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Am schönsten ist es, wenn der Schmerz nachlässt: Wenn es im Kreuz mal wieder heftig zwackt, weil ich zu viel Zeit sitzend vor dem Rechner verbringe, gehe ich zum Masseur meines Vertrauens und lasse mich quälen. Mag Xiao Zhong mit seinem runden Gesicht und dem freundlichen Lächeln auch harmlos wirken – er weiß er doch genau, wo er drücken muss, um den maximalen Schmerz zu erzeugen. Mit sanfter deutscher Massage hat das nicht viel zu tun. Er walkt mich durch, renkt die Wirbelsäule ein, dass es nur so knackt, und setzt bei Bedarf auf besonders verspannte Stellen Saugglocken, deren Abdrücke tagelang sichtbar bleiben. Außerdem redet er mir jedes Mal gut zu: Mehr Schlaf, weniger Kaffee, ordentlich sitzen. Hinterher gehe ich dann tatsächlich ein paar Tage wie auf Wolken und freue mich, dass die halbstündige heilsame Tortur keine 10 Euro gekostet hat.

Überhaupt ist es eine Behandlung in Taiwan selten teuer. Das liegt vor allem daran, dass es seit 1995 eine allgemeine staatliche Krankenversicherung gibt, die mehr als 99% der Bevölkerung abdeckt – ein System, um das Taiwan von fast ganz Asien beneidet wird, und das sogar in den USA immer wieder als mögliches Vorbild genannt wird. Mit meiner Krankenversicherungskarte habe ich die freie Wahl unter staatlichen und privaten Krankenhäusern und Ärzten. Die monatlichen Beiträge sind im Vergleich zu Deutschland verschwindend gering, viele Probleme ähneln sich: Steigende Kosten, alternde Versicherte und Patienten, die so lange den Arzt wechseln, bis einer die gewünschte Diagnose stellt.

Über die Qualität der Behandlung in Taiwans 500 Krankenhäusern und fast 20.000 Arztpraxen höre ich vor allem Gutes. In Sachen Privatsphäre allerdings müssen Patienten – wie so oft im überfüllten Taiwan – Abstriche machen. In der Notaufnahme des Krankenhauses sitzt man sich gegenseitig fast auf dem Schoß, und viele Arztpraxen sind von der Straße her komplett einsehbar. Nur einige Stellwände oder ein Vorhang trennen den Wartebereich von der Liege, wo der Doktor spritzt oder bohrt.

Ganz anders als in Deutschland, zahlt die Krankenkasse nicht nur für westliche Schulmedizin, sondern auch für traditionelle chinesische Behandlungen. Taiwaner haben die Wahl, ob sie sich eine Pille oder einen Kräutercocktail verschreiben lassen. Für die chinesische Medizin liegen viele Beschwerden darin begründet, dass der Patient seinen Körper ins Ungleichgewicht bringt, indem er zu viele „heiße“ oder „kalte“ Speisen zu sich nimmt – was nichts mit der messbaren Temperatur zu tun hat. Ob es sich bei all dem um Quacksalberei oder um seit Jahrtausenden bewährte Heilmethoden handelt, darüber will mir kein Urteil anmaßen. Wer heilt, hat Recht.

Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.


Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.

Rechnen Sie noch immer Euro-Preise in D-Mark um? Dann seien Sie froh, dass Sie nicht in Taiwan leben – da ist die Rechnerei noch komplizierter. Eine pralle Brieftasche voller Hunderter und Tausender sieht zwar gut aus, aber hundert Neue Taiwan-Dollar (NTD) sind gerade mal 2,50 Euro wert (oder fünf Mark, wem das lieber ist).

Was kann ich mir dafür kaufen? Eine komplette Mahlzeit zum Beispiel. Ob in zahllosen kleinen Restaurants oder bei der Garküche am Straßenrand, in Taipeh kann ich mich für 1,50 bis drei Euro satt essen. Nudeln oder Reis mit Fleisch und viel Gemüse, mit oder ohne Suppe – wer hungrig bleibt, ist selbst Schuld. Viele Taiwaner kochen nie zu Hause, weil Essen gehen so günstig ist.

Taiwan ist im asiatischen Vergleich ein reiches Land, und daher sind die Preise hier nach deutschen Maßstäben günstig, aber nicht spottbillig. Grob geschätzt kosten Lebensmittel, U-Bahn-Fahrten oder Zeitungen etwa ein Drittel bis ein Viertel so viel wie in Deutschland. Den Liter Benzin gibt es für 80 Cent, einen Big Mac für 1,50. Natürlich sind auch die Einkommen entsprechend niedriger: (mehr …)


Auch so ein Beleg für den hohen Lebensstandard in Taiwan: Die Krankenversicherung. 1995, noch vor der endgültigen Demokratisierung, des Landes, hat die Regierung sie eingeführt. Heute ist jeder drin, und sie kostet auch nicht viel. Als ich im Frühjahr hier studiert habe, hätte ich als Ausländer für drei Monate umgerechnet ca. 35 Euro zahlen müssen (allerdings hatte ich schon eine teurere deutsche Auslands-KV).

Hier stehen einige offizielle Infos der Regierung zur Krankenversicherung (PDF).

Wie gut ist das System? Der amerikanische nichtkommerzielle TV-Sender PBS hat anlässlich des US-Wahlkampfs ein interessantes Dossier ins Netz gestellt: Sick around the World. Da werden die Systeme von fünf „kapitalistischen Demokratien“ (Großbritannien, Deutschland, Japan, Schweiz und eben auch Taiwan) vorgestellt und daraufhin abgeklopft, ob die USA sich nicht daran orientieren könnten. Denn so eine Krankenversicherung für alle, das wär‘ doch mal was…

Da gibt es z.B. ein interessantes Interview mit Experten:

„The government wanted to bring health insurance to everyone, so now they have achieved that. … They like to joke that the only one that doesn’t have health insurance is the jail population in Taiwan. … So from that perspective, they succeeded fabulously.“

Man hört immer wieder, dass Solidarität in konfuzianischen Gesellschaften wie der Taiwans nicht besonders ausgeprägt sei, um es mal vorsichtig auszudrücken. Die Krankenversicherung scheint mir ein Gegenbeispiel zu sein. Vielleicht kann jemand dazu kommentieren, der das Land besser und länger kennt als ich? Ich bin gespannt.

(Nachtrag: Noch ein interessanter Artikel zu dem Thema.)

(Und noch einer.)

Auch Scooter-Fahrer sind in Taiwan krankenversichert. Ist auch besser so…