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Es war für mich ein Reporter-Highlight: In Berlin konnte ich kürzlich mit Egon Bahr über seinen Taiwan-Besuch sprechen. Aus diesem Interview ist ein Beitrag für die Deutsche Welle entstanden, der ganz frisch im Netz steht:

Hier ist das Video unseres Gesprächs:

Und nun einige Hintergründe und Beobachtungen.

Man nennt ihn „Tricky Egon“, weil er durch unermüdliches Verhandeln und geschicktes Taktieren immer wieder scheinbar Unmögliches erreicht hat: Egon Bahr prägte nicht nur den Begriff „Wandel durch Annäherung“, er schrieb auch vor vierzig Jahren als Geheimdiplomat ein Stück Weltgeschichte mit. Willy Brandt schickte seinen engen Freund damals als Sondergesandten nach Moskau, um dem Kreml in monatelangen Verhandlungen die Zustimmung zur Ostpolitik abzuringen: Eine „Politik der kleinen Schritte“, die zur allmählichen Annäherung zwischen Ost und West führte und den kalten Krieg ein gutes Stück weniger gefährlich machte.

Mit 90 Jahren verfolgt Bahr heute noch immer gespannt, was sich in der Welt tut. So war er im Dezember 2011 eine Woche nach Taiwan gereist, auf Einladung der Regierung. Von dem Mann, der zur Zeit der deutschen Teilung so erfolgreich zwischen den Fronten vermittelt hatte, erhoffte man sich offenbar Anregungen fürs Verhältnis zwischen Taiwan und China. Da gibt es ja tatsächlich einige Parallelen zu den zwei deutschen Staaten – aber auch wichtige Unterschiede.

Wie bei Bahr nicht anders zu erwarten, funktionierte die Geheimhaltung: Ich hatte in Taipeh vorab von seinem Besuch erfahren, aber nichts über die Inhalte. Als ich nun einige Zeit in Deutschland verbrachte und Mitte März zufällig eine TV-Dokumentation zu Bahrs bevorstehenden 90. Geburtstag sah, reifte spontan ein Gedanke: Wer so hellwach und interessiert ist, hat vielleicht auch Lust, von seinen Erfahrungen in Taiwan zu erzählen. Da ich sowieso einige Tage Berlin eingeplant hatte, rief ich einfach in der SPD-Parteizentrale an und schilderte einer Mitarbeiterin der Presseabteilung, die auch Bahrs Terminkalender verwaltet, mein Anliegen. Ergebnis: Obwohl Bahr gerade erst seinen Geburtstag und eine Reihe Empfänge und Ehrungen hinter sich gebracht hatte, saß ich ihm nur zwei Tage später an seinem Schreibtisch gegenüber, in einem hellen Büro irgendwo in den langen Korridoren des Willy-Brandt-Hauses.

Während eine halbe Stunde lang Aufnahmegerät und Videokamera heiß liefen, glühte bei Bahr die Zigarette. Helmut Schmidt ist nicht das einzige Polit-Urgestein, bei dem Nikotin die grauen Zellen anzuregen scheint. Ganz „elder statesman“, reihte Bahr bedächtig druckreife Sätze aneinander. Sein Blickwinkel ist der eines Strategen, der die ganz großen Trends der Weltpolitik deutet. Kein Wunder bei einem Mann, der einst über geheime Kanäle direkten Kontakt zu Henry Kissinger hielt.

Ganz Realpolitiker, lobte Bahr Taiwans Politik der engeren Verflechtungen, um die Gefahr einer Konfrontation mit China zu verringern. Ein anderer Weg sei auch gar nicht möglich, denn Taiwan sei zu schwach und zu klein, um im Konzert der Großmächte USA und China ein Entscheidungsgewicht zu haben. Dass viele Taiwaner den Gedanken ablehnen, Taiwan und die Volksrepublik seien Teil einer gemeinsamen chinesischen Nation, und fürchten, ihre Demokratie könne unter die Räder kommen, spielte in seinen Beobachtungen keine Rolle.

Was er denn als nächstes vorhabe, fragte ich den 90-Jährigen, während ich meine Sachen zusammenpackte. „Ein Buch schreibe ich noch darüber, was in der EU gerade passiert.“ Da laufe so unfassbar viel schief. „Und danach kann ich in Ruhe verblöden.“


Was stimmt nicht mit dieser Zeitung?

Mal ist der Titel blau, mal grün – das ist kein Druckfehler, sondern der Versuch, es jedem recht zu machen. Eine Gratiszeitung in Taiwan hatte während des Wahlkampfes jeden Tag eine Pro-KMT und eine Pro-DPP-Ausgabe erstellt. Clever oder schizophren?

Mehr darüber habe ich drüben im Blog von Weltreporter.net geschrieben.

Themenwechsel. Wie klingt es, wenn ein chinesischer Diplomat sich so in patriotische Rage redet, dass vor dem geistigen Auge der Speichel trieft und die Adern schwellen? Hört Euch mal dieses Interview an, das die BBC 2006 mit Sha Zukang führte, dem damaligen UN-Botschafter Chinas in Genf. Der hat auch was zu Taiwan zu sagen.

Wenn es nicht so gruselig wäre, würde ich darauf tippen, dass hier ein Titanic-Redakteur der BCC einen Streich gespielt hat. Und da fragen sich ernsthaft noch Leute, warum die Taiwaner überhaupt nicht scharf darauf sind, unter den Mantel so eines Landes zu schlüpfen?


Taiwan und Südkorea

Der Koreakrieg hat das Regime von Chiang Kai-shek auf Taiwan gerettet. Auch sonst verbinden Taiwan und Südkorea viele Parallelen – nicht nur im Kalten Krieg.

Sie hat mir als Podcast schon viele lange Busfahrten durch Taipeh verkürzt: Meine Lieblings-Radiosendung „Der Tag“ auf HR2. Jeden Tag eine Stunde nur ein Thema, beleuchtet aus vielen Perspektiven. Immer aufschlussreich, oft originell, und hinterher ist man schlauer.

So war es mit eine besondere Freude, kürzlich selbst einen kleinen Baustein beisteuern zu können. Thema war der Korea-Konflikt, und da gibt es ja einige interessante Parallelen zu Taiwan. Stichworte: Kalter Krieg, kommunistisches Regime nebenan, Artillerie- und Raketenbeschuss, US-Militärpräsenz, rechte Diktatur bis in die späten achtziger Jahre, Wirtschaftswunder, Tigerstaaten, High-Tech-Macht.

Heute ist Südkorea für die meisten Taiwaner vor allem Hauptrivale in Sachen Wirtschaft und Baseball, und kürzlich kochten sogar anti-koreanische Ressentiments hoch, nachdem eine taiwanische Taekwondo-Kämpferin bei den Asien-Spielen unter merkwürdigen Umständen disqualifiziert wurde.

Nun also der komplette Text. Im Programm lief der Beitrag aus Längengründen ein wenig gekürzt.

Ausbruch des Koreakriegs

Wäre 1950 nicht der Koreakrieg ausgebrochen, würde Taiwan heute wahrscheinlich längst von der Volksrepublik China kontrolliert. Dann wäre Asien um eine Demokratie ärmer. Die allerdings kam erst spät und spielte keine Rolle, als Taiwan noch eine Frontstellung im Kalten Krieg hatte.

„Die Freiheit der USA wird auch auf Taiwan und im Gelben Meer verteidigt“, so etwa argumentierte US-Präsident Harry Truman 1950. Nach Ausbruch des Koreakrieges wollte er den Kommunismus in Asien eindämmen. Ein Jahr zuvor hatten in China die Kommunisten den Bürgerkrieg gewonnen. Verlierer waren die Nationalchinesen unter Chiang Kai-shek. Sie zogen sich mit fast zwei Millionen Mann nach Taiwan zurück. Die Insel 150 Kilometer vor Chinas Südostküste war zuvor 50 Jahre lang japanische Kolonie gewesen.

Chiang Kai-Sheks korruptes Regime hatte China trotz massiver US-Unterstützung verloren. Die USA werden es nicht weiter verteidigen, so Truman noch Anfang 1950.

Erst nach Ausbruch des Koreakriegs schickte er amerikanische Kriegsschiffe in die Taiwanstraße und verhinderte so eine kommunistische Invasion.

Bollwerk im Kalten Krieg

In den ersten zwei Jahrzehnten das kalten Krieges wurde die auf Taiwan zusammengeschrumpfte „Republik China“ vom Westen gehegt und gepflegt. Das „Freie China“, in Wirklichkeit eine per Kriegsrecht regierte Einparteien-Diktatur, war sogar ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat und galt dort als einzig legitimer Vertreter ganz Chinas.

Chiang Kai-shek träumte davon, von Taiwan aus China zurückzuerobern. Heiße Gefechte aber gab es nur in den Fünfziger Jahren auf der Inselgruppe Kinmen, damals bekannt als Quemoy. Die Inseln in Sichtweite der chinesischen Küste wurden von den Nationalchinesen als Brückenkopf gehalten und waren Peking ein besonderer Dorn im Auge. Doch wochenlanger Artillerie-Dauerbeschuss blieb wirkungslos, und alle Invasionsversuche scheiterten. Kinmen wird heute noch immer von Taiwan kontrolliert.

Strategische Bedeutung

Gerade mal so groß wie Baden-Württemberg, hat Taiwan durch seine Lage eine überragende strategische Bedeutung im Kräftemessen der Großmächte. Würde die Volksrepublik China die Insel kontrollieren, könnte sie den Seeweg zu Amerikas Verbündeten Südkorea und Japan abschneiden. Pekings Marine drängt es auf den Pazifik, doch sie fühlt sich eingeschlossen durch die Kette Südkorea-Japan-Taiwan.

Während des Vietnamkriegs nutzten die USA Taiwan, den „unsinkbaren Flugzeugträger“, als Nachschub- und Luftwaffenbasis.

Diplomatische Isolation

Anfang der Siebziger veränderte sich das Kräftegewicht. „Rotchina“ hatte genügend Verbündete gesammelt, um selbst in die UN aufgenommen zu werden. Im Gegenzug verlor die „Republik China“ ihr Mandat und hat es bis heute nicht wieder erlangt. Endgültig zum diplomatischen Waisenknaben wurde Taiwan 1979, als selbst die Schutzmacht USA ihre offiziellen Beziehungen zugunsten Pekings abbrach.

Wirtschaftlich lief es besser. In den Siebzigern schuf die Regierung mit Infrastruktur-Großprojekten die Voraussetzungen für Taiwans Wirtschaftswunder. Bis dahin vor allem Billiglohn-Produzent für Textilien und Kunststoffartikel, katapultierte Taiwan sich in den Achtzigern in die Ränge der asiatischen Tigerstaaten – gemeinsam mit Südkorea.

Demokratisierung

Parallel dazu gewann die Demokratiebewegung an Fahrt und ließ sich nicht mehr unterdrücken. Der Sohn von Chiang Kai-shek, Taiwans letzter Diktator, hob 1987 nach fast 40 Jahren das Kriegsrecht auf. Sein Tod ein Jahr später machte endgültig den Weg frei für die Demokratie. Zur selben Zeit lockerte auch Südkoreas autoritäres Regime die Zügel. Seit 1996 wählen die Taiwaner ihre Präsidenten selbst.

Ihr Land aber heißt offiziell noch immer „Republik China“, und die Volksrepublik möchte es noch immer vereinnahmen. Auch ohne diplomatische Beziehungen verdankt Taiwan seine Eigenständigkeit weiterhin vor allem der Unterstützung durch die USA.


Ich bin wirklich kein Militarist. Den Kriegsdienst habe ich verweigert, gegen den Irak-Krieg demonstriert, und beim Gerede von „Friedensmissionen“ oder „Stabilisierungseinsätzen“ bekomme ich Wut.

Seit ich in Taiwan lebe, ist mein Wertesystem nun ein wenig durcheinander geraten. Denn angesichts der ungebremsten Aufrüstung der Volksrepublik China, die keinen Hehl daraus macht, im Fall der Fälle Taiwan anzugreifen (und das hieße zunächst einmal: mit einem Raketenhagel zu überziehen), begrüße ich alles, was diesen Schritt unwahrscheinlicher macht. Neben einem möglichst starken Militär Taiwans mit vielen, vielen Abwehrraketen ist das vor allem die Präsenz der US-Armee in der Region.

Der Taiwan Relations Act ist seit mehr als 30 Jahren der seidene Faden, in dem die Freiheit Taiwans baumelt. Ohne dieses Gesetz, das die USA verpflichtet, Taiwans Entwicklung als wichtige Angelegenheit zu betrachten und Verteidigungswaffen zu liefern, wäre es unter Garantie bereits vor langer Zeit zum Anschluss ans Festland gekommen.

Soldaten der taiwanischen Armee.

Ob die USA auch militärisch zugunsten Taiwan eingreifen würden (d.h. einen Krieg mit China riskieren), darüber steht nichts im TRA, und das lässt die US-Regierung auch stets ungeklärt (wie überhaupt den Status Taiwans, an dessen verfahrener Situation die USA die Hauptschuld tragen).

Womöglich könnte die Entscheidung aber schneller akut werden, als uns alles das lieb ist. Wer sich mal gepflegt gruseln möchte, dem empfehle ich die Lektüre des Berichts „Defense Planning for the Long Haul“ des US-Thinktanks CSBA. Als PDF gibt es eine Pressemitteilung und den kompletten Bericht. Die Taipei Times hat darüber berichtet.

Die Autoren gehen von einer hypothetischen Situation aus: Im Jahr 2019 kommt es in China aufgrund eines verlangsamten Wachstums und der alternden Gesellschaft zu sozialen Spannungen (zu viele junge Männer ohne Perspektive, unzureichendes Rentensystem) und massiven Unruhen. Anstatt gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen (vgl. Tiananmen), setzt die Regierung auf die Nationalismus-Karte. Da die Volksbefreiungsarmee nach 20 Jahren Aufrüstung in der Luft und zu See stark genug ist, blockiert China Taiwan und fordert die Regierung in Taipeh auf, einen Status als Sonderverwaltungszone à la Hongkong zu akzeptieren. Die Frage ist nun: Sind die USA auf diese Situation vorbereitet, und wie werden sie reagieren?

Exerzieren vor der CKS-Halle in Taipeh.

Da die PDF-Datei offenbar gegen Copy & Paste geschützt ist (wusste gar nicht, dass das geht), kann ich hier nicht die spannendsten Passagen zitieren. Ich empfehle daher nachdrücklich die Lektüre der Seiten 41-46 und 60-63. (Im Rest geht es um Szenarios in Nigeria und Iran.)

Das liest sich leider alles sehr plausibel. Es soll niemand behaupten, er sei nicht gewarnt worden.

Taiwans eigene Armee wird gar nicht erwähnt. Die war der VR zwar jahrzehntelang überlegen, aber die Zeiten sind dank Chinas Aufrüstung vorbei. Das wird sich bis zum Jahr 2019 auch bestimmt nicht mehr ändern.