Wo der Wahnsinn an jeder Ecke lauert

In Taiwan gehöre ich zu einer absoluten Minderheit. Ich fahre nämlich nicht selbst Scooter, und ich vermeide auch Autofahrten in der Stadt. Es ist mir einfach zu gefährlich.

In Deutschland haben sie sich noch nicht ganz durchgesetzt, aber hier in Taiwan klemmen sie hinter fast jeder Windschutzscheibe: „Dashboard-Cams“, also Kameras, die permanent das Geschehen vor dem Auto filmen. Damit kann der Fahrer Beweismaterial präsentieren, wenn er in einen Unfall verwickelt wird.

Verkehrsunfall in Taiwan

Diese Kameras zeichnen natürlich auch auf, was weiter vorn auf der Straße passiert. Wenn zum Beispiel ein entgegenkommender Wagen in voller Fahrt einen Motorroller rammt, der aus einer Seitenstraße schießt. Oder einen Fahrradfahrer. Oder wenn ein Roller beim riskanten Spurwechsel die Lücke falsch einschätzt und auf den Asphalt geschleudert wird.

Solche Videos finden oft ihren Weg ins Internet und dann ins Fernsehen. Unfälle gab es schon immer, aber nie zuvor wurden sie so massenhaft festgehalten.

Im Netz habe ich einen Zusammenschnitt gesehen, den man als Horrorfilm in jeder Fahrschule zeigen könnte. Zehn Minuten lang, ein Unfall nach dem anderen, fast alles im vergangenen Jahr auf Taiwans Straßen gefilmt. Fast immer waren Motorroller beteiligt. Bei einigen Szenen, da bin ich mir sicher, stand der Fahrer nie wieder auf.

Die größte Gefahr in Taiwan

Das ist erschreckend, aber ich glaube, solche Videos sind notwendig, um hier deutlich zu machen: Der Straßenverkehr ist Taiwans größte Gefahrenzone. Kriminalität spielt keine Rolle, die Umweltverschmutzung hat man einigermaßen im Griff, aber was sich auf den Straßen abspielt, ist mit westeuropäischen Verhältnissen nicht zu vergleichen.

Ich will nicht übertreiben: Es gibt Länder, in denen es um ein vielfaches chaotischer und mörderischer zugeht. (Aber mit diesen Ländern will Taiwan sich normalerweise nicht vergleichen.)

Und es stimmt auch: Wer die Augen aufhält, sich defensiv verhält und das Motto „der Klügere gibt nach“ verinnerlicht, kommt im Auto, auf dem Roller oder Fahrrad normalerweise einigermaßen sicher von A nach B. (Bis man irgendwann vielleicht Pech hat.)

Hier mein Fahrrad-Selbstversuch im Video:

Prinzip „Einfach drauflos“

Viele missachten auf der Straße die einfachsten Vorsichtsmaßnahmen und fahren, als hätten sie ein Radar eingebaut.

Lieferwagen und PKW meinen, für sie gelte automatisch das Recht des Stärkeren. Motorroller nutzen ihre Beweglichkeit dreist aus und rauschen links wie rechts durch jede Lücke. Alle zusammen schießen sie aus Seitenstraßen, ohne zuvor einen Blick auf den Verkehr zu werfen.

Und für einige Fußgänger haben rote Ampeln nur dekorative Funktion – Senioren sind hier besonders renitent.

Jetzt lesen: Die besten Strecken zum Radfahren in Taipeh

Weniger Verkehrstote…

Ein Blick in Taiwans offizielle Unfallstatistik zeigt: Die Zahl der Verkehrstoten geht zurück. 2013 waren es erstmals weniger als 2000, und 2016 sogar nur noch 1604. Also ungefähr sieben pro 100.000 Einwohner.

In Deutschland waren es 2016 laut Statistischem Bundesamt 3214 Verkehrstote. Etwa vier pro 100.00 Einwohner.

Das statistische Risiko, in Taiwan bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen, ist also fast doppelt so hoch wie in Deutschland.

Im internationalen Vergleich entspricht Taiwan hier immerhin dem Niveau von Belgien oder Estland. Gurtpflicht auch hinten, Helmpflicht und schärfere Alkoholkontrollen zeigen wohl Wirkung.

…aber mehr Verletzte

Es gibt jedoch immer mehr Unfälle mit Verletzten. 2016 waren es 384.000. Etwas weniger als in den beiden Vorjahren, aber immer noch der dritthöchste Wert in der Statistik. Das entspricht fast 1700 Verletzten pro 100.000 Einwohnern, 17 pro 1000, oder 1,7% der Bevölkerung, oder einem Verletzten alle 80 Sekunden.

In Deutschland mit seiner mehr als dreimal größeren Bevölkerung gab es 2016 dagegen 396.700 Verletzte bei Verkehrsunfällen. Also nur knapp 500 pro 100.000 Einwohner, oder fünf pro 1000.

Das statistische Risiko, in Taiwan bei einem Verkehrsunfall verletzt zu werden, ist also mehr als drei Mal so hoch wie in Deutschland.

Scooter in Taiwan

Lässt sich das ändern?

Woran liegt das, und was könnte man tun? Jeder, der einige Zeit in Taiwan verbringt, könnte zu Taiwans Verkehr einen bunten Strauß an Beobachtungen und Erfahrungen beitragen. Wenn Sie mal unter Ausländern zusammensitzen und dringend ein Gesprächsthema suchen – hier ist es.

Sicher würde es helfen, wenn die Polizei die bestehenden Regeln konsequent durchsetzt, statt zu oft ein Auge zuzudrücken. Das ist Toleranz an der verkehrten Stelle.

Jetzt ansehen: Taiwans Scooter-Fahrprüfung in der ARD

Und die Fahrausbildung müsste sich wohl ändern. Fahrschüler dürfen nämlich gar nicht auf die Straße. Sie drehen ihre Runden auf dem abgesperrten Übungsplatz, und wenn sie unfallfrei geradeaus fahren und ihnen rückwärts eine S-Kurve gelingt, bekommen sie den Führerschein.

Ich werde hier jedenfalls auch weiterhin nicht Motorroller fahren. Sicher ist sicher.

Und wie verhalten Sie sich?

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5 Kommentare zu “ Wie gefährlich ist Taiwans Straßenverkehr? ”

  1. Daniel sagt:

    Ich sehe das größte Problem auch in den Fahrschulen. Die Leute werden nahezu völlig unvorbereitet auf die Straßen losgelassen, das Ergebnis ist dann dementsprechend.
    Gefühlt ist auf Taiwans Straßen auch so gut wie nie die Polizei zu sehen, insofern ist die Chance gering, bei Verstößen erwischt zu werden. Gibt es denn sowas wie Ampelblitzer, die Rotlichtverstöße automatisch erfassen? Wäre ja sicher bereits eine sehr große Hilfe.

    Ich selbst hab ich bislang immer sicher gefühlt. Einmal war ich nicht schnell genug beim Überqueren der Straße und bin mitten in die losrasende Scooter-Meute geraten. Aber da hab ich den Ausländerbonus (und eine recht stämmige Statur), alle haben aufgepasst und ich konnte einfach in konstantem Tempo weitergehen, während vor und hinter mir alle vorbei fuhren.

    Kleiner pedantischer Hinweis zu einem Fehler, der mir in allen Medien immer wieder auffällt: Deutschland hat keine „mehr als dreimal größere“ Bevölkerung als Taiwan, sondern nur eine „mehr als dreimal so große“. „Dreimal größer“ ist nämlich „viermal so groß“. 🙂

  2. Jens Frank sagt:

    Was mir immer mit Grausen auffällt sind die nachgerüsteten Metallspieße an vielen PKWs (z.T. sogar Polizeiautos) links und rechts der Kotflügel, die wohl nur den Zweck erfüllen, dem Fahrer beim Einparken zu helfen. Oftmals mit chromglänzender Speerspitze, direkt auf Kleinkindaugenhöhe. Vor meinem inneren Auge spielen sich da Szenen wie in „300“ ab. Was sagen eigentlich die Automobilhersteller dazu, die ja ganze Abteilungen beschäftigen, um das Unfallfolgenrisiko für Fußgänger zu minimieren, dass andernorts die Karre wie bei Mad Max umgerüstet wird? Gibt es dazu Zahlenmaterial aus der Unfallstatistik?

  3. Max Mustermann sagt:

    Ich befürchte, dass die Statistiken, vor allem die taiwanischen, noch viel schlimmer aussähen unter Berücksichtigung der Dunkelziffern bei ungemeldeten Unfällen. Es ist anscheinend in Taiwan recht üblich, die Polizei gar nicht erst zu informieren, sondern sich direkt auf eine Bargeldsumme zu einigen. Vor allem denke ich dabei an die vielen Menschen, die hier ohne Führerschein und/oder mit ungemeldetem Roller unterwegs sind.

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