Das wunderschöne Beitou Hot Spring Museum

Altbau oder Neubau? Für mich keine Frage. Ich liebe alte Gebäude. Erst recht, wenn sie gut erhalten sind. Trotz aller Bausünden findet man in Taipeh noch viele echte Schmuckstücke – wenn man weiß, wo. Die meisten stammen aus der japanischen Kolonialära. In Beitou steht ein besonders schönes Beispiel.

Taipei Beitou Hot Spring Museum

Wer heutzutage nach Xinbeitou fährt und dort den prächtigen Park abspaziert, muss sich schon sehr anstrengen, um das Hot Spring Museum zu übersehen. Wie aus dem Ei gepellt liegt es da, in einer grünen Oase, umgeben von alten Bäumen.

Rote Ziegel, abgesetzt mit weißem Putz, Rundbögen, Sprossenfenster und dunkle Dachziegel – es ist eindeutig, dieses Gebäude stammt aus Taiwans japanischer Ära. Westliche Einflüsse waren hier Anfang des 20. Jahrhunderts unverkennbar. Kein Wunder, dass in Taiwan viele öffentliche Bauten aus dieser Zeit, z.B. Bahnhöfe, an deutsche Gründerzeitbauten erinnern.

Taipei Beitou Hot Spring Museum

Viel beschäftigter Architekt

Wer nun meint, der Stil des Hot Spring Museum ähnele dem Präsidentenpalast in Taipeh, liegt genau richtig. Beide hat der selbe Architekt entworfen: Matsunosuke Moriyama. Auf sein Konto gehen auch das Gästehaus der Regierung (früher Residenz des Gouverneurs) gegenüber vom Präsidentenpalast, das Taiwan Tobacco and Liquor-Gebäude und der Kontroll-Yuan. Diesem Mann hat Taipeh wirklich was zu verdanken.

Die Japaner waren es, die überhaupt erst die Heiße-Quellen-Kultur nach Taiwan brachten. Die Chinesen hielten ursprünglich nicht viel von dem schwefeligen heißen Wasser. Die Kolonialherren dagegen waren ganz begeistert, als sie in Beitou an den Ausläufern des Yangmingshan – der ja ein Vulkan ist – allerbeste Bedingungen für ein Hot Spring Resort entdeckten.

Wobei: Geht es nach dem Hot Spring Museum, dann haben wir das eigentlich einem deutschen Schwefelhändler mit dem interessanten Nachnamen Ouely zu verdanken.

Taipei Beitou Hot Springs German Merchant

Wie dem auch sei, die Japaner errichteten 1913 dieses Gebäude als seinerzeit zweites öffentliches Heiße-Quellen-Bad von Beitou.

Bevor wir es uns von innen ansehen, ein kurzer Flug durch die Geschichte: Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Abzug der Japaner ging das Haus durch die Hände aller möglichen Institutionen, und schließlich lag es verlassen und vergessen da. Kaum zu glauben.

Taipei Beitou Heiße Quellen Museum

Erst 1994 wurde es von Schülern und Lehrern einer örtlichen Grundschule wieder entdeckt. Sie sorgten dafür, dass die Behörden von diesem Schatz Notiz nahmen. Das Gebäude wurde restauriert und 1998 als Beitou Hot Springs Museum wieder eröffnet.

Sehenswerte Räume

Die Ausstellung im Inneren dreht sich um Beitous Geschichte und ist ziemlich interessant, aber die eigentliche Attraktion ist das Gebäude selbst: Großzügig, lichtdurchflutet, viel Holz – die Japaner verstanden es damals einfach, lebenswerte Räume zu erschaffen. (Und nicht nur sie: Es hat ja einen Grund, dass auch hohe Altbaudecken und Holzfußboden in Deutschland eine besondere Anziehungskraft haben.)

Taipei Beitou Heiße Quellen Museum Innen

Im oberen Stockwerk (das man aber ebenerdig erreicht, weil das Gebäude am Hang liegt) ist dieser frühere Aufenthaltsraum, komplett mit Tatami-Matten ausgelegt. Hier verbrachten die Badegäste damals die Zeit mit Reden, Spielen, Zeitungslektüre oder was auch immer fast 100 Jahre vor Erfindung des Smartphones zum Zeitvertreib angesagt war.

Taipei Beitou Hot Spring Museum Japanese

Tatami-Matten, das war mir neu, hatten für die Wirtschaft in Beitou lange eine besondere Bedeutung: Hier wuchs das Gras, das dann woanders weiterverarbeitet wurde.

Taipei Beitou Tatami

Im unteren Stockwerk finden sich die alten Bade-Becken, heute leider trockengelegt. Ein kleines für die Damen, ein großes für die Herren.

Taipei Beitou Hot Spring Museum Bath House

Besonders schön und fotogen sind hier die farbenprächtigen Fenster. Die Originalscheiben wurden während der Renovierungsarbeiten am Gebäude gestohlen, aber zum Glück hatte eine Anwohnerin vorher so viele Fotos gemacht, dass sie sich originalgetreu restaurieren ließen.

Taipeh Beitou Hot Spring Museum Fenster

Es gibt im Museum einige Informationen darüber, wie Beitou nach dem Krieg für einige Zeit zum Zentrum von Taiwans Filmindustrie wurde. Alte Filmplakate erinnern an diese Ära.

Verrufenes Beitou

Nicht ganz so schön bebildert, aber zumindest nicht verschwiegen: Beitou war früher auch Taiwans bekanntester Rotlichbezirk. Das Entertainment hier beschränkte sich nicht nur auf heiße Quellen, Restaurants und Livemusik. In den sechziger und siebziger Jahren muss es extrem freizügig zugegangen sein, während des Vietnamkriegs hatte Taipeh einen besonderen Ruf als Rest & Recreation-Rückzugsort fürs amerikanische Militär.

Es gab in Beitou sogar einen Scooter-Lieferservice für weibliche Gesellschaft.

Taipei Beitou Prostitution

Liest man alte Reiseführer, finden sich noch Schilderungen aus dieser Zeit, die man mit dem heutigen Taipeh kaum in Verbindung bringen kann. Irgendwann schreibe ich dazu noch einen eigenen Blogeintrag.

Taipei Beitou Rotlichtviertel

1979 wurde Prostitution dann jedenfalls illegalisiert, und es änderte sich einiges. Rund um die Linsen N. Rd. und den Longshan-Tempel finden sich Überbleibsel, aber einen echten Rotlichtbezirk gibt es in Taipeh schon lange nicht mehr.

Wo ist das Beitou Hot Spring Museum?

  • Adresse: 2 Zhongshan Rd., Beitou District, Taipei
  • 北投溫泉博物館,台北市北投區中山路二號
  • Geöffnet: Dienstag bis Sonntag, 9 bis 17 Uhr. Eintritt frei
  • Nächste MRT: Xinbeitou (oder zu Fuß von Beitou rüberspazieren)
  • Mehr Fotos
  • Schräg gegenüber liegt das Ketagalan Culture Center, auch sehr sehenswert

Waren Sie schon mal hier? Haben Sie noch andere Tipps für Beitou und Umgebung?

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