Weniger Chinesen, trotzdem mehr Besucher

Taiwan ist ein angesagtes Reiseziel – aber nicht bei Europäern. Woher kommen die vielen Touristen, die letztes Jahr für eine Rekordzahl sorgten?

Vielleicht lag dieser Prospekt kürzlich auch in Ihrer Nähe im Supermarkt: Bei Lidl konnten Sie eine Taiwanreise buchen. Sieben Nächte, 1600 Euro. Lohnt sich das? Ich habe mir das Programm angesehen und war wenig überrascht. Es ist eine der Standard-Rundreisen, die viele Anbieter im Programm haben. Bei Aldi gab es vor einigen Jahren ein ähnliches Angebot.

Lidl Taiwan Reise

Was also würde Sie erwarten, wenn Sie so eine Reise buchen? Nach einem zwölfstündigen Flug sehen Sie sich zunächst 1,5 Tage lang die üblichen Sehenswürdigkeiten in Taipeh an, etwa das Taipei 101-Hochhaus und einige Tempel. Danach geht es per Bus auf eine Tour rund um die Insel, gut 1000 Kilometer in fünf Tagen.

Das bedeutet einen ziemlichen Schweinsgalopp und kaum Zeit, wirklich irgendwo die Umgebung auf sich wirken zu lassen. Im Chinesischen gibt es ein Sprichwort, das zu dieser Art Reisen passt: Zou ma kan hua (走馬看花), „Zu Pferde die Blumen betrachten“.

Jetzt lesen: Taiwan besser per Individualreise oder in der Gruppe?

Ganz ehrlich: Ich würde mich freuen, wenn einige Deutsche diese Gelegenheit nutzten, Taiwan kennen zu lernen. Aber ich weiß auch, dass sie mit mehr Zeit oder der Konzentration auf weniger Ziele noch mehr vom Besuch hätten.

Zwischen 20- und 30.000 Reisende sind vergangenes Jahr als Touristen von Deutschland kommend nach Taiwan eingereist. Das sind verglichen nicht nur mit Thailand, sondern auch mit Hongkong, Vietnam oder Südkorea verschwindend wenige. Bis hier Europäer in nennenswerter Zahl über die Nachtmärkte streifen und im Tempel Räucherstäbchen abbrennen, wird es noch dauern.

Mehr Besucher als je zuvor

Trotzdem konnte Taiwan gerade einen neuen Tourismusrekord vermelden: 10,6 Millionen Besucher waren es 2016. Und das, obwohl die Volksrepublik China viel weniger Reisegruppen schickt, seit hier die chinakritische Regierung das Ruder übernommen hat. Wo kommen die alle her?

Chinesische Touristen in Taiwan

Weil ich einen Artikel über das Thema zu schreiben hatte (online bei der Deutschen Welle), fuhr ich zum Taipei 101, an dem ich sowieso fast täglich vorbeikomme. Diesmal achtete ich gezielt auf die Besucher, denn so gut wie jeder Taiwan-Reisende kommt einmal hier vorbei und knipst seine Erinnerungsfotos.

Es dauerte ungefähr 30 Sekunden, bis ich die offiziellen Statistiken bestätigt sah: Sehr viele Reisende kommen aus anderen asiatischen Ländern, aber nicht unbedingt aus China.

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In Südkorea etwa gilt Taipeh als attraktives Städtereise-Ziel, keine drei Flugstunden von Seoul und gerade im Winter deutlich wärmer. Viele junge Koreanerinnen kommen für ein paar Tage zum Shoppen, Sightseeing und natürlich um Taiwans Spezialitäten zu kosten.

Touristinnen aus Korea

Warum gerade Frauen? Der Eindruck mag täuschen, aber vielleicht gönnt man sich unter besten Freundinnen eher so ein Wochenende als mit dem besten Kumpel. Südkoreanerinnen erkennt man derzeit jedenfalls an ihren gerade gezogenen Augenbrauen und dem kirschrot geschminkten Mund. Da ihr Land hier ebenso wie Japan als Mode-Trendsetter gilt, wird es nicht lange dauern, bis Taiwanerinnen nachziehen.

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Japaner waren schon immer eine wichtige Touristengruppe in Taiwan, die beiden Länder verbindet eine besondere Geschichte mit 50 Jahren japanischer Kolonialzeit. Die Besucher finden hier nicht nur geballt historische Architektur, wie sie in ihrem eigenen Land längst abgerissen wurde. Sie werden auch freundlicher empfangen als in den meisten anderen asiatischen Ländern, wo Japaner im Krieg eingefallen waren.

Dass sowohl Südkoreaner als auch Japaner als besonders zahlungskräftige Besucher gelten, freut Taiwan natürlich auch.

So, wie Deutsche eher nach Frankreich oder Italien reisen als nach Asien, läuft es eben auch andersherum.

Mehr deutsche, mehr europäische Touristen in Taiwan – was meinen Sie, wäre das gut oder nicht?

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Ein Kommentar zu “ Touristen-Rekord in Taiwan – aber kaum Deutsche ”

  1. Daniel sagt:

    Ich bin da zwiegespalten.
    Einerseits wünsche ich mir, dass viel mehr Leute die Liebenswürdigkeit Taiwans entdecken können, einfach weil Taiwan es wert ist, beachtet und genossen zu werden. In meinem Freundes- und Kollegenkreis rühre ich daher auch seit Jahren kräftig die Werbetrommel für Taiwan.
    Andererseits ist für mich gerade einer der großen Vorzüge Taiwans, dass ich mich dort richtig wie in einer „anderen Welt“ fühlen kann und mich nicht ständig inmitten anderer europäischer Touristen wiederfinde, wie es bei vielen anderen Zielen ist.

    Im Prinzip wünsche ich Taiwan also mehr westliche Touristen, mir selbst aber genau das Gegenteil. Zwickmühle. 🙂

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