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Taiwan-Reiseführer auf deutsch: Neue Auflage, Autor im Interview

Urlaub in Taiwan, dazu braucht man natürlich einen guten Reiseführer. Die Auswahl an deutschen Taiwan-Reiseführern ist sehr überschaubar. Als Standardwerk hat sich in den vergangenen Jahren der Taiwan-Band von Polyglott etabliert.

Ganz frisch ist die aktualisierte vierte Auflage erschienen. Dazu habe ich mich mit dem Autor Günter Whittome unterhalten.

Lesetipp: Taiwan, das wenig bekannte „Herz Asiens“

Whittome lebt in Taipeh als Übersetzer und Dolmetscher für Chinesisch. Ich kenne ihn schon seit meiner ersten Taiwan-Reise im Jahr 2008.

Reisefuehrer Autor

Besuch aus Deutschland: G. Whittome (r.) mit Freunden am Eingang zur Taroko-Schlucht

Was gefällt Ihren Lesern in Taiwan, was überrascht sie, und wo sehen deutsche Touristen Nachholbedarf?

„Da Taiwan auf der touristischen Landkarte europäischer Reisender bislang kaum präsent ist, reagieren viele überrascht, wenn sie die nicht erwartete Vielfalt in diesem doch recht kleinen Land entdecken.

„Auf der Größe Baden-Württembergs ist von Küste bis Hochgebirge, von subalpin bis tropisch alles vertreten. Hinzu kommen die Kulturen von den verschiedenen Bevölkerungsgruppen chinesischer Herkunft und von 14 Ureinwohner-Ethnien. Eine deutsche Autorin, die hier zu Besuch war, sagte einmal: Angesichts der Vielfalt, auf die sie hier stieß, bekam sie das Gefühl, dass Taiwan 50-mal größer sein müsste als es tatsächlich ist.

„Beeindruckt sind viele – gerade auch solche, die schon in China waren – von den ungebrochenen Traditionen vor allem im Bereich der Religion, die es in China so nicht mehr gibt oder die dort erst in jüngster Zeit wiederbelebt wurden.“

Taiwan Reiseführer Urlaub Nachtmärkte

Urlaub in Taiwan: Per Auto, Zug oder Bus

„Von der Infrastruktur her ist in Taiwan alles vorhanden, was man braucht: Autobahnen für die Nord-Süd-Verbindungen, auch sonst meist gute Straßen, der Hochgeschwindigkeitszug zwischen Nord und Süd, Überlandbusse. In Taipeh gibt es ein tolles Metro-System, in kleinerem Umfang auch im Süden in Kaohsiung.

„Das größte Problem bleibt sicher die Sprachbarriere. Zwar kann man sich in den Städten und bei jüngeren Leuten einigermaßen auf Englisch verständigen und die taiwanesischen Stellen bemühen sich auch, mehr Informationen auf Englisch zugänglich zu machen. Für westliche Touristen ist dies allerdings oft immer noch nicht ausreichend.

„Sehr hilfreich wäre es, wenn zentrale Stellen beispielsweise Restaurants einen einfachen Service anbieten würden, um auch englische Speisekarten anzubieten. Die gibt es bislang nur teilweise. Sonst erschließt sich so manches von Taiwans ungeheuer vielfältigem kulinarischen Angebot nicht. Immerhin gibt es die sehr gut gemachte Website Taiwan Food Culture auf Deutsch.“

Taiwan Reiseführer Urlaub Karte

Dies ist die vierte Auflage des Taiwan-Reiseführers. Was ist neu oder anders als in den bisherigen Auflagen?

„Vor allem ist es die erste Neuauflage seit 2010. Durch einen Eigentümerwechsel des Verlages hatte sich die Aktualisierung etwas verzögert. Viele größere und kleinere Veränderungen in Taiwan sind nun berücksichtigt.

„Die beigelegte Landkarte wurde auf den neuesten Stand gebracht und der Mini-Dolmetscher zugunsten mehr Buchinhalt gekürzt. Erstmals werden einige auch für ausländische Touristen nützliche Taiwan-Smartphone-Apps empfohlen – meines Wissens erstmals in einem Taiwan-Reiseführer überhaupt.“

(Welche Smartphone-Apps empfiehlt Whittome für Taiwan-Touristen? Dazu in Kürze ein eigener Blogeintrag.)

Wie kam es dazu, dass Sie damals die Möglichkeit bekamen, die erste Auflage des Reiseführers zu schreiben?

„Ich kannte Taiwan von Studienaufenthalten schon seit den Achtziger Jahren. Kurz nachdem ich Ende 2003 nach Taiwan umgezogen war, erreichte mich über Übersetzerkollegen und Ex-Kommilitonen die Anfrage zum Neuschreiben eines Taiwan-Reiseführers. Da habe ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt.“

Taiwans Natur und Berge: Voller Überraschungen

Was war die persönlich schönste und interessanteste Entdeckung, die Sie durch die Arbeit am Reiseführer gemacht haben?

„Wenn ich in Taiwan unterwegs bin, schaue ich seitdem genauer hin. Ich habe immer den Reiseführer im Hinterkopf und überlege, was in eine Neuauflage aufgenommen werden könnte, was man noch optimieren könnte und was sich seit der letzten Auflage geändert hat.

„Persönlich am schönsten ist, dass ich dadurch Taiwans Naturlandschaften, die in Europa nur wenig bekannt sind, noch intensiver entdeckt habe. Mein persönliches Highlight sind die ‚wilden‘ heißen Quellen Taiwans, also die nicht erschlossenen, wo man in freier Natur baden kann. Und natürlich die persönlichen Gespräche vor Ort, wo man so manches von Einheimischen erfährt, was nicht in den Büchern steht.“

Taiwan Reiseführer Urlaub Ostküste

Urlaubsziel Formosa? Gründe für eine Reise nach Taiwan

Viele Touristen grübeln vielleicht noch darüber, ob sie wirklich in Taiwan Urlaub machen wollen. Was würden Sie denen gern sagen?

„Lassen Sie sich überraschen! Von einem in Europa noch nicht so bekannten Reiseziel, von einem Land, wo Sie keinen Massentourismus antreffen. Dafür erwartet Sie:

  • Eine ungeheure kulinarische Vielfalt mit der eigentlichen taiwanesischen Küche, die sich durch Leichtigkeit und Meeresfrüchte in allen Variationen auszeichnet, die Vielfalt der chinesischen Regionalküchen, die rustikale Küche der Ureinwohner und japanische Einflüsse.
  • Die kulturelle Vielfalt durch drei Bevölkerungsgruppen chinesischen Ursprungs und 14 Ureinwohnervölker.
  • Im Gegensatz zu China ungebrochene – insbesondere religiöse – Traditionen mit unzähligen prächtigen Tempeln, vielfältigen Festivals und Prozessionen
  • Der Gegensatz zwischen dem Gewimmel in den Städten und atemberaubenden, fast unberührten Naturlandschaften im Zentralgebirge.

„Und außerdem überaus freundliche Menschen und ein sicheres Reiseland, auch für alleinreisende Frauen. Also: Taiwan ist ideal für Asien-Anfänger.“

Taiwan Reiseführer Urlaub: Kinder

Und was sollten Touristen beachten, die sich für eine Reise nach Taiwan entschieden haben?

„Soviel es auch dort zu entdecken gibt, halten Sie sich nicht nur in den Ballungszentren auf! Lassen Sie sich Taiwans Naturlandschaften nicht entgehen.

„Selbst bei einem kürzeren Aufenthalt können Sie von Taipeh aus den Nationalpark Yangmingshan leicht in einen Tagesausflug einbauen, etwa im Anschluss an einen Besuch im Nationalen Palastmuseum. Die U-Bahn und eine Seilbahn bringen Sie ins Teeanbaugebiet von Maokong mit Teehäusern und Restaurants.

„Wenn Sie mehr Zeit haben, ist die alte Inselhauptstadt Tainan im Süden ein Muss. Per Überlandbus, Zug oder Mietwagen vervielfachen sich die Möglichkeiten, Ausflüge tief ins Zentralgebirge oder an die zerklüftete Ostküste zu unternehmen.

„Die Sprachbarriere bleibt natürlich und außerhalb der Städte kommt man mit Englisch nicht immer weiter. Informieren Sie sich daher möglichst gut vor der Reise, wenn möglich, buchen Sie Zimmer im voraus, evtl. mit Hilfe eines Dolmetschers, nutzen Sie Infomaterial und Karten, die man in den Visitor Information Centers bekommt, und auch Smartphone-Apps.“

Lesetipps: Blogeinträge rund ums Reisen in Taiwan

Welche Reiseführer oder anderen Info-Quellen haben Ihnen in Taiwan am meisten weitergeholfen?


Why China Will Never Rule the World

Es heißt ja gelegentlich, Chinas Aufstieg zur Weltmacht sei unaufhaltsam, und der Westen tue gut daran, seine Konzepte mal kräftig zu überdenken und sich in der einen oder andere Hinsicht an China zu orientieren. Aber was ist es eigentlich, das der Rest der Welt angeblich von diesem Land lernen kann?

Nachdem er zehn Jahre in Taiwan gelebt hatte, war der Kanadier Troy Parfitt so neugierig auf die Antwort, dass er selbst nach China gefahren ist, um sie zu suchen. Seine zwei Reisen kreuz und quer durch die Volksrepublik sowie ein anschließender Trip durch Taiwan lieferten den Stoff für sein Buch „Why China Will Never Rule the World“ – auch für Taiwan-Interessierte eine lohnende, allerdings polarisierende Lektüre.

Man kann es vorwegnehmen: Parfitt hat in China wenig gefunden, was er aus westlicher Sicht für erstrebenswert hält. Immer wieder trifft er auf Menschen, deren Verhalten mit ignorant oder wahnwitzig noch freundlich beschrieben wäre. Das Lesen seines Reiseberichts hat etwas von einer Freak-Show, und begegnet er zwischendurch einmal freundlichen, aufgeschlossenen Chinesen, verdienen sie es, eigens herausgestellt zu werden. Die Schuld für diesen Zustand sieht Parfitt nicht bei den Einzelnen, sondern im System, in dem sie aufwachsen.

This is what habitually gets glossed over in the China analysis: Chinese culture remains locked in a self-replicating state of chaos, myopia, inefficiency, intolerance, violence, and irrationality. It is, in a word, backward.

Parfitts Schreibe ist nicht akademisch, sondern unmittelbar, schonungslos und dabei durchaus unterhaltsam. Sicher wurden noch nicht viele Reiseberichte geschrieben, die auf über 400 Seiten so konsequent die schlechten Seiten eines Landes herausstellen. Es gibt aber gute Gründe, „Why China Will Never Rule the World“ nicht als simples China-Bashing aus der Feder eines voreingenommenen Westlers abzutun. So spricht Parfitt offenbar ordentliches Mandarin. Er versteht, was um ihn herum gesagt wird und versucht immer wieder, über Themen zu reden, die übers Touristenniveau herausgehen. Dabei fällt er durchaus mal mit der Tür ins Haus, wenn er sein Gegenüber in Widersprüche verwickeln will oder Tabu-Themen direkt anspricht.

Außerdem hatte er sich vor seinen Reisen ein beachtliches Wissen über chinesische Geschichte (und Gesellschaftsgeschichte) angelesen und teilt es mit dem Leser. Einer der größten Vorzüge des Buches besteht darin, dass es nebenbei auch durchaus packend die Grundzüge der chinesischen Geschichte umreißt. Parfitt sucht gezielt Schauplätze von historischen Ereignissen auf und integriert knackige Zusammenfassungen in seine Erzählung. So lernt man einiges z.B. über die Taiping-Rebellion, den Xi’An-Zwischenfall oder den Verlauf des Krieges gegen Japan.

Von stolzen Verweisen auf „5000 Jahre Geschichte“ hält er wenig:

Surely, a darker or more tragic history cannot exist. Chinese history is thousands of years of tyranny, treachery, brutality, conflict, warfare, upheaval, and chaos. It makes Russian history, also extremely bleak, appear rather cheery by comparison.

Wenn es ihm auf den Reisen zu bunt wird, zieht Parfitt sich immer wieder zurück, indem er sich in ein Buch vertieft. Mehrfach erwähnt er, wie man ihn dafür erstaunt oder misstrauisch beäugt. Unter seiner Reiselektüre sind auch die „Gespräche des Konfuzius“. Dessen Lehren hat Parfitt besonders auf dem Kieker: Sie zementiere die Autoritätshörigkeit, verhindere eigenständiges Denken und sei alles andere als attraktiv in einer aufgeklärten (westlichen) Welt.

Einer seiner Kronzeugen ist Bo Yang (1920-2008), dessen „The Ugly Chinaman and the Crisis of Chinese Culture“ Parfitt ausgiebig zitiert:

„Narrow-mindedness and intolerance,“ he writes, „result in an unbalanced personality constantly wavering between two extremes: chronic inferiority on the one hand, and overbearing arrogance on the other. A Chinese with an inferiority complex is a slave; a Chinese with a superiority complex is a tyrant. In the inferiority mode, they feel like a heap of dog-shit, so the closer they get to influential people, the wider their smiles. In the arrogant mode, everyone else is a heap of dog shit.“

Nachdem er entnervt von seiner zweiten China-Reise zurückgekehrt ist, entschließt Parfitt sich, statt einem weiteren Trip, der ihn nach Tibet geführt hätte, seine langjährige Heimat Taiwan noch einmal gründlich zu bereisen. Das macht ihm ganz offenbar mehr Spaß, doch auch sein Taiwan-Bild ist nicht ungetrübt:

Even with its oddness, Taiwan, Republic of China is considerably more normal than the People’s Republic of China, and its citizens are visibly happier; living in a free and open society seems to have that effect on people … Without question, Taiwan is more advanced than China in almost every regard, yet in terms of cultural influence vis-à-vis the West and the rest of the world, it is on the road to nowhere.

Aus seiner Erfahrung als Lehrer in Taiwan schildert Parfitt etwa, wie Schulleiter Kinder nachsichtig behandeln, weil sie ihre Missetaten rundweg abstreiten, statt sie einzuräumen. Er berichtet von Schülern, die von ihren übervorsichtigen Eltern zur Unselbständigkeit erzogen werden. Er marschiert direkt ins Atommüll-Lager auf der Orchideeninsel. Er verzweifelt ob eines nicht enden wollenden Stromes an Nachrichten aus der Rubrik „Zu absurd, um wahr zu sein“. Und am Ende hat er einfach keine Lust mehr:

There was no question that my experience had made me more tolerant, but I would never become a cultural convert. As someone who has always harboured a deep-seated suspicion towards authority, Chinese society’s paternalism pertubed me. So did its Philistine nature, its perennial miserliness, its myopia, its near total ignorance of the outside world, its quashing of creativity, its ruination of critical thinking, and its disregard for individualism. To counter Mao’s Cultural Revolution, the Chiang regime launched a crusade called the Cultural Renaissance. In addition to glorifying Sun Yat-Sen’s Three Principles of the People, it belittled Western liberalism ad its overarching emphasis on the individual. Definitely, things had gotten a lot better since the Chiang days, but if you asked me, they were by no means good.

Heute lebt Troy Parfitt wieder in Kanada. Man kann mehr über ihn und sein Buch auf seiner Homepage erfahren. Und es gibt Interviews:

Würde ich mir dieses Buch kaufen, hätte ich es nicht als Rezensionsexemplar erhalten? Wahrscheinlich schon. In seiner Unverblümtheit und Subjektivität hebt es sich wohltuend ab von handelsüblichen Reiseberichten und Geschichtsbüchern, und von wirtschaftszentristischer China-Rosafärberei sowieso.

Ich denke, Parfitt geht es nicht ums Provozieren. Er schildert die Dinge rücksichtslos so, wie er sie sieht, weil es ihm ein Bedürfnis ist. Man muss seine Sichtweise bestimmt nicht teilen. Aber sie liefert viele interessante Denk- und Diskussionsansätze.

„Why China Will Never Rule the World: Travels in the Two Chinas“ kann man in Deutschland direkt bei Amazon bestellen, auch als eBook für den Kindle.