zeitungen diese meine Voraussage, die meiner innersten Überzeugung entsprach. Hatte ich doch in der jahrelangen Zusammenarbeit mit den Chinesen erlebt, welch ungeheuere, innere Wandlung in der Masse des chinesischen Volkes vor sich gegangen war, besonders auch im jüngeren Offizierskorps, Beamtentum und bei den Studenten!

Alexander von Falkenhausen, Was ich dachte und was ich tat, in: Die Zeit, 27.4.1950

Im selben Jahr erkannte Berlin das japanische Marionettensystem in der Mandschurei (Mandschuko) diplomatisch an.

Auf Drängen Japans erkannte Deutschland im Juli 1941 auch das chinesische Gegen-Regime in Nanjing an, das von Chiang Kai-sheks altem Widersacher Wang Jing-wei geführt wurde. Die nationalchinesische Regierung hatte diesen Schritt vergeblich zu verhindern gesucht. Als Folge brach die KMT-Regierung, die sich inzwischen nach Chongqing zurückgezogen hatte die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich ab.

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Ab Mitte 1941 lieferten die USA Waffen an China. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 erklärte die Regierung in Chongqing dem Deutschen Reich den Krieg. Damit endeten über zehn Jahre militärischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Chiang Kai-shek wurde zum Alliierten Roosevelts und Churchills.

Es gab allerdings keine direkten Interessenkonflikte oder Kampfhandlungen zwischen chinesischen und deutschen Truppen. Deutsche Staatsangehörige konnten sich im von der KMT kontrollierten Gebiet frei bewegen.

Das Verhältnis brach nicht ab

Der Chinesisch-Deutsche Kulturverband unterstützte in dieser Zeit deutsche Berater und Privatpersonen, die dem Befehl, China zu verlassen, nicht gefolgt waren. Mit Geld, das ursprünglich angeblich aus Chiang Kai-sheks Privatschatulle kam, wurden auch deutsche Hochschulprofessoren und verwitwete deutsche Frauen unterstützt, deren chinesische Ehemänner ums Leben gekommen waren.

Buch Chinas Erneuerung
„Chinas Erneuerung: Der Raum als Waffe“ (1940)

Ein Bericht des deutschen Außenministeriums stellte fest, die militärische Führung in Chongqing lege weiterhin eine deutschlandfreundliche Haltung an den Tag. Er empfahl verstärkte Propaganda, um die KMT-Regierung dem alliierten Lager zu entfremden.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 benutzte Deutschland die nationalchinesische Regierung als Dialogkanal mit den Briten und Amerikanern. Zwischen 1943 und 1944 führten Chongqing und Tokio auch über den deutschen Nachrichtendienst Geheimgespräche über eine Beilegung des chinesisch-japanischen Krieges.

Zusammenfassend hatte die chinesisch-deutsche Kooperation, obwohl sie nur von kurzer Dauer war (…), einige nachhaltige Effekte auf Chinas Modernisierung. (…) Viele Regierungsangehörige und Offiziere der Republik China auf Taiwan wurden in Deutschland als Forschungspersonal oder Offiziere ausgebildet (…). Ein Teil der schnellen Industrialisierung Taiwans nach dem Krieg kann auf die Pläne und Ziele des Drei-Jahres-Planes von 1936 zurückgeführt werden.

Wikipedia-Eintrag „Chinesisch-Deutsche Kooperation“

Wie entwickelten sich die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Republik China auf Taiwan nach Kriegsende? Fortsetzung folgt.


11 Dinge, die ich beim Lesen von „Formosa Betrayed“ gelernt habe

Eines der wichtigsten englischen Bücher über Taiwan bietet auch interessante Einblicke in Amerikas Pläne mit „Formosa“ im Zweiten Weltkrieg. Vieles hatte ich vorher so noch nicht gelesen.

George H. Kerr

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass „Formosa Betrayed“ von George H. Kerr lange Jahre ungelesen in meinem Regal stand. Ich wusste um die Bedeutung dieses 1965 erschienen Buches, aber ich ging davon aus, dass es vor allem eine Schilderung des 228-Massakers von 1947 enthielt. Durch diverse Museumsbesuche und das Lesen anderer Werke hielt ich mich für ausreichend vorgebildet.

Jetzt lesen: 228 – Taiwans Feiertag mit traurigem Hintergrund

Als ich es mir nun doch endlich vornahm, war ich überrascht von der Informationsdichte und dem gar nicht trockenen, fast süffisanten Schreibstil – und davon, dass Kerr in seiner Schianlderung einige Jahre früher einsetzt, nämlich mit dem Kriegseintritt Amerikas 1941.

Über die Ereignisse dieser Jahre, Taiwan betreffend, wusste ich eher wenig. So lernte ich schon aus den ersten 60 Seiten eine Menge. Hier ist eine kurze Zusammenfassung, in der ich vor allem Kerrs Sicht wiedergebe und seine Worte zusammenfasse.

Ausstellung über Kerr 2016 in der Taipei City Hall

1. Die USA waren zunächst völlig planlos

Ende 1941, als die Vereinigten Staaten nach Japans Angriff auf Pearl Harbor in den Krieg eintraten, wussten sie herzlich wenig über Taiwan. Dabei spielte es in der japanischen Kriegsmaschine als Sprungbrett nach Südostasien eine sehr wichtige Rolle. Kerr beschreibt, dass 1941 die Unterlagen des Militärgeheimdienstes zu Taiwan großenteils auf dem Stand des Ersten Weltkriegs waren. Eine Karte des äußerst wichtigen Hafens von Keelung etwa stammte von 1894. Außerdem gab es einen Satz topographischer Karten, wie man sie in Japan in Läden kaufen konnte.

Das alles änderte sich dann ziemlich schnell. Das Militär baute eine neue Abteilung auf, trommelte Experten (wie Kerr) zusammen und häufte innerhalb weniger Monate eine Masse an Informationen an. Eine wichtige Quelle dabei waren westliche Missionare, die viele Jahre in Taiwan gelebt hatten. Natürlich wertete man auch alle japanische Quellen aus, die man in die Finger bekam.

Einer der Gründe, Informationen über Taiwan zu sammeln, war natürlich das Identifizieren „lohnender“ Ziele für Bombenangriffe: Kasernen, Bunker, Häfen, Industrieanlagen usw.

2. Die KMT hatte noch weniger Ahnung von Taiwan

Um mehr über den Stand der Dinge auf Taiwan zu erfahren, auch über mögliche Spannungen zwischen chinesischer Bevölkerung und japanischen Kolonialherren, wandten die Amerikaner sich auch an die Regierung der Republik China. Schließlich war man verbündet gegen die Japaner.

Was Kerr über die Berichte aus Chungking schreibt, wohin Chiang Kai-sheks Regierung sich zurückgezogen hatte, liest sich allerdings wie eine Komödie. Viele der angeblichen Informationen waren frei erfunden oder auf Basis längst vergangener Ereignisse umgedichtet.

Kerr in Taiwan vor dem Krieg

Kerr, der von 1937 bis 1940 in Taiwan gelebt hatte und auf der Insel viel herumgekommen war, konnte einige dieser Erfindungen sofort enttarnen – etwa einen angeblichen Aufstand von 9000 Soldaten gegen ihre japanischen Offiziere, den es nie gegeben hatte.

„Offensichtlich erzählten die Chinesen uns, wovon sie glaubten, dass wir es hören wollten“, schreibt er. „Drohender Gesichtsverlust machte es unmöglich, dass sie zugaben, keine echten Erkenntnisse aus Taiwan zu haben.“

3. Amerika streute Falschinformationen über Taiwan

Als Teil der „schwarzen Propaganda“, um die Moral und den Widerstandsgeist der Japaner zu schwächen, verbreiteten die USA „hier und da rund um die Welt“ irreführende Geschichten über anti-japanischen Widerstand in Taiwans Bevölkerung.

Diese frei erfundenen Gerüchte sollten die Japaner davon abhalten, Taiwaner für den Fall einer Invasion als eine Art Volkssturm („Home Guard“) auszurüsten. Außerdem sollten möglichst viele der in Taiwan stationierten japanischen Truppen mit unproduktiven Wachdiensten beschäftigt werden.

4. Taiwans Schicksal war offen

Zwischen 1942 und 1944 sahen die Planspiele nach einem Sieg über Japan verschiedene Möglichkeiten für Taiwan vor: Unabhängigkeit und Selbstverwaltung, Übergabe an die Republik China oder vorübergehende Verwaltung durch die Alliierten („trusteeship“), bis die Menschen auf Taiwan per Volksabstimmung selbst entscheiden würden.

Kerr plädierte dafür, Taiwans geostrategischen Wert zu erkennen. Außerdem sei es durch seinen Reichtum und technische Entwicklung dem Festland zu weit voraus, um problemlos unter chinesische Kontrolle geraten zu können. Es war „nicht japanisiert, sondern modernisiert“, so Kerr. Durchsetzen konnte diese Sichtweise sich nicht.

5. In Washington gab es damals schon Chinaversteher

„China war ein enormes Problem“, schreibt Kerr. Chiang Kai-shek als Verbündeter der USA kassierte massive Unterstützung, zögerte aber im Kampf gegen die Japaner und war dabei, den Rückhalt in der eigenen Bevölkerung gegen die Kommunisten zu verlieren.

Nach außen hin habe man ihn als „großen Führer der Demokratie in Asien“ und China als Großmacht verkaufen müssen, so Kerr, aber die meisten Fernost-Experten in Washington hätten sich keine Illusionen gemacht.

Dennoch war im Außenministerium schon 1943 ausgemachte Sache, dass man Taiwan der Republik China ohne Wenn und Aber überlassen würde. Taiwan war nach dieser Sichtweise „der östlichste Vorposten Chinas, dummerweise – aber ohne Konsequenz – durch die Taiwanstraße vom Festland abgeschnitten.“

Chiang Kai-shek und „Madame Chiang“ auf Zeitschriften der 40er und 50er Jahre

Kerr beschreibt, dass in Amerika damals ein „missionarischer“ Blick auf China verbreitet war. China konnte in den Augen seiner Verfechter nichts falsch machen. Einwände bügelten sie als „imperialistisch“ ab, als würde man vorschlagen, hungernden Kindern kein Essen zu geben: „Was würden unsere chinesischen Freunde denken?“

Er fasst zusammen: „Die Tragödie der Einwohner von Formosa war, dass ihre Insel nicht weit genug vom Kontinent entfernt lag, um die Trennung permanent zu machen und das Leben an der „frontier“ vor Einflussnahme zu schützen. Die Insel war zu klein, um unabhängig zu sein, und zu groß und reich, um ignoriert zu werden.“

6. Chiang Kai-shek sollte in Kairo gar nicht dabei sein

Sein Treffen mit Amerikas Präsident Roosevelt und Großbritanniens Premier Churchill Ende November 1943 in Kairo war wohl eine der persönlichen Sternstunden von Chiang Kai-shek. Alliierter auf Augenhöhe!

Natürlich hängt ein großes Foto noch heute prominent in der Ausstellung der Chiang-Kai-shek-Gedächtnishalle in Taipeh.

Die Konferenz von Kairo 1943

Nach Kerrs Ausführungen war Kairo aber ursprünglich als anglo-amerikanischer Gipfel geplant, auf dem FDR und Churchill sich auf ihr Treffen mit Stalin in Teheran vorbereiten wollten.

Weil in Amerika aber 1944 eine Wahl anstand, habe FDR gegen Churchills Widerstand durchgesetzt, Chiang und seiner Frau einer große Bühne zu bieten. Madame Chiang, die in den USA studiert hatte, war dort zu dieser Zeit extrem populär und hatte sogar eine Rede vor beiden Kammern des Kongresses gehalten.

Nun mussten die Verbündeten zur Gesichtswahrung auch mit einer Erfolgmeldung heimkehren, und das war die „Erklärung von Kairo“, in der unter anderem die „Rückgabe“ Taiwans an die Republik China in Aussicht gestellt wurde („shall be restored to…“).

Erwartungsgemäß hat Kerr über die Erklärung (die übrigens nicht unterzeichnet wurde und keine völkerrechtliche Gültigkeit hat) nichts Gutes zu sagen: „Eine gefährliche Falle. Einige der Schäden, die sie Amerikas Interessen zufügte, können nie behoben werden“, schrieb er 1965.

7. Die USA planten die Invasion und Besatzung Taiwans

Als eines der möglichen Szenarien arbeiteten Kerr und die anderen Spezialisten in Washington detaillierte Pläne für eine Eroberung Taiwans aus. Dabei ging es auch bereits darum, wie die Insel nach der Einnahme verwaltet werden könnte. Würde man sich auf eine Unterstützung der chinesischstämmigen Taiwaner verlassen können? Könnten die USA selbst Taiwan als Basis für Angriffe auf die japanischen Hauptinseln nutzen?

Zeitweise wurden mehr als 2000 amerikanische Offiziere (!) konkret für eine mögliche Besatzung und Verwaltung Taiwans ausgebildet. Man plante für Polizeiaufgaben, Gesundheitsversorgung, Erziehungswesen, Transport, Handel und Industrie. Wie lange eine Besatzung dauern könnte, galt als völlig offen.

8. Der Vorstoß nach Japan sollte eigentlich über Taiwan laufen

1943 begannen die Planungen für einen Angriff auf Taiwan mit dem Ziel, Japans Einflussgebiet mitten zu durchtrennen. Über Taiwan lief der Nachschub Richtung Indonesien, Burma, Philippinen usw. Eine Invasion Taiwans wäre riskant gewesen, weil es so gut zu verteidigen ist. Doch nach seiner Einnahme hätte es als Basis für Angriffe auf Japans Hauptinseln und auf japanische Truppen in China dienen können.

Zuständig an dieser Front war Amerikas Admiral Nimitz, und die Planungen liefen unter dem Codenamen „Operation Causeway“. Taiwan selbst wurde „Island X“ genannt.

Jetzt lesen: Was für ein Verhältnis Taiwan und Japan heute haben

Die Japaner waren natürlich auf einen Angriff vorbereitet und hatten 170.000 Soldaten auf Taiwan stationiert. Die damals fünf Millionen Menschen zählende Zivilbevölkerung hätte sich „zwischen Hammer und Amboss“ wiedergefunden, schreibt Kerr.

Die Republik China hätte bei so einer Operation keine Rolle gespielt, denn Chiangs ins Inland zurückgetriebene Armee hatte gar keine Marine. „Kein Chinese konnte nach Formosa, wenn wir ihn nicht dorthin brachten“, beschreibt Kerr die Situation.

Im Lauf des Jahres 1944 entschied das Militär sich dann aber, wohl auch auf Drängen Roosevelts, zu einer neuen Strategie. Amerika kämpfte sich auf anderen Wegen Richtung Japan vor: Die Schlachten von Iwo Jima und Okinawa sind heute Synonyme für die Grausamkeit des Kriegs im Pazifik.

Taiwan darf sich wohl glücklich schätzen, diesem speziellen Schicksal entgangen zu sein.

9. Die Luftangriffe auf Taiwan waren verheerend

Am 14. Novemer 1944 bombardierten die USA erstmals Taiwan. Der Angriff mit mehr als 1000 Maschine wurde von Flugzeugträgern im Pazifik sowie von Basen in Südwestchina aus geflogen. Danach, so Kerr, sei der Himmel über Taiwan selten frei von amerikanischen Flugzeugen gewesen.

Amerikanische Bomber über Taiwan
B-29-Bomber über Formosa: „Life“-Magazin von 1944

Ende Mai 1945 – der Krieg in Europa war schon vorbei – folgte dann der Großangriff, bei dem große Teile von Taipehs Stadtzentrum einem Feuersturm zum Opfer fielen. Die beiden großen Hafenstädte Keelung und Takao (Kaohsiung) wurden „quasi ausradiert“, schreibt Kerr. Fabrikanlagen und Kraftwerke wurden dagegen bewusst ausgespart – man würde sie noch gebrauchen können.

10. Taipehs chinesische Wohnviertel wurden verschont

Beim dem großen Angriff auf Taipeh 1945 wurden bewusst vor allem Ziele im japanischen Regierungsviertel („Jonai“) bombardiert. Die alten Siedlungskerne Dadaocheng („Daitotei“) und Wanhua („Manka“) dagegen sparte man aus, um die chinesischstämmige Bevölkerung nicht zu sehr aufzubringen.

Dies sei bemerkt worden, so Kerr, und einer der Gründe für die Popularität der USA nach der Invasion gewesen. Und es ist der Grund dafür

Dieser Entscheidung ist es wohl auch zu verdanken, dass das Viertel rund um die Dihua Street in Dadaocheng heute noch als „Taipehs Altstadt“ gelten kann.

Kerr persönlich hatte auch Taipehs großen Shinto-Schrein als Bombenziel vorgeschlagen, obwohl religiöse Stätten nach der üblichen Kriegsregeln zu verschonen waren. Er argumentierte, dass der Schrein vor allem ein Symbol japanischer Staatsmacht war. Damit konnte er sich aber nicht durchsetzen, der Schrein blieb intakt.

Nach der Übernahme Taiwans ließ die KMT-Regierung ihn dann abreißen, heute steht dort das Yuanshan Grand Hotel.

11. Flugblätter machten den Taiwanern Hoffnung

Als „weiße Propaganda“ (im Gegensatz zur verdeckten, also „schwarzen“, s.o.) warfen die Amerikaner auch hunderttausende Flugblätter über Taiwan ab. Auf Chinesisch und Japanisch riefen sie die Taiwaner auf, Japan nicht mehr zu unterstützen, und versprachen im Namen von FDR und CKS Befreiung. Abgedruckt waren sowohl die Präambel der Vereinten Nationen als auch die Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte. Eine Karikatur zeigte einen Kraken in Gestalt eines japanischen Offizierra, der Taiwan im Würgegriff hatte.

Jetzt lesen: Wie man in Taiwan heute über Chiang Kai-shek denkt

Vor Kriegsende starb FDR, und der unerfahrene Truman wurde Präsident. Für Taiwan interessierten sich weder er noch sein Außenminister. Junge „China Firster“ im Außenministerium gaben die Richtung vor, und für sie war es keine Frage, dass Tawain an die Republik China gehen sollte.

Außerdem herrschte in den USA nach Kriegsende im August 1945 eine „Holt die Jungs nach Hause“-Stimmung, und eine langwierige Besatzung Taiwans hätten weder Kongress noch Öffentlichkeit akzeptiert. Auch der neuen Befehlshaber für China, General Wedemeyer, hatte kein Interesse, sich mit Details aufzuhalten, und bereitete den Weg für die Übernahme Taiwans durch Chiang Kai-sheks Truppen.

Jetzt lesen: Taiwan und die Republik China – Between ROC and a hard place

„Formosa Betrayed“ steht im Volltext hier online. Wer sich das gedruckte Buch zulegen möchte, wird sicher fündig im „Taiwan Bookstore“ in der Nähe der National Taiwan University in Taipeh.


Discover Taipei’s history with museum experts – and almost for free

I’ve been living in Taipei for a few years, and I consider myself pretty interested in history. But when I joined this walking tour through the old city center today, I still learned a lot.

The tour is called „Blast to the Past: Walking Tour of Old Taipei“ and it’s not offered by a company, but by the National Taiwan Museum 國立臺灣博物館.

It’s in English and takes place (mehr …)


Weniger Chinesen, trotzdem mehr Besucher

Taiwan ist ein angesagtes Reiseziel – aber nicht bei Europäern. Woher kommen die vielen Touristen, die letztes Jahr für eine Rekordzahl sorgten?

Vielleicht lag dieser Prospekt kürzlich auch in Ihrer Nähe im Supermarkt: Bei Lidl konnten Sie eine Taiwanreise buchen. Sieben Nächte, 1600 Euro. Lohnt sich das? Ich habe mir das Programm angesehen und war wenig überrascht. Es ist eine der Standard-Rundreisen, die viele Anbieter im Programm haben. Bei Aldi gab es vor einigen Jahren ein ähnliches Angebot.

Lidl Taiwan Reise

Was also würde Sie erwarten, wenn Sie so eine Reise buchen? (mehr …)


In meinem Regal bin ich gerade wieder auf ein Buch gestoßen, das ich jedem, der an Taiwan interessiert ist, ans Herz legen  kann: „A Taste of Freedom“ von Peng Ming-min.

A Taste of Freedom Buch Cover

1923 geboren, ist Peng Ming-min eine lebende Legende in Taiwans Unabhängigkeitsbewegung – ähnlich wie (mehr …)


Das wunderschöne Beitou Hot Spring Museum

Altbau oder Neubau? Für mich keine Frage. Ich liebe alte Gebäude. Erst recht, wenn sie gut erhalten sind. Trotz aller Bausünden findet man in Taipeh noch viele echte Schmuckstücke – wenn man weiß, wo. Die meisten stammen aus der japanischen Kolonialära. In Beitou steht ein besonders schönes Beispiel.

Taipei Beitou Hot Spring Museum

Wer heutzutage nach Xinbeitou fährt und dort den prächtigen Park abspaziert, muss sich schon sehr anstrengen, um das Hot Spring Museum zu übersehen. Wie aus dem Ei gepellt (mehr …)