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Haifischflossensuppe bringt Taiwan ins deutsche Fernsehen

Es waren ernüchternde Bilder aus Taiwan, die am Sonntag im Weltspiegel, dem renommiertesten Auslandsmagazin im deutschen Fernsehen, zu sehen waren. Taiwans Fangflotten fischen die Meere leer und töten dabei unzählige Haifische. Aber es gibt auch ermutigende Ansätze. (mit Video)

ARD Weltspiegel Haie Taiwan

Stellen Sie sich mal vor, wir würden Rinder schlachten, ihnen die Zunge abschneiden und den Rest wegwerfen. Klingt pervers, aber viel schlimmeres passiert täglich zigtausendfach: Haifische werden gefangen, nur um ihnen die Flossen abzuschneiden. Für Suppe. (mehr …)


Reise nach Kaohsiung

Es wird Zeit, die Hauptstadt-Brille abzunehmen. Meist berichte ich ja von meinen Erfahrungen in Taipeh, weil ich nun mal hier lebe. Es gibt aber in Taiwan noch eine Metropole mit 1,5 Millionen Einwohnern, prima Wetter, einer Uni am Strand und einem größeren Containerhafen als Hamburg. Nur der Name dürfte in Deutschland wenig bekannt sein: Willkommen in Kaohsiung.

Kaohsiung port harbor skyline

Eine schmutzige Vergangenheit

So wie Taipeh den Norden Taiwans prägt, ist Kaohsiung (Aussprache etwa: Gao-Schiong) das Zentrum des Südens. Früher fast eine Tagesreise entfernt, sind dank Taiwans Hochgeschwindigkeitszug die 300 Kilometer seit einigen Jahren auf 90 Minuten geschrumpft.

Die Japaner hatten während ihrer Herrschaft Hafen und Industrieanlagen ausgebaut, als Sprungbrett zur weiteren Kolonialisierung Südostasiens. So wurde Kaohsiung zum Zentrum von Taiwans Schwerindustrie: Stahl- und Aluminiumswerke, Chemiefabriken und Werften siedelte die Regierung hier an. Noch bis in die neunziger Jahre muss die Stadt ein trostloser, verschmutzter Moloch gewesen sein, um den Touristen einen weiten Bogen machten. Das hat sich gründlich geändert.

Das neue Kaohsiung

Es ist ein bisschen wie im Ruhrgebiet: Fahre ich heute nach Kaohsiung, kann ich sehen, was Strukturwandel bedeutet. Die Schwerindustrie ist zum großen Teil nach China abgewandert, die Luft wieder klar, und vorausdenkende Bürgermeister haben der Stadt ein neues Antlitz verpasst. Quer durchs Stadtzentrum fließt der „Liebesfluss“. Vor weniger als 20 Jahren noch ein stinkender Abwasserkanal, ist er heute mit Ausflugsschiffen und begrünten Uferparks eine Touristenattraktion.

Park in Kaohsiung Taiwan

Hier fährt Taiwans einzige U-Bahn neben Taipeh, alte Industriebrachen wurden zu Kulturparks, und mitten in der Stadt leben auf einem bewaldeten Berg wilde Affen. Manchmal machen sie den Campus der benachbarten National Sun Yatsen University unsicher und klauen den Studenten das Essen vom Tisch.

Um die SYS University geht es auch in meinem Beitrag übers Chinesisch lernen in Taiwan.

Die Studenten trösten sich dann vielleicht damit, dass ihre Hochschule einen eigenen Strand hat. Hier wird auch gebadet, wenn wir in Taipeh im Dauerregen frösteln. Das Wetter in Kaohsiung ist einfach angenehmer: 25 Grad Durchschnittstemperatur und mehr als 2000 Stunden Sonnenschein im Jahr. Wenn ich hier aus dem Zug steige, merke ich immer wieder, dass ich mich viel zu dick angezogen habe.

Großer Auftritt für Kaohsiung: Die World Games 2009

Das neue Kaohsiung präsentierte sich der Welt mit den World Games 2009 – quasi den olympischen Spielen für nicht-olympische Sportarten.

World Games Opening Ceremony

Zum Drachenbootrennen, Tauziehen oder Kanupolo waren damals auch mehr als 150 deutsche Athleten angereist, und wenn ich sie richtig verstanden habe, hat es den meisten gut gefallen.

World Games Deutsche Athleten

Der größte Hafen Taiwans

Der Containerhafen von Kaohsiung, gemessen am Umschlag vor ein paar Jahren noch der sechstgrößte der Welt, war 2010 auf Platz zwölf zurückgefallen. Damit liegt er aber immer noch vor Antwerpen und Hamburg.

Mit der Hansestadt verbindet ihn übrigens eine Hafenpartnerschaft, die aber ziemlich eingeschlafen ist – schließlich hat Hamburg auch eine Städtefreundschaft mit Chinas Shanghai, da hält man sich in Sachen Taiwan wohl lieber zurück.

Kaohsiung port harbor ship

Ein besonderer Anblick bietet sich an der Spitze der lang gestreckten Insel, die das Hafenbecken abschirmt. Die Ausfahrt ins Meer ist so eng, dass die Containerriesen fast in Reichweite vorbeischippern – da kann selbst der Hamburger Elbstrand nicht mithalten.

Übrigens wird wohl keine andere Stadt in Taiwan so häufig falsch geschrieben wie Kaohsiung. Während der Name in der Hanyu Pinyin-Umschrift „gāoxióng“ lautet, liest man auch häufig „Kaoshiung“.

Dieser Text erschien auch im Rahmen meiner Taiwan-Kolumne in der heimatlichen Lokalzeitung.


Ein Buch über Architektur in Taiwan

Taiwans Architektur – das sind nicht nur Betonkästen mit verwitterten Betonfassaden oder schmuddeligen Kacheln, die das Bild vom Leben in Taiwan prägen.

Abgesehen vom Taipei 101 und anderen Touristenattraktionen muss man allerdings schon genau wissen, wohin man schauen sollte, um ansprechende und ungewöhnliche Bauwerke zu entdecken. Dabei kann der Architekturführer Taiwan helfen.

Am Samstag (13.10.) ist Autor Ulf Meyer in Taipeh, um die englische Ausgabe seines Buches vorzustellen.

Die Veranstaltung beginnt um 14 Uhr im URS21 Chung Shan Creative Hub 中山創意基地 (Facebook), einem Ort, der mir noch nicht bekannt war. Adresse: Minsheng East Rd., Sec. 1, No. 21. Meyer wird seinen Vortrag auf Englisch geben.

Aufs Bild klicken zum Vergrößern:

Auf Deutsch ist der Architekturführer Taiwan z.B. bei Amazon.de erhältlich:


Weil der Verlag mir ein Exemplar zur Verfügung gestellt hat, konnte ich mir das Buch einmal ansehen. Größer als ein übliches Taschenbuch, mit mehr als 250 Seiten und sehr vielen ansprechenden Fotos macht es einen hochwertigen Eindruck.

Taiwans „dritter Weg“

Im Vorwort erklärt Meyer, der seit 2003 fast jedes Jahr nach Taiwan gekommen ist, was ihn hier fasziniert:

Wie das Land, so sucht auch seine Baukunst nach einem Platz in der Welt: zwischen westlicher Wirtschaftsordnung und östlicher Kultur und Mentalität – einen dritten Weg zwischen rationaler Moderne und traditioneller Ikonografie.

Architekturführer Taiwan Hauptpostamt Taipei

Die Konkurrenz zwischen Taiwans Städten und Regionen, die „um Bedeutung, Status, Besucher, Investitionen und Aufmerksamkeit wetteifern“, sieht er als Stärke Taiwans:

Der Wettbewerb zwischen den Metropolen treibt bunte Blüten; doch ist in Taiwan gute bis sehr gute Architekturqualität oft auch in kleisten Gemeinden oder auf dem Land zu finden. Die Regionen haben ihre kulturellen Eigenheiten und sind souverän genug, Architektenkarrieren zu ermöglichen und zu fördern.

Architekturführer Taiwan Kongresszentrum Taichung

Von der japanischen Kolonialzeit bis in die Gegenwart

Im Hauptteil stellt Meyer 125 bemerkenswerte Bauten vor, von der japanischen Kolonialzeit bis zu aktuellen Projekten, von denen erst Entwürfe existieren.

Mit 56 Einträgen stellt Taipei City den Löwenanteil. Aber auch Regionen wie Taoyuan, Chiayi, Yunlin und Changhua sind vertreten. Fast alle Bauwerke werden auf mindestens einer Seite mit mehreren Fotos vorgestellt. Es gibt auch QR-Codes, um per Smartphone den Weg zu finden.

Architekturführer Taiwan Kaohsiung

Das Spektrum reicht dabei sehr weit:

  • Unübersehbare Zeugnisse der japanischen Kolonialzeit (Präsidentenpalast, Zhongshan-Halle, Red House Theatre, Kontroll-Yuan, Nationalmuseum)
  • Nach 1949 entstandene Bürohäuser, Kirchen, Universitäten und Monumente (CKS- und SYS-Gedenkhalle, Grand Hotel)
  • Aktuelle Hingucker (Taipei 101, Keramikmuseum Yingge, Chung Tai Shan-Kloster, World Games-Stadion)
  • Gewagte Bauten der nahen Zukunft (Theaterzentrum am Shilin-Nachtmarkt,  TEK Cube am Citizen Boulevard, Taipei Pop Music Centre, geplant für 2014 an der MRT Kunyang)

Architekturführer Taiwan Pop Music Centre

Die Texte sind kenntnisreich geschrieben – nicht nur, was das Fachwissen um Architektur angeht. Der Autor hat sich auch gründlich mit Taiwans (Stadt-)Geschichte und Kulturen beschäftigt. So lernt man nebenbei eine Menge dazu, und das macht diesen Architekturführer zu einer guten Ergänzung für klassische Taiwan-Reiseführer.

Auch wer schon länger in Taiwan wohnt, wird das eine oder andere Bauwerk mit neuen Augen betrachten und auch dort Interessantes entdecken, wo er vorher vielleicht nur ein weiteres Bürohaus-Monstrum gesehen hat.

Architekturführer Taiwan Hung Kuo Gebäude


Seit Wochen herrscht Wahlkampf in Taiwan. Am Samstag (27.11.2010) wählen die fünf wichtigsten Regionen des Landes neue Bürgermeister sowie Parlamente: Taipei City, Xinbei City (zuvor Taipei County), Greater Taichung, Greater Tainan und Greater Kaohsiung. In den letzten drei Fällen werden die Städte mit den umliegenden Kreisen verschmolzen, im Fall Taipei County wird der Landkreis zur Start aufgewertet. Diese fünf Regionen haben dann den Status „regierungsunmittelbare Stadt“, was u.a. mehr Geld von der Zentralregierung bedeutet. Aber das nur am Rande.

Das faszinierende am Wahlkampf in Taiwan ist, dass er so allgegenwärtig und lebendig geführt wird. Überall hängen Plakate der Kandidaten, es flattern Fahnen, Lautsprecher-Wagen drehen ihre Runden, und mein eigener Nachbar kandidiert als „Borough Chief“, also so eine Art Nachbarschafts-Bürgermeister. Wenn er in seinem Laden steht, dann nur noch in Wahlkampf-Weste.

Glücklicherweise konnte ich zwei deutsche Radiosender für Berichte über den Wahlkampf gewinnen. Man kann ja gar nicht oft genug darauf hinweisen, dass Taiwan eine Demokratie ist, im Gegensatz zu gewissen anderen Ländern der Region.

Besonders mag ich die Wahlplakate. Die sind in Taiwan nämlich tatsächlich plakativ.

Herr Li von der Kuomintang möchte in den Stadtrat von Taipeh gewählt werden. Er verspricht, Drogen, Banden etc. von den Schulhöfen zu „kehren“. (Sarkozy würde einen Kärcher empfehlen.) Da passt ein Kampfsport-Anzug natürlich prima zur Botschaft.

Und dieser Kandidat der DPP orientiert sich an Obama, wagt sogar englische Begriffe und leistet sich ein XXL-Plakat:

 

 


Der Anfang vom Ende einer Diktatur

Im Radioprogramm der Deutschen Welle lief heute ein Beitrag (nachlesen oder anhören), in dem ich die Geschichte des „Kaohsiung-Zwischenfalls“ von 1979 erzähle, auch bekannt als „Formosa Incident“.

Es war ein Meilenstein auf dem Weg Taiwans von der Diktatur zur Demokratie. Denn obwohl es damals zunächst so aussah, als ob das Regime die Opposition ganz im alten Stil zerschlagen hätte, entpuppte sich die Geschichte bald als Zündfunke, der die Demokratiebewegung erst richtig in Schwung brachte.

Am 10.12.1979 protestierten in Kaohsiung zehntausende Menschen für Demokratie und Menschenrechte. Aufgerufen hatte die Zeitschrift „Formosa“.

Danach ging es dann relativ schnell. 1980 wurden die Anführer der Opposition noch zu 12, 14 oder mehr Jahren Haft verurteilt, 1986 waren fast alle wieder frei und gründeten die Demokratische Fortschrittspartei DPP. Ein Jahr später wurde das Kriegsrecht aufgehoben, in den Neunzigern die Verfassung reformiert, und im Jahr 2000 wurde Annette Lu, der 20 Jahre zuvor noch der Schauprozess gemacht worden war, Taiwans Vizepräsidentin. Und ihr Verteidiger Chen Shui-bian Präsident.

Etwa 10.000 Menschen versammelten sich in Kaohsiung dort, wo 30 Jahre zuvor die Demonstration stattgefunden hatte.

Ich war am Samstag in Kaohsiung, wo mehrere Veranstaltungen rund um den 30. Jahrestag stattfanden. Es gab eine Tagung, Ausstellungen und eine große Kundgebung auf dem zentralen Platz mitten in der Stadt, wo 1979 die große Protestkundgebung stattfand, die damit endete, dass Zehntausende von der Militärpolizei auseinandergetrieben wurden. Ein paar Tage später kamen dann die Verhaftungen.

Chen Chu als Oppositionsführerin 1979 in Kaohsiung. Drei Tage später wurde sie verhaftet und saß mehr als sechs Jahre in Haft.

Heute ist Chen Chu Bürgermeisterin von Kaohsiung.

Kaohsiung versteht sich, vielleicht vergleichbar mit Leipzig, als „Heldenstadt“. Wenn die Menschen hier nicht im entscheidenden Moment Courage gezeigt hätten, wäre die Geschichte vielleicht anders veraufen.

Aktivistin ist heute Bürgermeisterin

Bürgermeisterin ist Chen Chu, eine Wortführerin der Dissidenten von damals. Sie saß sechs Jahre im Gefängnis dafür, dass sie Demokratie und Menschenrechte forderte. Der Mut scheit sie nicht verlasen zu haben. Heute scheut sie nicht davor zurück, China zu verärgern, wenn es sein muss. In diesem Sommer konnte sie in ihrer Stadt die World Games ausrichten, die größte internationale Sportveranstaltung, die je in Taiwan stattfand.

Die Zeitschrift „Formosa“ war das Sammelbecken von Taiwans Oppositionsbewegung und brachte es 1979 auf vier Ausgaben.

Aber zurück zum Kaohsiung-Zwischenfall. Wie das 228-Massaker ist er eines der Ereignisse, deren Bedeutung man zumindest in groben Zügen kennen muss, wenn man über Taiwan reden will, sprich: durch jenes Minenfeld irren, das sich zwischen ROC und PRC, DPP und KMT erstreckt. Hier steht eine brauchbare Zusammenfassung mit einem Link auf ein interessantes weiterführendes PDF-Dokument.

1980 begann im Jingmei-Militärgefängnis von Taipeh der Schauprozess gegen acht Anführer der Oppositionsbewegung. Sie wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.


World Games 2009 in Kaohsiung

Es hat schon eine ganz besondere Ironie, dass die World Games ausgerechnet in Taiwan stattfinden. Haben doch die meisten Menschen nie davon gehört, und wenn doch, können sie es nicht so richtig einordnen. Die World Games (noch bis zum 26. Juli) sind im Sport das, was Taiwan in der Welt ist: Eigentlich wichtig genug, um Bedeutung zu haben, werden sie trotzdem nicht ganz ernst genommen.

So wie Taiwan nicht Mitglied der UNO sein darf, sind die Sportarten der World Games nicht bei den Olympischen Spielen zugelassen. Und so, wie die Taiwaner sich trotz allem ein schönes Leben machen in ihrem Land, haben die Sportler bei den kleinen World Games mindestens so viel Spaß wie ihre Kollegen bei den großen Olympischen Spielen. Kurz: Wenn es die World Games nicht schon seit 1981 gäbe, man müsste sie eigens für Taiwan erfinden.

Ein großes Spektakel: die Eröffnungsfeier am Donnerstag.

Ein großes Spektakel: die Eröffnungsfeier am Donnerstag.

Die World Games, um die es hier geht, haben nichts mit dem Computerspiel aus den 80ern zu tun. Da musste man Baumstämme werfen und mit Schlittschuhen über Bierfässer springen. Aber wahrscheinlich würden auch diese Disziplinen nicht weiter auffallen in einem Programm, das von Sumoringen bis Bowling, von Fallschirmspringen bis Inline-Hockey, Drachenbootrennen bis Orientierungslauf und von Beach-Handball bis Kanu-Polo eine Menge gegensätzlichster Sportarten vereint, von denen man wahrscheinlich entweder noch nie gehört hat (Korfball, Tschoukball) oder nicht gedacht hätte, dass es tatsächlich als Sport betrieben wird, mit Verbänden und Regelwerk und Nationalmannschaften (Bodybuilding, Frisbee, Tauziehen).

Deutschlands Tauzieh-Nationalmannschaft im Einsatz in Taiwan.

Deutschlands Tauzieh-Nationalmannschaft im Einsatz in Taiwan.

Damit nicht der Eindruck entsteht, ich schriebe hier über eine obskure Hinterzimmer-Veranstaltung mit einer Handvoll Teilnehmern, kurz die Dimensionen: An den 31 Sportarten der World Games in Kaohsiung nehmen mehr als 3200 Athleten aus 90 Ländern teil. Kaohsiung, Taiwans zweitgrößte Stadt (1,5 Millionen Einwohner), hat sich eigens für die Spiele ein neues Stadion für 40.000 Zuschauer gebaut, das nicht nur schön ist, sondern auch hochmodern – so wird der gesamte Energiebedarf über Solarzellen gedeckt. Für Taiwan sind die World Games nicht nur die größte internationale Sportveranstaltung, die je in diesem Land stattfand. Die Bedeutung geht weit darüber hinaus. Es ist das erste Mal, dass Taiwan überhaupt offiziell Gastgeber ist für so viele Länder. Und das erste Mal, dass die Menschen zumindest in Kaohsiung die Erfahrung machen, wie es ist, wenn plötzlich so viele unterschiedliche fremde Gäste auf den Straßen unterwegs sind, neugierig und gut gelaunt ein Land entdecken wollen.

Ich muss ein bisschen ausholen. 2006 hatte das Losglück mir Karten für das Eröffnungsspiel der Fußball-WM beschert. Mittlerweile ist es in Vergessenheit geraten, aber kurz vor dem Beginn der WM war in Deutschland vom Sommermärchen noch nichts zu spüren. Da wurde gemäkelt und gemeckert und darüber diskutiert, ob es No-Go-Areas für Ausländer gibt und wenn ja, warum im Osten. Irgendwie fühlte Deutschland sich wie ein unbeliebter Schüler, der die ganze Klasse zu einer Party eingeladen hat, nun in seiner frisch aufgeräumten Wohnung auf die Gäste wartet, die Musik vorbereitet und das Essen kalt gestellt hat und sich fragt, ob wohl überhaupt jemand auftauchen wird.

München, 9. Juni 2006. Costa Rica mag uns.

München, 9. Juni 2006. Costa Rica mag uns.

Ich werde niemals den Moment vergessen, als ich am Vormittag des Eröffnungsspiels in München aus der U-Bahn ans Tageslicht trat und plötzlich auf einem Marienplatz stand, der zum Bersten voll war mit Mexikanern und Australiern, Costa-Ricanern, Russen und Amerikanern, die zusammen mit den plötzlich ganz gelösten Deutschen einfach nur sich selbst feierten, das schöne Wetter und den Fußball. Die waren tatsächlich alle freiwillig nach Deutschland gekommen – und sie hatten hier auch noch Spaß!

Deutsche Drachenboot-Paddler beobachten ein Kanupolo-Spiel.

Deutsche Drachenboot-Paddler beobachten ein Kanupolo-Spiel.

Von der WM 2006 abgesehen, leiden wir Deutschen ja kollektiv an dem Gefühl, vom Rest der Welt nicht wirklich gemocht zu werden. Und weil wir ahnen, dass wir daran selbst Schuld sein könnten, mögen wir uns selbst nicht so recht. Aber wir konnten uns mit Wirtschaftswunder, Weltmeistertiteln usw. darüber hinwegtrösten. Taiwaner zu sein, muss noch schwieriger sein. Die Menschen hier wachsen seit mindestens 30 Jahren mit dem demütigenden Gefühl auf, nicht für voll genommen zu werden. Ihr Land steht ewig im Schatten Chinas, muss mit Anhängseln wie „umstritten“, „international nur von wenigen Staaten anerkannt“, „abtrünnig“ oder „von China für sich beansprucht“ leben. Von allen UN-Aktivitäten ausgeschlossen, wird Taiwan von der sogenannten „internationalen Gemeinschaft“ behandelt wie ein Schmuddelkind, mit dem zu reden sich nicht schickt.

"Chinese Taipei", was ist das? Zumindest die Zuschauer dürfen Flagge zeigen.

"Chinese Taipei", was ist das? Zumindest die Zuschauer dürfen Flagge zeigen.

Statt zu resignieren, hat Taiwan sich aber in den letzten Jahrzehnten ganz besonders ins Zeug gelegt. Eine Diktatur überwunden, die Demokratie umarmt, einen Wirtschaftsaufschwung hingelegt, der noch erstaunlicher ist als der deutsche. Neuerdings entdecken sie hier den Umweltschutz, wollen Vorreiter beim Energiesparen sein, die Schulausbildung verbessern, Touristen anlocken. Aber sie können so viele Netbooks erfinden, wie sie wollen – für den Rest der Welt bleibt Taiwan das Land, das keines sein darf.

Das deutsche Team zieht bei der Eröffnungsfeier ins Stadion ein.

Das deutsche Team zieht bei der Eröffnungsfeier ins Stadion ein.

Ist es da ein Wunder, dass die World Games für Taiwan viel mehr sind als eine Sportveranstaltung – nämlich die allerbeste Gelegenheit, sich der Welt von seiner besten Seite zu zeigen? Die letzten World Games fanden 2005 in Duisburg statt, und ich würde mich wundern, wenn der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen vorbeigeschaut hat. In unseren Medien liefen damals nur ein paar Kurzberichte. Taiwans Fernsehen überträgt ständig live und berichtet in den Nachrichten, Kaohsiung hat ein neues Stadion gebaut, eine U-Bahn (zugegeben, die war wahrscheinlich sowieso geplant), und eröffnet hat die Spiele Taiwans Präsident Ma höchstpersönlich – was überraschend war und für Chinas Regierung so unzumutbar, dass sie in typischer Spielverderber-Manier ihr komplettes Team die Eröffnungsfeier boykottieren ließ.

World Games Tauziehen Holland Teamfoto

Ein paar Jungs nutzen die Gelegenheit für ein Foto mit Hollands siegreicher Tauzieh-Mannschaft.

Aber eigentlich wichtig ist ja: Was kommt bei den Menschen an? Bei den Einheimischen, und bei den Gästen aus der Welt? Ich war gerade drei Tage in Kaohsiung, habe die Eröffnungsfeier um Stadion gesehen und einige Disziplinen an den Wettkampfstätten. Ich habe Taiwaner erlebt, die wildfremde Ausländer mit ehrlicher Freude begrüßen und in gebrochenem Englisch neugierig fragen, woher sie kommen. Die sich bemühen, ihnen den Aufenthalt zu erleichtern, und in der U-Bahn-Station unaufgefordert fragen, ob man Hilfe braucht. Jugendliche auf Motorrollern, die holländischen Sportlern auf der Straße zuwinken und hinterherrufen. Durchtrainierte Französische Ju-Jutsu-Kämpfer, die auf dem Nachtmarkt alle Blicke auf sich ziehen. Britische und belgische Ehepaare, deren Töchter bei den World Games antreten und die nun auf dieser Insel Urlaub machen, die sie sonst im Leben nie betreten hätten. Slowaken und Italiener beim Stadtbummel, bulgarische Sumoringerinnen und Tauzieher aus Lettland beim Wettkampf.

World Games Drachenboote Lotussee

Drachenbootrennen auf dem Lotus-See von Kaohsiung. Im Hintergrund die Tiger- und Drachen-Pagoden.

Nehmen wir mal Taiwans Drachenboot-Mannschaft. Die hat am Freitag über 200 Meter die Bronzemedaille erpaddelt, nur Russland und Ungarn waren schneller. Es war zu diesem Zeitpunkt wohl die erste Medaille für Taiwan (das hier übrigens wie bei Olympia nur unter dem schwachsinnigen Kunstnamen „Chinese Taipei“ firmieren darf, keine Flaggen, keine Hymne – eine Demütigung sogar im eigenen Land). Als die Sportler ihre Medaillen umgehängt bekamen, war die Freude schon groß. Dann stiegen Russen und Ungarn schon vom Podest herab, und weil die Taiwaner noch immer für Fotos posierten, standen sie noch auf ihrem Treppchen. Im Vorbeigehen gaben die Russen und Ungarn nun jedem einzelnen von ihnen die Hand und gratulierten. Da war der Stolz der Taiwaner fast körperlich spürbar. Da gewinnen sie im eigenen Land eine Medaille in einer ihrer Nationalsportarten, und dann steigen die Sportler aus diesen anderen Ländern, deren Regierungen das Wort „Taiwan“ am liebsten gar nicht in den Mund nehmen und die niemals zum Staatsbesuch vorbeikommen werden, auch noch vom Podest herab und behandeln Taiwan so, wie man es sonst gar nicht kennt – respektvoll und gleichwertig. Selten habe ich Menschen erlebt, die vor Glück so gestrahlt haben wie Taiwans Drachenboot-Mannschaft in diesem Moment.

World Games Taiwan Drachenboot

...und später haben sie sogar noch eine Silbermedaille gewonnen.

In den deutschen Medien kommen die World Games erwartungsgemäß so gut wie gar nicht vor. Weder ARD noch ZDF berichten, und von den Verbandswebsites abgesehen wird auch wenig geschrieben. Löbliche Ausnahme ist der Tagesspiegel, der offenbar einen Korrespondenten geschickt hat. Ich selbst versuche im Rahmen meiner Ein-Mann-Möglichkeiten, etwas zu reißen. Bislang kam dabei ein Vorbericht im Deutschlandfunk heraus, und ein Artikel über das deutsche Drachenboot in der Rhein-Zeitung.

Links zu deutschen Berichten über die World Games schön zusammengefasst bei Blickpunkt Taiwan