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Kulturschock Taiwan-Deutschland beim Schüleraustausch: Muss nicht sein

Nicht jeder Deutsche schafft es, Taiwan zu besuchen. (Schade.) Aber vielleicht kommt Taiwan ja zu Ihnen nach Hause? Jahr für Jahr machen sich viele junge Taiwaner zum Schüleraustausch auf den Weg nach Deutschland. Wenn Sie einen Gastschüler aus Taiwan bei sich aufnehmen möchten, sind hier ein paar Tipps für Gasteltern, um gerade am Anfang Missverständnisse zu vermeiden.

Vorweg: Dieser Text basiert zum Teil auf meinen eigenen Beobachtungen und Schlussfolgerungen, zum Teil auf Erfahrungen und Erzählungen von Freunden und Bekannten. Natürlich trifft er nicht auf jeden jungen Taiwaner zu, und ich will auch keine Klischees verfestigen. Aber ich glaube, um Großen und Ganzen ist was dran. Sollte ich völlig danebenliegen, bitte ich um Nachsicht.

Kennen Sie Taiwan?

Um Ihren Gast aus Taiwan besser zu verstehen, machen Sie sich zunächst bewusst, aus was für einem Land er kommt. Aus ganz persönlicher Erfahrung weiß ich: Wer noch nicht in Taiwan war, macht sich als Deutscher oft unzutreffende Vorstellungen. Eine Menge Südostasien-Klischees spuken in unseren Köpfen herum. Ein anderer deutscher Blogger in Taipei hat das mal drastisch auf den Punkt gebracht:

Taiwan klingt halt für viele wie Kinderprostituierte-unter-Palmen-wirft-mit-alter-Blechbüchse-auf-Affen.

 

Palme

Nun ist Taiwan aber tatsächlich ein entwickeltes, technisiertes und wohlhabendes Land. Es gibt hier kaum offene Armut, keine Slums, dafür eine breite Mittelschicht und einen Lebensstandard, der dem europäischen absolut vergleichbar ist.

Wenn die Familie Ihres Gastschülers sich einen Austausch leisten kann, vielleicht sogar über den Rotary-Club, können Sie davon ausgehen: Dieser junge Taiwaner kommt aus sehr ordentlichen Verhältnissen und hat wahrscheinlich auch schon die eine oder andere Auslandsreise nach Japan, Singapur oder Kalifornien hinter sich.

Aus dem Blog-Archiv: Aufruf an deutsche Gasteltern, Austausch-Schüler aus Taiwan aufzunehmen

Gastschüler: Eine Mentalitätsfrage

Das heißt nun nicht, dass es keinen Kulturschock geben wird. Dazu bestehen doch zu viele kulturelle Unterschiede zwischen Changhua und Husum oder Pingtung und Leizig.

Wenn Ihr 15- oder 18-jähriger Gast aus Taiwan erst mal gut angekommen ist und im Wohnzimmer sitzt, werden Sie vermutlich zunächst feststellen, dass die Kommunikation eher schleppend in Gang kommt. Einige spezifische Gründe könnten sein:

  • Wenn ein Taiwaner sich seiner Fremdsprachenkenntnisse nicht sicher ist, sagt er lieber wenig und vermeidet so das Risiko, Fehler zu machen.
  • Die familiäre Bindung ist in Taiwan traditionell sehr eng, und für Jugendliche ist es kein erklärtes Ziel, so schnell wie möglich rauszukommen und auf eigene Faust die Welt zu erkunden.
  • Taiwaner sind generell zunächst zurückhaltend, wenn sie neue Bekanntschaften machen. Sie mögen es nicht, sich aufzudrängen.

Vielleicht kommt Ihr Gast aus Taiwan Ihnen auch ein bisschen unreif vor, verglichen mit gleichaltrigen Teenagern in Deutschland. Das mag daran liegen, dass er daheim in einem Bildungs- und Erziehungssystem steckt, das spätestens seit der siebten Klasse noch immer größtenteils auf Auswendiglernen und Test-Bestehen ausgerichtet ist. Eine eigene Meinung haben, quer denken, gar Autoritäten hinterfragen – das steht in Taiwan kaum auf dem Lehrpan. Höchste Priotiät für die meisten Schüler ist es, so fleißig wie möglich zu lernen, um gute Noten nach Hause zu bringen und den Eltern keine Schande zu machen. „Brav“ kann man das wohl auch nennen.

Schüler Konzert Taiwan Geigen

In Taiwan ist diese Mentalität mittlerweile vielleicht nicht mehr so in Reinkultur anzutreffen wie in anderen Ländern der Region (Jahrzehnte des westlichen Einflusses machen sich bemerkbar), aber sie ist nach wie vor prägend.

Lesetipp: Mein Beitrag über Schüler in Taiwan

Und nun erlebt so ein junger Taiwaner (oder eine Taiwanerin) das deutsche Schulwesen, in dem Schüler mit dem Lehrer über das Für und Wider von Hausaufgaben diskutieren, und wo spätestens ab der achten Klasse der nächste Freitagabend wichtiger ist als die nächste Klassenarbeit. Da kann die Eingewöhnung ja gar nicht von jetzt auf gleich gelingen.

Schülerinnen Taiwan Schuluniform

Schüleraustausch: Willkommen in der Fremde

Von der Schule wieder zurück ins Wohnzimmer. Vielleicht leben Sie, liebe deutsche Gasteltern, in einem freistehenden Einfamilienhaus mit eigenem Garten? Das allein ist für die meisten Taiwaner schon mal eine ganz neue Erfahrung. In Taiwans Städten ist ein eigenes Haus ein unvorstellbarer Luxus, von dem nur Millionäre träumen können. Machen Sie Ihrem Gast sanft begreiflich, dass er in einer völlig normalen Familie gelandet ist – nur in einem Land, in dem mehr Platz ist.

Auch ein eigenes Zimmer mag für Taiwaner, die daheim mit Eltern, Geschwistern, Großvater und dessen indonesischer Pflegekraft gemeinsam in einer Wohnung leben, eine neue Erfahrung sein.

Sobald Ihr Gast das neue Heim betritt, wird er sich reflexartig die Schuhe abstreifen und Ausschau nach einem Paar Schlappen halten. Das gehört zum guten Benehmen für Taiwaner, seit die Japaner die Insel regierten. Freuen Sie sich also, falls Sie wertvollen Teppichboden verlegt haben. Falls es in Ihrer Familie aber üblich ist, die Schuhe im Haus zu tragen, erklären Sie es lieber.

Damit Ihr Gast sich wohl fühlt, sorgen Sie für eine ordentlich straffe Matratze. Deutsche Betten sind für viele Taiwaner zu weich. Legen Sie ein paar Extra-Decken und eine dicke Jacke bereit, gegen das arktische deutsche Klima. Zeigen Sie ihm, wie er die Heizung regulieren kann – in Taiwan gibt es nämlich keine fest installierten Heizkörper. (Und wo Sie schon dabei sind, bereiten Sie ihn schonend darauf vor, dass es auch im Sommer keine Klimaanlage gibt.)

Wenn Sie nur ein Badezimmer haben, machen Sie sich keine Sorgen, dass es am Morgen zum Stau kommt: Taiwaner duschen am Abend, bevor sie zu Bett gehen. Undenkbar ist es für sie, ungewaschen unter die Decke zu schlüpfen. Wie sie dann ohne Dusche wieder wach werden, habe ich bis heute nicht begriffen.

Toilettenpapier Taiwan

Noch ein potenziell heikles Thema aus dem Badezimmer: In Taiwan spült man benutztes Toilettenpapier nicht weg, sondern entsorgt es in Mülleimern. Angeblich sind viele Abwasserrohre so eng, dass man Verstopfungen vermeiden will. (Ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass meist kein wasserlösliches Papier benutzt wird.) Eigentlich sind Taiwaner sich bewusst, dass im größten Teil der Welt Klopapier nichts im Papierkorb verloren hat. (Nachtrag: Die Regierung hat 2017 die Klopapier-Politik geändert.) Wie dem auch sei: Üben Sie Nachsicht, falls der Besucher es im Eifer des Gefechts doch einmal vergessen sollte.

Programm für Austauschschüler: Je lebhafter, desto besser

Dass Ihr junger Gast aus Taiwan wahrscheinlich zunächst sehr zurückhaltend agiert, habe ich ja schon erwähnt. Aktivieren Sie ihn von Anfang an. Lassen Sie ihn nicht allein im Zimmer sitzen, um ihm seine „Privatsphäre“ zu gönnen. Da wird er sich wahrscheinlich einsam und verlassen vorkommen. In Taiwan ist es üblich, dass Gastgeber sich für ihre Gäste ein Bein ausreißen. Fragen Sie mal deutsche Schüler in Taiwan nach einem normalen Tagesprogramm – da bleibt kaum eine freie Minute.

Sorgen Sie also dafür, dass Ihr Austauschschüler die neue Umgebung kennen lernt – machen Sie Ausflüge, zeigen Sie ihm, was gemeinhin als „typisch deutsch“ gilt (Burgen, Schlösser, Weinberge, Wälder) aber auch, was Sie selbst besonders mögen.

Planen Sie eine Radtour, so erkundigen Sie sich lieber vorher, ob der Gast ein geübter Fahrradfahrer ist. Stellen Sie den Sattel so niedrig wie möglich ein, die meisten Taiwaner scheinen sich so am wohlsten zu fühlen.

Steht ein Badeurlaub an? Klären Sie, ob Ihr Gast schwimmen kann. Taiwan ist zwar eine Insel, aber selbstverständlich ist es deshalb noch lange nicht.

Wer in Taiwan lebt, dem kommt Deutschland sehr leer und still vor, man könnte auch sagen: tot. Glauben Sie mir. Es geht mir selbst so. Taiwaner aber lieben Orte, an denen viel los ist. „Renao“ nennen sie das, „heiß und laut“, und das ist ein positiv besetzter Begriff. Menschenmassen sind nicht schlimm, bedeuten sie doch, dass es etwas zu sehen gibt.

„Deutschland ist zu ruhig“ – das denkt auch eine Taiwanerin in Hamburg

Acker im Winter Schnee

Sorgen Sie dafür, dass Deutschland Ihrem Gast aus Taiwan nicht so leblos erscheint! Zeigen Sie ihm:

  • Volksfeste
  • Weihnachsmärkte
  • Wochenmärkte

Besuch aus Taiwan: Hauptsache Essen

Ein Besuch auf dem Wochenmarkt verbindet buntes Treiben mit dem Lieblingsthema so gut wie aller Taiwaner: Essen.

Die Bedeutung des Essens für Taiwaner kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Es ist die nationale Leidenschaft, Lieblingsbeschäftigung und zudem ein sicheres Gesprächsthema, zu dem jeder immer etwas zu sagen hat (und das nicht, wie etwa Politik, zu Streit führen kann).

Mein Blogeintrag über Essen und Essen gehen in Taiwan

Essen in Taiwan ist nicht nur allgegenwärtig und viel günstiger als in Deutschland, es ist auch gut. „Hauptsache satt“ ist eine Einstellung, die Taiwanern völlig fremd ist.

Genauso fremd wird es ihnen vorkommen, was in deutschen China-Restaurants serviert wird. „Süßsauer“ steht in Taiwan auf so gut wie keiner Karte. Und es stimmt auch nicht, dass Asiaten sich zu geschätzt 85% von Reis ernähren.

Aber hier soll es ja nicht ums Essen in Taiwan gehen, sonder darum, wie Taiwaner deutsches Essen wahrnehmen. Als absolutes Nationalgericht der Germanen gilt in Taiwan die gegrillte Schweinshaxe. Wenn Sie nicht gerade in Bayern leben, müssen Sie Ihrem Gastschüler wohl begreiflich machen, dass nicht jede Woche Hax’n auf dem Speiseplan steht. Das wird eine große Überraschung sein.

Davon abgesehen besteht deutsche Ernährung für Taiwaner vor allem aus:

  • Fleisch
  • Brot
  • Kartoffeln

Frikadelle mit Bratkartoffeln

Und was kommt zu kurz? Vor allem Gemüse. Ein paar weichgekochte Erbsen und Möhren als Sättigungsbeilage machen keinen Taiwaner glücklich. Je mehr Grünzeug (Kohl, Blattgemüse), desto besser – aber nicht roh, sondern blanchiert oder sautiert (d.h. im Wok gebraten), so bekämpfen Sie kulinarisches Heimweh (und leben selbst gesünder).

Genauso, wie Deutsche oft eine Abneigung vor „zu scharfem“ Essen haben, gibt es für Taiwaner „zu salzig“, und glauben Sie mir: Vieles, was Deutsche ganz normal finden, ist für Taiwaner kaum genießbar. Seien Sie also mit dem Salz lieber sparsam.

Taiwaner mögen Brot. Sie verstehen darunter allerdings weiche Hefeteig-Teilchen, süß oder herzhaft gefüllt, die man direkt isst. Aufschneiden und belegen oder bestreichen? Exotisch! Der deutsche Bäcker in Taipeh bietet eigens „So belegt man ein Sandwich“-Kurse an. Gewöhnen Sie den Gast aus Taiwan also lieber langsam ans deutsche Brot, und wundern Sie sich nicht, wenn Schwarzbrot oder gar Pumpernickel ihm suspekt bleiben.

Weitere Leckereien, mit denen viele Taiwaner sich nicht anfreunden können:

  • Marzipan
  • Zimt
  • Lebkuchen
  • Lakritz
  • Weich- und Schimmelkäse

Gar nicht gut an kommt die Kombination von Fleisch mit Obst, wie sie in Norddeutschland nicht unüblich ist. Birnen-Bohnen-Speck, Buchweizenpfannkuchen mit Speck und Zwetschgen oder das köllsche Himmel un Äd haben auf viele Taiwaner offenbar eine ähnliche Wirkung wie Entenblut-Suppe auf Europäer.

Noch ein paar Worte zu Frühstück und Abendessen: In Taiwan ist eine Mahlzeit nur dann eine Mahlzeit, wenn es etwas Warmes gibt. (Kaffee zählt nicht.) Um dem Neuankömmling den Einstieg zu erleichtern, denken Sie also mal an ein Rührei, Omelett, oder abends ein Süppchen – er wird es Ihnen danken.

Das alles soll nun nicht bedeuten, dass man einen Gastschüler vor neuen Erfahrungen bewahren sollte. Im Gegenteil! Aber es kann ja hilfreich sein, zu wissen, was er sich vielleicht gerade denkt.

Wollen Sie junge Leute aus Taiwan noch besser verstehen? Ein ganz wunderbarer, einfühlsamer Dokumentarfilm über eine 17-Jährige Taiwanerin ist Made in Taiwan. Der Film der Hamburger Regisseurin Monika Treut wird ab und zu auf 3sat oder Phoenix wiederholt.

Liebe Leser in Deutschland, hatten Sie schon Besuch aus Taiwan? Liebe Taiwaner, wie erleben Sie Deutschland? Möchten Sie etwas korrigieren oder ergänzen?


So eine Meldung lässt aufhorchen: Taiwans Polizei hat vor einiger Zeit zwei 15-Jährige Jungen festgenommen, die sich offenbar als Zuhälter für zwei zwölfjährige Mädchen betätigt hatten. Die hätten mit dem in Stundenhotels verdienten Geld vor allem Markenkleidung gekauft, hieß es.

Die Boulevardmedien hier stürzen sich gern auf Geschichten von minderjährigen Messerstechern und Drogendealern. Ist Taiwans Jugend also verdorben und verkommen? Von wegen. Auch ohne direkt vergleichbare Statistiken bin ich mir ziemlich sicher, dass der durchschnittliche Teenager in Taiwan braver ist als in Deutschland.

Die Gründe liegen zum einen im traditionellen chinesischen Gesellschaftsmodell. Da wird Autorität großgeschrieben und nicht hinterfragt. Der Kaiser gebietet den Untertanen, der Lehrer den Schülern und die Eltern ihren Kindern. In Stein gemeißelt hat diese Ideologie Konfuzius, der dafür so sehr verehrt wird, dass man ihm sogar Tempel errichtet hat. Jedes Jahr wird sein Geburtstag als Lehrer-Tag gefeiert, und Schüler landauf, landab danken ihren Pädagogen dafür, dass sie an ihrem Wissen teilhaben dürfen.

Obwohl Taiwans Gesellschaft sich in den letzten Jahrzehnten gewaltig modernisiert und gewandelt hat, gilt auch in den meisten Familien nach wie vor, dass Kinder ihren Eltern zu gehorchen haben. Dazu gehört auch, sich in der Schule gefälligst anzustrengen, um der Familie keine Schande durch schlechte Noten zu machen. So verbringen die meisten Jugendlichen den größten Teil ihrer Zeit im Klassenzimmer, in der Nachhilfeschule oder zu Hause über Bücher gebeugt und haben wenig Zeit, auf dumme Gedanken zu kommen. Dafür ruinieren sie sich die Augen: Zwei von drei 15-Jährigen sind kurzsichtig, was ein Weltrekord sein dürfte.

Auch auf der Uni hört die soziale Kontrolle nicht auf. Vor einiger Zeit haben Studenten beim Ausflug in die Berge ihre Namen auf eine Schrifttafel in mehr als 3200 Meter Höhe gekritzelt – und dazu den Namen ihrer Hochschule. Als die davon erfuhr, verdonnerte sie die Studenten dazu, sich auf den Weg zu machen und die Schmierereien wieder zu entfernen.

So wünschenswert soziale Kontrolle und behütetes Aufwachsen sein mögen, führen sie doch dazu, dass viele junge Taiwaner kaum eine Möglichkeit haben, Selbstständigkeit zu erlernen und Grenzen auszutesten. So stolpern sie nach dem Studium ziemlich unreif ins wahre Leben. Wenn sie dann heiraten und selbst Eltern werden, haben sie vielleicht drei oder vier Beziehungen hinter sich – im Schnitt.

Es gab allerdings mal eine Zeit, als Jugendkriminalität tatsächlich ein spürbares Problem wurde: In den frühen Neunzigern, als Taiwans Kriegsrecht gerade aufgehoben und die Demokratie noch nicht voll etabliert war. Die staatliche Autorität war geschwächt, und Jugendliche spürten plötzlich Freiräume, die vorher undenkbar waren. Aus diesen Jahren stammen Erzählungen von Motorroller-Gangs, Autodiebstählen und Drogenhandel. Heute sind die Übeltäter von damals wahrscheinlich selbst Eltern.

Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.


Nicht für das Leben, für die Schule lernen sie

Schüler in Taiwan: Warum sie so viel lernen müssen und welche Folgen das hat.

Wenn es schon dunkel wird in Taipeh, zwischen fünf und sechs Uhr abends, strömen sie auf die Gehsteige und stürmen die Busse: Heerscharen von Schülerinnen und Schülern, gekleidet in Uniformen, die geschnitten sind wie Trainingsanzüge oder Pyjamas. Grün-schwarz, rot-grau oder himmelblau – die Farben verraten auf einen Blick, aus welcher Schule sie kommen. Sie quatschen, tuscheln und kichern genau wie Teenager in Deutschland. Man sieht ihnen nicht an, dass sie gerade acht oder neun Stunden Frontalunterricht hinter sich haben. Und das war noch längst nicht alles.

Zeitungsartikel: Schüler in Taiwan

Nachhilfeschulen in Taiwan

Als Schüler in Bremervörde hatten wir den anstrengenden Teil des Tages spätestens gegen 14 Uhr überstanden und machten uns auf den Heimweg. Von so viel Freizeit können Taiwaner nur träumen. Schule bis in den späten Nachmittag, und danach führt der Weg oft direkt in eine der zahllosen privaten Nachhilfeschulen – Englisch oder Mathe pauken. Bis zu Hause die letzten Hausaufgaben gemacht sind, ist es schon fast Mitternacht. Was deutsche Eltern auf die Barrikaden triebe, von den Schülern ganz zu schweigen, ist hier Alltag.

Bildung gilt in Taiwan schon fast als Religion. Von Kindern wird erwartet, dass sie sich verausgaben und gute Noten nach Hause bringen, um der Familie keine Schande zu machen. Dafür zahlen die Eltern klaglos Schulgeld, Nachhilfe und Studiengebühren. Die Wurzeln dieser Einstellung reichen zurück ins alte China, wo jeder die Chance hatte, durch Fleiß und Eifer die kaiserliche Beamten-Prüfung zu bestehen. Der Weg aus dem Reisfeld führte schon immer über die Bildung.

Immer identifizierbar mit Schuluniform und Nummer

Taiwans Schulsystem orientiert sich am amerikanischen Modell: Sechs Jahre Grundschule und jeweils drei Jahre „Junior“ und „Senior High School“. Beim Schulwechsel entscheiden die Noten, ob der Weg auf eine renommierte oder eine durchschnittliche Anstalt führt. Nach der Grundschule sorgt die Schuluniform fürs Gruppengefühl, und eine aufgestickte Schülernummer garantiert, dass der Träger oder die Trägerin auch außerhalb des Schulgeländes identifiziert werden kann. Da überlegt man es sich dreimal, bevor man in der U-Bahn die Füße auf den Sitz legt.

Pflichtbewusstsein und Leistungsdruck bleiben nicht ohne Folgen. Wenn ich mich mit deutschen Schülern unterhalte, die ein Austauschjahr in Taiwan verbringen, beschreiben sie ihre Altersgenossen als fleißig, interessiert und diszipliniert – aber auch als unreif, schüchtern und unselbstständig.

Schwierige Partnersuche für Taiwans Teenager

Nie würden Pärchen auf dem Schulgelände Händchen halten. Die erste Beziehung mit 14? Das lenkt doch nur vom Lernen ab. Viele Jungs kennen das andere Geschlecht vor allem aus Online-Spiele und Manga-Comics. Für Mädchen sind gefärbte Haare, auffälliges Make-up oder gar Piercings tabu. Im Unterricht spricht der Lehrer ins Mikro und alle schreiben mit. Freies Sprechen wird kaum trainiert. Erst wenn die Aufnahmeprüfung zur Uni bestanden ist, können junge Taiwaner sich wirklich ausleben.

Wenn ich sie aber so beobachte, etwa nach Schulschluss, fällt mir auf: Die gute Laune lassen sie sich trotzdem nicht nehmen.