Taipeh Flüge jetzt buchen EVA AIR

 

Entries tagged with “Kinder”.


Nicht für das Leben, für die Schule lernen sie

Schüler in Taiwan: Warum sie so viel lernen müssen und welche Folgen das hat.

Wenn es schon dunkel wird in Taipeh, zwischen fünf und sechs Uhr abends, strömen sie auf die Gehsteige und stürmen die Busse: Heerscharen von Schülerinnen und Schülern, gekleidet in Uniformen, die geschnitten sind wie Trainingsanzüge oder Pyjamas. Grün-schwarz, rot-grau oder himmelblau – die Farben verraten auf einen Blick, aus welcher Schule sie kommen. Sie quatschen, tuscheln und kichern genau wie Teenager in Deutschland. Man sieht ihnen nicht an, dass sie gerade acht oder neun Stunden Frontalunterricht hinter sich haben. Und das war noch längst nicht alles.

Zeitungsartikel: Schüler in Taiwan

Nachhilfeschulen in Taiwan

Als Schüler in Bremervörde hatten wir den anstrengenden Teil des Tages spätestens gegen 14 Uhr überstanden und machten uns auf den Heimweg. Von so viel Freizeit können Taiwaner nur träumen. Schule bis in den späten Nachmittag, und danach führt der Weg oft direkt in eine der zahllosen privaten Nachhilfeschulen – Englisch oder Mathe pauken. Bis zu Hause die letzten Hausaufgaben gemacht sind, ist es schon fast Mitternacht. Was deutsche Eltern auf die Barrikaden triebe, von den Schülern ganz zu schweigen, ist hier Alltag.

Bildung gilt in Taiwan schon fast als Religion. Von Kindern wird erwartet, dass sie sich verausgaben und gute Noten nach Hause bringen, um der Familie keine Schande zu machen. Dafür zahlen die Eltern klaglos Schulgeld, Nachhilfe und Studiengebühren. Die Wurzeln dieser Einstellung reichen zurück ins alte China, wo jeder die Chance hatte, durch Fleiß und Eifer die kaiserliche Beamten-Prüfung zu bestehen. Der Weg aus dem Reisfeld führte schon immer über die Bildung.

Immer identifizierbar mit Schuluniform und Nummer

Taiwans Schulsystem orientiert sich am amerikanischen Modell: Sechs Jahre Grundschule und jeweils drei Jahre „Junior“ und „Senior High School“. Beim Schulwechsel entscheiden die Noten, ob der Weg auf eine renommierte oder eine durchschnittliche Anstalt führt. Nach der Grundschule sorgt die Schuluniform fürs Gruppengefühl, und eine aufgestickte Schülernummer garantiert, dass der Träger oder die Trägerin auch außerhalb des Schulgeländes identifiziert werden kann. Da überlegt man es sich dreimal, bevor man in der U-Bahn die Füße auf den Sitz legt.

Pflichtbewusstsein und Leistungsdruck bleiben nicht ohne Folgen. Wenn ich mich mit deutschen Schülern unterhalte, die ein Austauschjahr in Taiwan verbringen, beschreiben sie ihre Altersgenossen als fleißig, interessiert und diszipliniert – aber auch als unreif, schüchtern und unselbstständig.

Schwierige Partnersuche für Taiwans Teenager

Nie würden Pärchen auf dem Schulgelände Händchen halten. Die erste Beziehung mit 14? Das lenkt doch nur vom Lernen ab. Viele Jungs kennen das andere Geschlecht vor allem aus Online-Spiele und Manga-Comics. Für Mädchen sind gefärbte Haare, auffälliges Make-up oder gar Piercings tabu. Im Unterricht spricht der Lehrer ins Mikro und alle schreiben mit. Freies Sprechen wird kaum trainiert. Erst wenn die Aufnahmeprüfung zur Uni bestanden ist, können junge Taiwaner sich wirklich ausleben.

Wenn ich sie aber so beobachte, etwa nach Schulschluss, fällt mir auf: Die gute Laune lassen sie sich trotzdem nicht nehmen.


Die Taiwaner sterben aus

Es mag seltsam klingen aus dem Land mit der zweithöchsten Bevölkerungsdichte aller Flächenstaaten weltweit (nur übertroffen von Bangladesch), ist aber so: Taiwan entvölkert sich. Und zwar noch schneller als Deutschland, denn die Insulaner sind (neben Notebooks und Stinke-Tofu) auf noch einem Gebiet Weltspitze: Taiwan hat laut einer neuen Statistik die niedrigste Geburtenrate der Welt.

Jede Frau bringt hier im Schnitt gerade noch ein Kind zur Welt. 1951 waren es noch sieben. Sogar China (wo es ja eigentlich eine Ein-Kind-Politik gibt) liegt bei 1,6. Das Time Magazine hat sich jetzt diesem Thema gewidmet. Einige Schlüsselpassagen aus dem lesenswerten Artikel:

Taiwan’s Health Minister (…) warned that if the island continues on this track, the population would experience a future labor shortage and that the next generation of children would have significant difficulty covering the health costs of their aging parents. That intense financial pressure, he said, could raise the future suicide rate. The Education Minister (…) predicted that one-third of Taiwan’s colleges will close in just 12 years if the trend continues.

In a society where the cost of living is high, the notion that kids are an unwelcome burden — taboo in many cultures — has become an accepted idea. (…) Students interviewed 100 residents of Taiwan between the ages of 20 and 40 about their family plans. One-third didn’t plan to have any children for fear of losing two precious things: money and freedom.

Only a third of Taiwan’s women are married by age 30, in contrast to 20 years ago, when the average age for marriage for women was 26. Many more men have also been marrying women from other Asian countries like China and Vietnam (…) Today, 1 in 8 babies in Taiwan is born to a non-Taiwanese mother.

Auch die Taipei Times hat sich des Themas angenommen:

„Young people don’t come out of school with the idea that they want to raise a family (…) There’s a reaction among young women, who see how many children their mothers had, and watched them spend all that time looking after household matters, and that’s not necessarily what they want to do.”

Weakening family ties consolidate this mindset, as young people migrate from the countryside into the cities, away from the watchful eyes of their parents and grandparents. This relieves them from pressure put on them by the older generation to produce children, and many instead opt for a materially comfortable single existence.

The dearth of births will eventually mean there are not enough people in the labor force to support a growing number of elderly. Current forecasts are that in 2051, more than one in three Taiwanese will be 65 years or older, up from one in 10 now.

Die Gründe für diese Entwicklung sind m.E. vergleichbar mit Deutschland: Eine Gesellschaft im Übergang zum postindustriellen Zeitalter. Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung und den eigenen Arbeitsplatz. Eine von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht. Unerschwingliche Immobilien (zumindet in Taipeh). Frauen, die immer besser ausgebildet sind, aus ihren Fähigkeiten etwas machen wollen und keine Lust haben, sich an einen eher traditionell eingestellten Mann zu binden.

Die Regierung erwägt nun u.a., eine Art Kindergeld nach deutschem Vorbild einzuführen. Dabei dürfte klar sein, dass sich junge Menschen nicht mit ein paar Euro (oder Taiwan-Dollar) mehr im Monat dazu bewegen lassen, ihren Lebensentwurf zu überdenken.

Nachtrag: Despite incentives, nation’s birth rate continues to drop


Maloche in Fernost

Katja hat eine interessante Frage gestellt:

„Hast Du schon Einblick bekommen, wie die Arbeitskultur, Arbeitszeiten, Gehalt vs Lebenshaltungskosten in Taiwan so sind? Fände ich spannend…“

Ich auch. Einiges habe ich mir erzählen lassen, also versuche ich es mal (ohne Gewähr).

Verdienst und Preise in Taiwan

Generell kann man sagen, die Menschen in Taiwan verdienen weniger als bei uns, dafür ist das Leben billiger. Die Diskrepanz ist nicht so riesig wie z.B. in China, aber immer noch deutlich.

Rechnen wir der Einfachheit halber mit einem Wechselkurs von 50 New Taiwan Dollar (NT$) = 1€ (Update 2013: 40 NT$=1€).

Ein Büro-Angestellter hat mir erzählt, er verdient im Monat 35.000 NT$ brutto. Das ist hier wohl ein vernünftiges Durchschnitts-Einkommen.

Die Grenze, ab der jemand als Großverdiener gilt, liegt offenbar bei ca. 100.000 NT$. Es gibt hier offenbar zahlreiche Menschen, die als reich gelten (fette Autos usw.), und sehr viel mehr, bei denen das Geld eher knapp ist.

Restaurant in Taiwan

Natürlich sind auch die Lebenshaltungskosten niedriger. Wenn man sich in einem Restaurant satt isst, kostet das zwischen 50 und 200 NT$. Eine Bus- oder U-Bahn-Fahrt kostet zwischen 12 und 50 NT$. Die Miete für ein Zimmer zur Untermiete oder kleines Einzimmer-Apartment in Taipeh beträgt zwischen 8.000 und 15.000 NT$, inklusive „Hauptstadt-Zuschlag“.

Mehr Einträge zum Thema Lebenshaltungskosten in Taiwan

Urlaub in Europa oder Amerika ist für Taiwaner ziemlich teuer, weshalb sie ihn – wenn sie ihn sich überhaupt leisten können – oft kurz halten oder organisierte Touren buchen. In Thailand, Vietnam usw. ist der Taiwan-Dollar dagegen mehr wert. Angeblich gilt Bangkok bei Taiwanerinnen als Shopping-Paradies.

Westliche Ausländer in Taiwan

Umgekehrt ist das Leben in Taiwan für Westler ziemlich günstig. Es gibt hier z.B. unzählige Amerikaner und Kanadier, die nach dem College-Abschluss, also mit Mitte 20, nach Taiwan kommen und Englisch unterrichten. Der Bedarf an Englisch-Lehrern ist riesig, und die einzig nötigen Qualifikationen sind: Muttersprachler und Uni-Abschluss (egal in welchem Fach). Die Leute bleiben ein bis zwei Jahre in Taiwan, werden für ihre Arbeit vergleichsweise gut bezahlt und können daheim anschließend z.B. ihre Studiengebühren-Schulden zurückzahlen.

Viele von ihnen legen keinen großen Wert darauf, Chinesisch zu lernen, halten sich auch sonst vorzugsweise in ihrem Expat-Universum auf (Sportsbars, Pubs…) und nehmen den Taiwanern die hübschen Mädchen weg. Daher sind sie mit verantwortlich dafür, dass Westler freundlich, aber auch distanziert betrachtet werden. Nach dem Motto: „Du (weiß, jung, männlich) siehst aus wie ein Amerikaner, sprichst bestimmt sowieso kein Chinesisch und bist bald wieder weg. Du bist wahrscheinlich laut und ungehobelt und benimmst Dich seltsam.“ Diese Haltung ändert sich meist, wenn man ein paar Brocken chinesisch spricht und damit seinen Willen beweist, sich der einheimischen Kultur zu öffnen.

Mein Eintrag: als westlicher Ausländer in Taiwan

Arbeiten und lernen in Taiwan

Zum Stichwort „Arbeitskultur“: Nach allem, was ich so höre, gelten Taiwaner (bei sich selbst und bei ausländischen Geschäftsleuten) als sehr fleißig, gut ausgebildet und strebsam. Immer wieder heißt es: „Die Leute hier arbeiten unheimlich viel.“ Im Büro sind 40-Stunden-Wochen sicherlich die Ausnahme. Geschäfte sind sowieso jeden Tag und teilweise fast rund um die Uhr geöffnet, so dass es für Ladenbesitzer und -angestellte noch krasser aussieht.

Kein Wunder also, dass die Menschen nach der Arbeit Ablenkung brauchen und sich z.B. in das Getümmel der Nachtmärkte stürzen. Über die müsste ich auch mal ganz dringend einen eigenen Eintrag schreiben.

Nachtrag: Ist passiert. Nachtmärkte in Taiwan

Nachtmarkt in Taiwan

Die Grundlage für diese Arbeitsethik wird schon ganz früh gelegt. Kleine Kinder müssen nicht nur bis zum Abwinken chinesische Schriftzeichen pauken (wer einige tausend beherrschen will, muss früh anfangen). Sie werden von ihren Eltern oft auch noch in den Englisch-Unterricht geschickt.

Buxiban Taiwan

Die Grundschule dauert sechs Jahre, danach kommen Junior High School und Senior High School (jeweils drei Jahre). Dort gibt es Schuluniformen, und die meisten Schulen sind nach Jungs und Mädchen getrennt. Jeder will auf die guten Schulen und muss sich entsprechend reinhängen. Nach der Schule geht es oft in Nachhilfe-Einrichtungen („Buxiban“), in denen weiter gepaukt wird (ich stelle mir das so vor wie ein Repetitorium für Juristen). Viele Schüler gehen wohl morgens aus dem Haus und kommen erst gegen 21 Uhr wieder zurück.

Mein Eintrag über Schüler in Taiwan

Kinder Orchester Taiwan

Nach der Schule versucht jeder, auf eine möglichst gute Universität zu kommen, denn der Ruf der Uni ist wichtig für den Einstieg ins Berufsleben. Da geht der Pauk- und Prüfungs-Marathon dann weiter. Trotzdem wirken die meisten Menschen recht ausgeglichen. Und die Taiwaner sagen über die Japaner: „Die sind noch arbeitswütiger als wir.“